Lenzburg–Birrfeld
Freie Fahrt Richtung Zürich: A1-Baustelle ist Ende Monat Geschichte

Drei Jahre lang war die A1 eine einzige Baustelle. Ende November sind die letzten Arbeiten fertig. 210 Millionen kostete das Megaprojekt. Erstaunlicherweise gab es während der Baustellen-Zeit weniger Unfälle.

Hans Lüthi
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Abbruch der zweiten Brückenhälfte. Der gesamte A1-Verkehr rollte über die erste von zwei neuen Brücken.
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Der neue Flüsterbelag ersetzt die Holperpiste
Bei einer der Zwillingsbrücken am Bünztalviadukt in Othmarsingen wird der Deckbelag eingebaut.
Schlussphase beim Bau der Halbüberdeckung Lenzburg, der Schalwagen wird in Nachtarbeit demontiert.
Rund um die Uhr wurde am Bünztalviadukt gearbeitet.
Die Bauerei auf der A1 ist vorüber: 210 Millionen-Sanierung Ende November abgeschlossen.

Abbruch der zweiten Brückenhälfte. Der gesamte A1-Verkehr rollte über die erste von zwei neuen Brücken.

Aargauer Zeitung

In der Nacht auf heute ist auf der Autobahn 1 beim Bünztalviadukt die enge 4:0-Verkehrsführung verschwunden – falls nach Redaktionsschluss der Wettergott den Bauherren keinen Streich gespielt hat. 4:0 ist kein Kantersieg des FC Aarau, sondern bedeutet vier Fahrstreifen auf einer Autobahnhälfte, zwei Richtung Zürich und zwei Richtung Bern.

Mit der Entflechtung kommen die Fahrstreifen wieder auf die richtige Seite, also auf die Zürcher und die Berner Fahrbahn – auf zwei nigelnagelneuen Brücken über der Bünz. Aber bis Ende November bleibt der Platz noch knapp, es gilt weiterhin Tempo 80, erst danach kommt die lang ersehnte freie Fahrt.

«Wir müssen die je zwei Fahrstreifen ganz an den rechten Rand drängen, um den Mittelstreifen fertig bauen zu können und die Markierungen anzubringen.» Das sagt Projektleiter Andrew Imlach vom Bundesamt für Strassen (Astra) in Zofingen.

Für das Versetzen der orangefarbigen Führungsbänder muss der Strassenbelag trocken sein. Würden sich die Orientierungshilfen für die Autofahrer ablösen, gäbe es rasch ein mittleres Verkehrschaos.

Seit sechs Jahren arbeitet Imlach an dieser Autobahnsanierung, «drei bis fünf Jahre habe ich noch zu tun, aber das merken die A1-Benützer nicht», fügt er an.

Arbeit neben 80 000 Fahrzeugen

Die Sanierung der A1 auf den 91⁄2 Kilometern zwischen Lenzburg und dem Birrfeld war ein gigantisches Projekt. Ein Indiz dafür sind die Kosten von 210 Millionen Franken, die sich im Rahmen des Budgets bewegen. Vom Mai 2010 bis heute sind 120 000 Quadratmeter Betonplatten zertrümmert worden, bevor an den Ausbau zu denken war. «Danach haben wir 115 000 Tonnen Asphaltbeläge eingebaut», nennt Imlach eine eindrückliche Zahl. Für Brücken und Unterführungen kamen 70 000 Tonnen Beton hinzu.

«Die Arbeiten unter Dauerverkehr waren für alle Beteiligten die grösste Herausforderung», betont der Projektleiter. Denn hier rollen im Mittel täglich 80 000 Fahrzeuge durch, am nahen Baregg sind es mit der A3 sogar 120 000 Autos und Lastwagen.

Weniger Unfälle bei Baustelle

Eine Erfahrung vom Ausbau im Limmattal bestätigt sich bei Lenzburg–Birrfeld: Es gab weniger Verkehrsunfälle als ohne Baustelle – dies bei gleich vielen Fahrzeugen. «Für Autobahnen rechnen wir mit einem Unfall auf zehn Millionen gefahrene Kilometer, doch die Zahlen der Verkehrspolizei war deutlich tiefer», sagt Imlach. Zum Vergleich: Auf der A1 Lenzburg–Birrfeld werden täglich 760 000 Kilometer zurückgelegt.

Offensichtlich sind die Autofahrer im Baustellen-Engpass viel vorsichtiger, als wenn sie mit Tempo 120 über die breiten Strassen brettern können. Überschattet wird die Bilanz von einem tödlichen Unfall, weil ein Autolenker bei Lenzburg den Mitarbeiter einer Baufirma überfuhr.

Zusätzliche Staus hat es laut Imlach nicht gegeben, mit Ausnahme der temporären Höhenbeschränkung beim Bau der Halbüberdeckung Lenzburg. Lange Kolonnen gab es bei Zwischenfällen wegen des Platzmangels, weil die Pannenstreifen fehlten.

Bünztalviadukt als Kernstück

Zwei riesige Brücken verlangten für sich allein höchste Ansprüche: Die von 1962 bis 1966 gebaute Brücke über fast 400 Meter Länge über das ganze Aabachtal bei Lenzburg.

Das grösste Kunststück aber vollbrachten Ingenieure, Baufirmen und Arbeiter 30 Meter über der Bünz: Sie rissen die eine Hälfte der alten Brücke ab, während auf der anderen Hälfte der gesamte Verkehr weiter rollte. Dann bauten sie von Grund auf die Pfeiler und die ganze Nordbrücke, leiteten den Verkehr darauf und erstellten die komplett neue Südbrücke. Der schlechte Baugrund im Bünztal führte zu einem Monat Verzögerung. Allein die Viadukte über Aabach und Bünz kosteten
29 und 36 Millionen Franken.

Flüsterbelag statt Holperpiste

Abgesehen von den Baustellen bei der Bünztalbrücke sind die Autofahrer längst verwöhnt von den neuen Flüsterbelägen. Vergessen sind die Beton-Holperpisten, bei denen mancher Autolenker befürchtete, er sei mit platten Pneus unterwegs.

Ob auch der teure Lärmschutz in Lenzburg seine Wirkung entfaltet, zeigt sich erst im Frühling. Dann macht der Kanton Lärmmessungen in ausgewählten Wohnungen über der Halbüberdeckung und vergleicht die Daten mit den Referenzwerten vor dem Bau. Apropos Lärm: Dank ruhigem Belag braucht es viel weniger Schutzwände. Auf insgesamt 2330 Meter Länge wurden sie montiert und sind bis zu 41⁄2 Meter hoch.