Er balancierte über die Köpfe der Besucher hinweg durch den Saal des Aarauer Kultur- und Kongresshauses (KuK). Auf dem Seil, das zwischendurch bedrohlich zitterte, lief er mit einer langen Balancestange in den Händen vom Balkon auf die Bühne. Ein schwieriger Balanceakt – und nicht einmal für Freddy Nock ein Spaziergang.

Als der Hochseilartist aus Uerkheim neben Moderator Franz Fischlin Platz nahm, lief ihm der Schweiss übers Gesicht. Das lag allerdings auch an seinem fünf Kilo schweren rot-weissen Lederanzug, der ihn sonst in luftiger Höhe vor der Kälte schützt. Jenes Outfit, das Nock bei den meisten seiner zahlreichen Rekordversuche getragen hat. Nur einmal nicht, da habe seine Frau den Anzug im Auto vergessen, sagte er.

Hochseilartist Freddy Nock am Wirtschaftssymposium im Kultur- und Kongresshaus in Aarau.

Hochseilartist Freddy Nock am Wirtschaftssymposium im Kultur- und Kongresshaus in Aarau.

Hochseilartist Freddy Nock lief schon über das Tragseil der Corvatsch-Seilbahn, mehr als 3300 Meter über dem Boden – und am 13. Wirtschaftssymposium über die Köpfe der Besucher.

Freddy Nock, der als Vierjähriger mit dem Seiltanzen begonnen hat, sagt von sich: «Ich war schon immer speziell.» Als jüngst Sturm Burglind wütete, wollte er rauf aufs Seil, um den Umgang mit Windböen zu perfektionieren. Umgestürzte Bäume verhinderten das Abenteuer. Er lief schon über das Tragseil der Corvatsch-Seilbahn, mehr als 3300 Meter über dem Boden. Und der 53-Jährige will noch einige tausend Meter höher hinaus: Begleitet von zwei Fallschirmspringern, möchte er über ein Seil zwischen zwei Heissluftballonen laufen und wohl auch mit dem Velo fahren. Sein nächster Rekordversuch.

«Der Chef hat ausgedient»

Der waghalsige Stunt von Freddy Nock passte zum Thema des 13. Wirtschaftssymposiums Aargau: «Nichts ist mehr sicher. Ein Drahtseilakt für unser Vertrauen?» Ein Thema, das angesichts der fortschreitenden Digitalisierung auch Aargauer Unternehmerinnen und Unternehmer beschäftigt. Rund 350 Teilnehmer erlebten einen abwechslungsreichen Mittwochnachmittag. Redner und Coach Ralph Goldschmidt sprach in seinem Referat über «Arbeit 4.0» von Zeiten der ständigen Veränderung.

Wie komplex und unberechenbar das Leben geworden ist, zeigte er an einem Pendel, das er erst ruhig kreisen, dann wild umherwirbeln liess. Dabei, so sagte Goldschmidt, sehne sich der Mensch eigentlich nach Sicherheit. Die grosse Frage, die sich stellt: «Wie schaffen wir es, uns nicht aus der Bahn werfen zu lassen?» Gefordert seien vor allem Anpassungsfähigkeit und die Bereitschaft zur Veränderung. Die klaren Hierarchien in den Unternehmen funktionierten angesichts der zunehmenden Komplexität immer weniger. Goldschmidt nannte das Beispiel eines holländischen Pflegeunternehmens, das von Mitarbeitenden geleitet wird – mit Erfolg. Überspitzt formulierte er es so: «Der Chef hat ausgedient.»

Ausgedient als Chef hat auch André Blattmann – allerdings einzig aus Altersgründen. Der pensionierte Armeechef trat in Aarau als Redner auf. Dem Wandel dürfe sich auch die Armee nicht verschliessen; Blattmann sprach von einem permanenten Bedarf an Erneuerung. Dem Publikum erzählte er von einem Besuch bei einem Unternehmen in Peking, das auf die Abwehr von Cyberangriffen spezialisiert ist.

Blattmanns Lehre aus der China-Reise: «Wer so gut verteidigen kann, weiss auch wie angreifen.» In der Schweiz hingehen sei das Stichwort Cyber noch lange nicht überall angekommen. «Vertrauen allein reicht nicht, es braucht auch Risikominimierung.»

Nicht ins analoge, sondern ins digitale Geschäft investierte Serge Tanner. Für sechs Millionen Franken liess der Geschäftsführer der Tanner & Co. AG in Meisterschwanden ein Besucherzentrum bauen. Zwar tastet sich das Familienunternehmen mit über 100 Mitarbeitenden ans Onlinegeschäft heran – «mit einem kleinen Webshop», wie Tanner sagte. Doch zentral sei nach wie vor der persönliche Kontakt, das Vertrauen in die Menschen. «Nach einem Hype besinnt man sich wieder auf traditionelle Werte.»