Alles muss man selber machen: Doris Leuthard (l.), Stéphanie Mörikofer und Doris Stump über Hürden, Hindernisse und Frauenrechte.

Simone Morger/Ruth Wiederkehr/Annina Sandmeier-Walt

AZ-Doku zu Frauenrechten
«Wir waren doch eine blöde Konkurrenz!»: Drei Aargauer Pionierinnen über ihre Erfahrungen in der Politik

Vor genau 30 Jahren fand landesweit die grösste öffentliche Mobilisierung seit dem Landesstreik von 1918 statt: der Frauenstreik. 2021 jährt sich zudem die Einführung des Frauenstimmrechts im Aargau zum 50. Mal. Wir haben drei Aargauerinnen zur Diskussion geladen, die zu den ersten auf der Polit-Bühne gehörten.

Annina Sandmeier-Walt, Ruth Wiederkehr*, Simone Morger
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Es sei «ein überwältigender Erfolg gewesen», liess das Organisationskomitee des Frauenstreiks vom 14. Juni 1991 in Aarau verlauten. Über 3000 Personen seien in die Kantonshauptstadt gekommen, um für die Gleichstellung zu protestieren.

In Rheinfelden fuhren Frauen mit einem lila Traktor durch die Strassen und machten auf die Missstände in der Gleichberechtigung aufmerksam. Auch in Brugg und Baden gab es Protestmärsche durch die Städte.

Vor der Manor-Verteilzentrale in Möhlin werben Gewerkschafterinnen für den Frauenstreiktag. Die weibliche Belegschaft reagierte jedoch zumeist abwehrend auf die Einladung zur Teilnahme.
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Das Plakat «Landesweiter Frauenstreik – 14. Juni 1991 – Wenn Frau will, steht alles still» von der Berner Grafikerin Agnes Weber warb in verschiedenen Ausführungen – hier im Namen des VPOD – für den Frauenstreik am 14. Juni 1991.

Vor der Manor-Verteilzentrale in Möhlin werben Gewerkschafterinnen für den Frauenstreiktag. Die weibliche Belegschaft reagierte jedoch zumeist abwehrend auf die Einladung zur Teilnahme.

Schweizer Fernsehen, Tagesschau Hauptausgabe, 14. Juni 1991

Dort hielt die erste und damals einzige Aargauer Nationalrätin, Ursula Mauch (SP), eine Rede, in der sie die fehlende Vertretung der Aargauer Frauen in der Politik anprangerte: «Es ist schön, dass heute so viele Frauen hier sind – im Nationalrat fühle ich mich immer sehr einsam.»

Durchbruch in den 1990er-Jahren

Ab den 1990er-Jahren stieg die politische Teilhabe der Aargauer Frauen auch in der Exekutive und auf nationaler Ebene rapide an. 1992 wurde mit Stéphanie Mörikofer (FDP) erstmals eine Frau in den Aargauer Regierungsrat gewählt. 1995 folgten mit Christine Egerszegi (FDP), Doris Stump (SP), Agnes Weber (SP) drei weitere Aargauerinnen in den Nationalrat.

2006 wurde Doris Leuthard (CVP) als erste Aargauerin in den Bundesrat gewählt. 2007 war Christine Egerszegi die erste Aargauer Ständerätin. Als 2009 erstmals in der Geschichte des Schweizerischen Bundesstaates die drei höchsten Ämter gleichzeitig von Frauen besetzt waren, gehörten zwei Aargauerinnen dazu – Doris Leuthard als Bundespräsidentin und Pascale Bruderer (SP) als Nationalratspräsidentin.

Der neue Dokumentarfilm, der im Rahmen des Projekts «Zeitgeschichte Aargau» und in Zusammenarbeit mit der «Aargauer Zeitung» entstanden ist, macht die sukzessive Beteiligung der Aargauer Frauen in der Politik zum Thema. Dazu diskutieren die ehemaligen Aargauer Politikerinnen Doris Leuthard, Stéphanie Mörikofer und Doris Stump.

Forschen und vermitteln

«Zeitgeschichte Aargau» ist ein Forschungs- und Vermittlungsprojekt der Historischen Gesellschaft Aargau. Ein Team aus acht Historikerinnen und Historikern erarbeitet die wissenschaftlichen Grundlagen für die Vermittlung der Aargauer Zeitgeschichte zwischen 1950 und 2000 in verschiedenen Formaten. Der Aargauer Regierungsrat hat beschlossen, das Unterfangen mit Geldern aus dem Swisslos-Fonds zu finanzieren. Mit der «Aargauer Zeitung» besteht eine Medienkooperation, zudem wird das Projekt von SRF, der Bildagentur Keystone und mehreren Stiftungen unterstützt.

Mehr dazu unter zeitgeschichte-aargau.ch

Ebenfalls Teil des Dokumentarfilms sind Beiträge aus dem Archiv des Schweizer Fernsehens, etwa ein Interview mit der Wohler Frauenrechtlerin Gertrud Heinzelmann von 1998: «Für die Frauen hat sich nie jemand eingesetzt – wir mussten es immer selber machen», sagte sie damals.

Sie engagierte sich bereits vor der ersten nationalen Abstimmung zum Frauenstimmrecht 1959 an vorderster Front. Der Durchbruch gelang aber erst 1971, als das Frauenstimmrecht schweizweit – und im Aargau auch auf kantonaler Ebene – von den Männern an der Urne angenommen wurde.

«Hausfrau und Mutter»

Doch in der Gesellschaft änderte sich vorerst nicht viel: «In den 1970er-Jahren war das Gesellschaftsbild der Frau dasjenige der Hausfrau und Mutter», sagt Doris Leuthard. «Erst zu Beginn der 1980er-Jahre gab es mit verschiedenen Gesetzesrevisionen und dem Gleichstellungsartikel einen neuen Schub», führt sie aus.

Stéphanie Mörikofer (l.), Doris Stump und Doris Leuthard treffen sich im Grossratsgebäude in Aarau zur Diskussion.
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Die erste Aargauer Regierungsrätin: Stéphanie Mörikofer.
Eine der ersten Nationalrätinnen aus dem Aargau, Frauenrechtlerin in den 1980er-Jahren und die erste Wettinger Gemeinderätin: Doris Stump.
Die erste Bundesrätin aus dem Aargau: Doris Leuthard.

Stéphanie Mörikofer (l.), Doris Stump und Doris Leuthard treffen sich im Grossratsgebäude in Aarau zur Diskussion.

Chris Iseli

Zentral war laut Stéphanie Mörikofer vor allem die Revision des Eherechts 1988, das die Bevormundung verheirateter Frauen beendete. «Dies alles war aber nur möglich, weil ab 1971 Frauen in den Nationalrat gewählt wurden. Sie konnten neue Themen aufgreifen und durchsetzen», so Doris Stump.

Strengere Massstäbe

Alle drei ehemaligen Politikerinnen bestätigen, dass sich althergebrachte Denkmuster und soziale Regeln nur langsam änderten. Für Frauen galten strengere Massstäbe zum Lebenswandel und höhere Hürden für eine Wahl in ein politisches Amt. Auch Abwahlen müssen Frauen in Exekutivämtern häufiger verkraften als Männer.

Und warum ist 2021 der Aargauer Regierungsrat wieder ein rein männliches Gremium? Stéphanie Mörikofer ist überzeugt, dass die Parteien es versäumen, Frauen gezielt für politische Ämter aufzubauen. Es sei wie zu Zeiten von Gertrud Heinzelmann, meint Doris Stump:

«Wir müssen es selber machen.»

*Annina Sandmeier-Walt und Ruth Wiederkehr sind Autorinnen beim Projekt «Zeitgeschichte Aargau», Simone Morger ist Videoredaktorin bei der «Aargauer Zeitung».