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Frau Lüscher zitiert Frisch

Jörg Meier geht in Rente – dazu fällt Frau Lüscher ein Zitat von Max Frisch ein.

Jörg Meier geht in Rente – dazu fällt Frau Lüscher ein Zitat von Max Frisch ein.

Frau Lüscher hat wieder angerufen. «Stimmt es, dass Sie als Redaktor aufhören?», fragte sie. «Ja», antwortete ich, «das stimmt. Ende Jahr ist Schluss.»

«Das ist jetzt aber dumm», sagte Frau Lüscher, «ich habe Sie meistens gerne angerufen. Auch wenn Sie nicht immer nett zu mir waren. Möglicherweise werden Sie mir fehlen.»

Ich entschuldigte mich für mein unpassendes Verhalten und sagte Frau Lüscher, dass sie mich selbstverständlich weiterhin anrufen dürfe, wenn ihr danach sei. Aber wenn sie mich anrufe, dann bitte auf die Privatnummer; ich sei künftig kaum mehr auf der Redaktion anzutreffen.

Ja, danke, sagte Frau Lüscher, vielleicht werde sie das tatsächlich tun. Ach ja, sie habe übrigens kürzlich einen Satz gelesen, der vielleicht zur Situation des abtretenden und Rückschau haltenden Redaktors recht gut passen könnte.

«Wie lautet der Satz?», fragte ich.

«Moment», sagte Frau Lüscher, «ich habe ihn aufgeschrieben. Er geht so: Jeder Mensch erfindet sich früher oder später eine Geschichte, die er für sein Leben hält.»

«Was für ein Zufall», entfuhr es mir, «genau diesem Zitat von Max Frisch bin ich auch erst kürzlich begegnet.»

«Sehen Sie», sagte Frau Lüscher, «vielleicht sollten wir beide doch in Kontakt bleiben.»

«Das machen wir», erwiderte ich, «nur schon wegen Max Frisch und der neuen Geschichten.»

«Da bin ich aber gespannt», sage Frau Lüscher und legte auf.

Autor

Jörg Meier

Jörg Meier

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