Abschiedsserie 4/4
Frau Leuthard, ist Bundesrätin nach 8 Jahren noch immer Ihr Traumjob?

Bundesrätin Doris Leuthard verrät im letzten Abschiedsinterview von az-Redaktor Hans Lüthi, warum sie noch immer gern im Bundesrat ist. Dank der zunehmenden Erfahrung könne sie heute auch auf der ganzen Themenbreite mitdiskutieren.

Hans Lüthi
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Bundesrätin Doris Leuthard spricht im Bundeshaus Nord mit az-Redaktor Hans Lüthi über aktuelle Themen und ihre Arbeit.

Bundesrätin Doris Leuthard spricht im Bundeshaus Nord mit az-Redaktor Hans Lüthi über aktuelle Themen und ihre Arbeit.

Emanuel Freudiger

Vor seiner Pensionierung Ende Mai nach fast 40 Jahren als Redaktor der az und des «Badener Tagblatts» verabschiedet sich Hans Lüthi mit einer Interview-Serie. Der Umwelt-, Energie- und Verkehrsspezialist befragte politische Weggefährten seiner langjährigen Karriere.

Dazu gehörte in den letzten knapp zwei Jahrzehnten Doris Leuthard immer wieder, in ihrer steilen politischen Laufbahn als Aargauer Grossrätin, Präsidentin der CVP Schweiz, Nationalrätin und Bundesrätin. Gemeinsame Themen bildeten die Energie, speziell die Atomenergie, Verkehrs- und Umweltfragen. Bundesrätin Leuthard spricht auch zur Belastung in ihrem «Traumberuf».

Es war einer der grössten Flops meiner Karriere: Beim Interview vor den Wahlen 1999 suchte ich Sie in Merenschwand statt in Muri. Erinnern Sie sich?

Doris Leuthard: Nein, daran kann ich mich jetzt nicht mehr erinnern. Aber an die Wahlfeiern schon. Und die az-Kampagne «Duschen mit Doris» verfolgt mich ja bis heute.

Sie sind seit 8 Jahren im Bundesrat, ist das noch immer Ihr Traumjob?

Ich habe nie gesagt, das sei mein Traumjob, aber es ist eine schöne Aufgabe, ich mache es immer noch gerne. Am Anfang war ich auf die Fragen im Departement konzentriert, aber mit zunehmender Erfahrung kann man auf der ganzen Themenbreite mitdiskutieren. Das reicht von der Europapolitik über die Landwirtschaft bis zu Finanzfragen.

Zum Lösen aller Probleme im Uvek müssen Sie noch 15 bis 20 Jahre bleiben!

2007 bekommt Doris Leuthard von der CVP-Frauengruppe Muri eine Rose mit ihrem Namen. Die Übergabe erfolgt in Merenschwand, wo Doris Leuthard aufgewachsen ist. Ihr Vater war langjähriger Gemeindeschreiber und Grossrat. Tochter Doris kam 1997 in den Grossen Rat, sie wurde 1999 in den Nationalrat gewählt. Im Jahr 2006 erfolgte die Wahl in den Bundesrat. 2010 war Doris Leuthard Bundespräsidentin. (AZ)

2007 bekommt Doris Leuthard von der CVP-Frauengruppe Muri eine Rose mit ihrem Namen. Die Übergabe erfolgt in Merenschwand, wo Doris Leuthard aufgewachsen ist. Ihr Vater war langjähriger Gemeindeschreiber und Grossrat. Tochter Doris kam 1997 in den Grossen Rat, sie wurde 1999 in den Nationalrat gewählt. Im Jahr 2006 erfolgte die Wahl in den Bundesrat. 2010 war Doris Leuthard Bundespräsidentin. (AZ)

ES

Nein, nein, das glaube ich nicht, wir haben ein paar grosse Projekte angepackt. Für die Bahnreform Fabi ist die politische Arbeit erledigt, da habe ich einen grossen Wurf hinter mir. Die Energiepolitik ist jetzt in der politischen Ausarbeitung mit dem Parlament. Das gibt noch manches Jahr Arbeit, wir haben eine Strategie bis 2050 definiert und sind erst im Jahre 3. In der Raumplanung haben wir mit dem neuen Gesetz einen grossen Schritt gemacht, um sorgfältiger mit dem Boden umzugehen, wie die Gesellschaft das will.

In der Raumplanung haben die Kantone Bedenken, ihre Pläne könnten lange in Bern bleiben.

Die Planungen der Kantone für die Richtpläne sind sehr unterschiedlich, der Kanton Genf ist schon bereit, Zürich hatte selber eine kantonale Kulturlandinitiative und ist reif zur Anmeldung. Andere Kantone beginnen erst mit der Arbeit und brauchen noch drei bis fünf Jahre. Darum glauben wir, für die Behandlung der Pläne genug Ressourcen zu haben. In der Übergangszeit kann man einzonen, aber unter dem Strich darf es nicht mehr Bauland geben.

Wie sollen die Autobahnen und die überfüllten Züge das Verkehrswachstum verkraften?

Bei der Bahn sind wir froh, dass wir dank Fabi investieren können, bei den Strassen wollen wir die Beseitigung der Engpässe vorantreiben. Aber bei der wachsenden Mobilität können wir das Problem nur zum Teil lösen. Wir können nicht die ganze Schweiz mit Schienen und Strassen zubetonieren.

Haben Sie eine Alternative?

Die Frage lautet, wie wir die Mobilität besser steuern können, damit nicht alle gleichzeitig zur Schule und zur Arbeit fahren. Die Spitzen muss man glätten, insgesamt sind ja unsere Infrastrukturen nicht über 24 Stunden ausgenützt. Wir sind daran, Konzepte zu entwickeln.

Ich gehe Ende Mai in Pension, das wird eine Entlastung geben.

(Lacht) Wenn nur zehn Prozent später unterwegs wären oder Unternehmen und Lieferanten mit vielen Angestellten Einfluss nähmen, könnten die Spitzen gebrochen werden. Mit mehr Flexibilität wäre viel möglich. Das würde mehr bringen, als Milliarden von Franken in die Infrastruktur zu investieren. Da sind wir alle gefordert, das beschäftigt uns.

Sie waren mit dem Tesla unterwegs und begeistert. Wollen Sie das Elektro-Sportauto anschaffen?

Schon letztes Jahr habe ich Elektroautos ausprobiert. Wir wollen weniger fossile Energien verbrauchen, da ist der Transportbereich wichtig. Wenn wir den Treibstoffverbrauch reduzieren können, mit anderen Autos oder neuen Technologien, sparen wir CO2 und Energie. Darum glaube ich, dass Elektroautos eine Zukunft haben. Wir klären ab, ob ich als Bundesrätin einen Beitrag leisten kann.

Die Umweltpolitik läuft auf Kollision mit der Energiepolitik: Drohen uns Importe aus Kohle- und Gasstrom oder eigene Gaskraftwerke und damit mehr CO2-Ausstoss?

Auch Sie reden schon wieder nur vom Strom. Bei der Energiepolitik müssen wir immer wieder betonen, dass wir 80 Prozent Energie importieren, alles fossil. Wir reduzieren fossile Energien massiv, erstens im Verkehr, zweitens bei den Heizungen. Unter dem Strich importieren wir viel weniger fossile Energien, ihr Anteil wird weiter abnehmen. Der Strom macht nur 24 Prozent der Gesamtenergie aus.

Wie gross ist der Import bereits?

Im Winterhalbjahr sind wir bereits jetzt stark von Importen abhängig. Wir müssen eine Balance finden zwischen dem Zubau von erneuerbaren Energien, die Sinn machen, aber teurer sind, und dem Import. Beim Gas gibt es in der Schweiz derzeit kein einziges Projekt für ein Kraftwerk. Mit den hohen CO2-Kompensationen ist das nicht wirtschaftlich. Beim Stromimport ist es ein Mix, der sicher zum grössten Teil aus Kernkraft und fossiler Stromproduktion stammt.

Bei den tiefen Preisen will niemand in Kraftwerke investieren.

Auf der Warteliste der Kostendeckenden Einspeisevergütungen (KEV) haben wir jeden Monat 1000 neue Anmeldungen. Das zeigt: Der Wille, die erneuerbaren Energien als zweites Standbein aufzubauen, ist da. Aber weil wir in der Schweiz ein hohes Preisniveau haben, macht es durchaus Sinn, vermehrt in die Effizienz zu investieren. Jede gesparte Kilowattstunde hilft uns. Denn der Verbrauch ist bei uns immer noch sehr hoch, wir konsumieren eine Dauerleistung von über 6000 Watt pro Person und sind damit weit von der 2000-Watt-Gesellschaft entfernt.

Wie stark hat die Energiewende Ihr Verhältnis zum Aargau belastet?

Die CVP Aargau hatte den Kurswechsel sicher gespürt. Als Standortkanton von Kernkraftwerken löst das wirtschaftliche Ängste in den betroffenen Regionen aus. Es geht um Arbeitsplätze, darum schafft die Energiewende Verunsicherung. Aber für den Aargau gibt es eine Chance, sich als Energiestandort neu zu finden. Die Regierung hat ja schnell geschaltet, mit der Strategie Hightech und dem Technopark. Der Aargau positioniert sich genau richtig.

Sollen die AKW so lange laufen, wie sie gemäss Ensi sicher sind?

Ja, der Bundesrat hat das so beschlossen. Aber es gibt politische Bewegungen, die ein Abschaltdatum festlegen wollen. Das halten wir für falsch, diese Kraftwerke liefern uns günstige Bandenergie. Das darf die Politik nicht aufs Spiel setzen, aber die Sicherheit ist die zentrale Frage. Das Ensi in Brugg prüft die Sicherheit laufend, macht gute Arbeit und hat international ein hohes Renommee.

Bis die Schweiz Lösungen hat, dauert es meist Jahre bis Jahrzehnte. Ist das nicht oft zum Verzweifeln?

Ja, es braucht manchmal sehr viel Geduld und Hartnäckigkeit. Um uns herum hat es viele Staaten, in denen entweder die Regierung oder die Parlamente abschliessend entscheiden. Wir haben eine Referendumsdemokratie und partizipative Verfahren. Das hat den Vorteil, dass man damit Schnellschüsse verhindert. Aber von der Idee bis zur Inkraftsetzung verlieren wir oft sehr viel Zeit. Unser schwerfälliges System hat Vor- und Nachteile.

Sie könnten zu den Medien wechseln und täglich eine Zeitung machen. Dann müssten Sie nicht 15 Jahre auf das Resultat warten?

Da haben Sie recht, aber es ist ja nichts älter als die Zeitung von heute. Die News sind schon am Nachmittag wieder überholt. Wenn man in der Politik demokratische Abläufe akzeptieren will, muss man die nötige Geduld aufbringen können.

Man sagt, Sie seien auch gegen Mitternacht noch munter, wenn andere schon am Einnicken sind. Kommen Sie ohne Schlaf aus?

Nein, ich brauche schon meinen Schlaf, aber ich war schon immer ein Nachtmensch. Ich habe am Abend viele Anlässe und Sitzungen. Mein Rhythmus ist sich daran gewöhnt. Um sieben Uhr bin ich im Büro, das Manko kann ich am Wochenende ausgleichen. Schwieriger empfinde ich intensive Phasen der Kritik oder zwischenmenschliche Probleme. Das belastet.

An Anlässen und in den Medien kommen Sie frisch-fröhlich daher. Wie schaffen Sie es, die enorme Belastung locker zu verkraften?

Ich versuche immer, nicht alles zu persönlich zu nehmen. Wenn man jeden verlorenen Artikel im Parlament persönlich nimmt, frisst es einen auf. Es braucht eine gewisse Distanz im politischen Alltag, man muss sich an den grossen Linien orientieren. Wichtig ist auch die Verankerung in meinem Umfeld, mit meinem Mann, meiner Familie, den Mitarbeitenden im Departement.

Auf was würden Sie als Bundesrätin am liebsten verzichten, was macht am meisten Spass?

Ständige Nörgelei ertrage ich schlecht, bei uns wird viel gelacht. Wir haben im Uvek eine gute Kultur, es wird viel diskutiert, man kommt gerne zur Arbeit. Auch das Bundesratskollegium funktioniert im Moment gut, seit der Wirtschaftskrise 2008 mussten wir viel bewältigen. Lösungen finden wir in einem kollegialen Ambiente, die schwierigen Entscheide fällen wir gemeinsam und vertreten sie auch gemeinsam.