Die Überraschung ist der SVP geglückt. Kein politisches Schwergewicht, sondern eine Quereinsteigerin schickt die wählerstärkste Partei in den Wahlkampf um einen zweiten Regierungsratssitz: Franziska Roth, 51 Jahre alt, Präsidentin des Bezirksgerichts Brugg. An der Pressekonferenz in der Karwoche nahm sie kurz und knapp zu ihrer Kandidatur Stellung, seither schweigt sie. Eine Einladung zum «TalkTäglich» auf Tele M1 nahm sie erst an, bevor sie am Morgen vor der Sendung wieder absagte. Begründung: Sie wolle nicht gegen Grünen-Präsident Jonas Fricker und nicht vor ihrer offiziellen Nomination zu einem Streitgespräch antreten.

Eine Anfrage für ein Gespräch mit der «Schweiz am Sonntag» lehnte sie dankend ab. «Vor dem Nominationsparteitag gebe ich keine weiteren Auskünfte an die Medien.» Den Entscheid der Basis gelte es zu respektieren und entsprechend abzuwarten. In der Regel schicken Parteien ihre nominierten Kandidaten diskussionslos und mit Applaus in den Wahlkampf – bei der SVP könnte das anders sein. Der Nominationsparteitag findet am 20. April in Gipf-Oberfrick statt; stimmberechtigt sind 460 Delegierte. Ein reines Abnicken werde es nicht geben, sagen mehrere SVP-Exponenten. Überraschungen liessen sich nie ausschliessen. Noch am Parteitag selbst sind neue Vorschläge für Kandidaten möglich. Alt Grossrat Jürg Stüssi-Lauterburg erwartet am Nominationsparteitag Diskussionen. Ob am Ende tatsächlich Franziska Roth als Kandidatin aufgestellt werde, lasse sich nicht mit Sicherheit sagen. «Bei der SVP weiss man nie, was passiert.»

Mit Diskussionen amNominationsparteitag rechnet auch Hans Killer, bis letzten Herbst für die SVP im Nationalrat: «Die Basis wird nicht einfach sagen, das habt ihr recht gemacht. Ich kann mir vorstellen, dass es zu Diskussionen kommen wird.» Killer führte die fünfköpfige Findungskommission an, die nach geeigneten Kandidaten innerhalb der Partei gesucht hat. Die erste Liste mit zehn Namen reduzierte sich während des Auswahlverfahrens. Die Findungskommission habe mit allen Anwärtern intensive Gespräche geführt, wie Killer sagt. Am Schluss stand eine Viererliste fest. «Wir haben der Geschäftsleitung vier Personen vorgeschlagen mit unterschiedlichen Vorzügen und politischen Erfahrungen.» Alle seien aus anderen Überlegungen infrage gekommen, jede habe Vor- und Nachteile. «Einen Favoriten haben wir nicht präsentiert.» Der Entscheid, dem Parteitag nur eine Kandidatin statt mehrere Kandidaten vorzuschlagen, sei nicht in der Findungskommission, sondern später in der Geschäftsleitung gefallen. Dem Vernehmen nach war die Strategie nicht unbestritten, den Delegierten keine Auswahl an Kandidaten zu präsentieren. Von offizieller Parteiseite heisst es: Roth sei die richtige Kandidatin zum richtigen Zeitpunkt.

Doch wer ist die Frau, die der SVP den zweiten Regierungssitz sichern soll? Eine Frage, die sich viele Aargauerinnen und Aargauer gestellt haben dürften. Ausserhalb der Region Brugg, wo sie seit acht Jahren Präsidentin am Bezirksgericht ist, kennt man sie kaum. Franziska Roth ist in einer Baselbieter SVP-Familie aufgewachsen, arbeitete nach Primar- und Handelsschule als Sekretärin. Sie sei in der Schule zu wenig ehrgeizig für das Gymnasium gewesen, sagte sie 2008 gegenüber der Aargauer Zeitung. Ehrgeiz, den sie später umso mehr bewies. Weil sie sich unterfordert fühlte, beschloss sie, Rechtsanwältin zu werden, holte die Matura berufsbegleitend am Abendgymnasium nach, studierte an der Uni Basel, erwarb das Aargauer Anwaltspatent. «Der Weg zum Ziel war lang und hart.» Sie arbeitete als juristische Sekretärin in der Baudirektion des Kantons Zürich, bevor sie sich als Anwältin selbstständig machte und 2008 in stiller Wahl zur Präsidentin am Bezirksgericht gewählt wurde.

Weggefährten beschreiben sie als umgänglich, gewissenhaft, überlegt. Parteikollege Jürg Stüssi-Lauterburg kennt Franziska Roth seit Jahren. Er sagt: «Ich traue ihr das Amt zu. Als Regierungsrätin dürfte sie ein unabhängiger Geist bleiben.» Franziska Roth sei in erster Linie dem Gesetz und dem Volk verpflichtet. Der Präsident der Brugger Bezirkspartei, Dominik Riner, findet ebenfalls lobende Worte für seine SVP-Kollegin. Sie sei trotz beruflichem Erfolg bodenständig geblieben. «Hart in der Sache, fair im Ton», beschreibt er ihren Stil. Riner räumt ein, sie verfüge über keine grosse politische Erfahrung, Lebenserfahrung und beruflicher Hintergrund seien aber ohnehin wichtiger.

Politische Erfahrung habe sie nicht wahnsinnig viel, sagte Franziska Roth an der Pressekonferenz vor Ostern. «Doch es ist immer auch gut, wenn jemand politisch nicht verbraucht ist.» Rund drei Jahre sass sie im Einwohnerrat Brugg, noch vor Ende der Amtsperiode trat sie zurück. Die Reaktion ehemaliger Kollegen aus dem Einwohnerrat fällt über die Parteigrenzen hinaus gleich aus: Roth habe zurückhaltend politisiert, sich kaum zu Wort gemeldet. Der Tenor: nicht aufgefallen – weder positiv noch negativ. Entsprechend überrascht zeigen sie sich von ihrer Kandidatur. Von einem «absolut unbeschriebenen Blatt» spricht der ehemalige Einwohnerrat Franz Hollinger, der für die CVP im Grossen Rat sitzt. «Der politische Rucksack fehlt ihr völlig. Ich habe Angst, dass sie verheizt wird.» Anwalt Hollinger ist Franziska Roth vor Gericht schon häufig begegnet. Als Richterin sei sie gewissenhaft und zugänglich, «sie urteilt nicht vom hohen Ross herab». In besonders aufsehenerregenden und medienwirksamen Fällen hatte sie bislang nicht zu entscheiden.

Mit Aussagen über ihre politischen Positionen hält sie sich bislang zurück. Für ein Wahlprogramm sei es noch zu früh. In den Wahlkampf für die SVP zog sie bereits 2011. In einem Kurzvideo stellte sie damals ihre zentralen Anliegen kurz vor: Unabhängigkeit und Neutralität der Schweiz, Verbesserung der inneren Sicherheit, «eine vernünftige Migrationspolitik» – typische SVP-Themen. Ein Blick auf ihr Smartvote-Profil von damals zeigt: Bei Migrationsthemen zählt sie zu den Hardlinern, eine offene Aussenpolitik und einen ausgebauten Sozialstaat lehnt sie besonders deutlich ab. 50 252 Stimmen erhielt sie bei den Wahlen 2011 – knapp weniger als der spätere Parteipräsident Thomas Burgherr. Auf Listenplatz 10 gestartet, landete Roth an 11. Stelle der SVP-Kandidaten.

Wenig bekannt ist auch über Franziska Roth als Privatperson. Sie hat das Anglerpatent gemacht, obwohl sie selbst nicht fischt, lieber liest und wandert sie, und ist sich gewohnt, auf der Bühne zu stehen: Früher spielte sie in Laientheatern mit. Roth lebt in Brugg, hat einen Sohn im Teenager-Alter aus einer früheren Beziehung – und ist verlobt. Am
7. Mai wird sie in Zürich Rolf André Siegenthaler heiraten. Der Berufsmilitär sass knapp zehn Jahre für die SVP im Zürcher Kantonsrat. Er ist Chef Armeeplanung und könnte – wie seine Verlobte – in naher Zukunft einen nächsten grossen Karriereschritt machen: Siegenthaler wird als möglicher Nachfolger von Armeechef André Blattmann gehandelt.