Als einen «Meilenstein im Portfolio» bezeichnete Kurt Aeberhard, Verwaltungsratspräsident der Psychiatrischen Dienste Aargau (PDAG), in seinem Referat die neue spezialisierte Station für Menschen mit einer geistigen Behinderung. Diese ergänzt das ambulante Angebot des Neuropsychiatrischen Konsiliardienstes und schliesst eine seit Jahren bestehende Versorgungslücke. Die Akutversorgung von psychisch kranken Menschen mit einer geistigen Behinderung war bisher ungenügend.

Für die Betroffenen, deren Angehörige und die Fachkräfte sei die Doppeldiagnose – geistige Behinderung und psychische Krankheit – eine schwere Belastung und Herausforderung, sagte Gesundheitsdirektorin Franziska Roth in ihrem Grusswort am jährlichen Anlass «PDAG Connect» am Montagabend. Umso mehr freue sie sich, dass diese Patientinnen und Patienten künftig im Aargau versorgt werden können. «Ich bin überzeugt, dass die Station national Anklang finden wird.»

Auf die Bedürfnisse abgestimmt

Doch warum brauchen psychisch kranke Menschen mit einer geistigen Behinderung überhaupt eine eigene, spezielle Station? Die Antwort ist einfach: Weil sie andere Bedürfnisse haben. Das erklärte Albert Diefenbacher in seinem Referat. Er ist Chefarzt am Evangelischen Krankenhaus Königin Elisabeth Herzberge in Berlin und Experte auf seinem Gebiet. Er ruft in Erinnerung, dass es Menschen mit geistiger Behinderungen gibt, die beispielsweise nicht oder kaum sprechen können. «Das kann dazu führen, dass ihr Verhalten falsch interpretiert wird», erklärt Diefenbacher. Zum Beispiel: Schlage ein Patient mit der Hand immer wieder gegen sein Ohr, könne das einen Hinweis sein, dass er Ohrenschmerzen hat oder aber, dass er versuche, lästige Stimmen im Kopf zum Schweigen zu bringen. Um die Zeichen richtig zu deuten und richtig reagieren zu können, brauche es spezialisierte Angebote. Diefenbacher war begeistert, als er sah, was in Windisch entsteht.

Am Montagabend führte Dan Georgescu, Chefarzt Alters- und Neuropsychiatrie, die Besucher erstmals durch die neue Station. Der Umbau der früheren Kinder- und Jugendstation ist abgeschlossen. Büros, Aufenthaltsräume und Patientenzimmer sind bereits eingerichtet. Auch wenn die Räume auf der Station andere Namen haben. Flurnamen. Sie heissen zum Beispiel Aarespitz oder Windischmatt.

Eröffnung der neuen, spezialisierten Station für Menschen mit intellektueller Entwicklungsstörung und psychischer Erkrankung der Psychiatrischen Dienste Aargau (PDAG) in Windisch. (5. November 2018)

Dan Georgescu, Chefarzt Alters- und Neuropsychiatrie, führt durch die Räumlichkeiten.

Eröffnung der neuen, spezialisierten Station für Menschen mit intellektueller Entwicklungsstörung und psychischer Erkrankung der Psychiatrischen Dienste Aargau (PDAG) in Windisch. (5. November 2018)

Die Station ist voller Fenster, nicht nur nach draussen oder in den Innenhof, man kann mancherorts auch von einem Zimmer ins andere Blicken. Das ist Teil des Konzepts. «Es ist typisch für Menschen mit einer Behinderung, dass sie Dinge beobachten», erklärt Georgescu. Deshalb habe es — anders als auf anderen Stationen – direkt hinter dem Eingang einen grossen Raum. Übergrosse, farbige Kissen laden dazu ein, zu beobachten, was passiert, wer ein- und ausgeht. Neben Begegnungszonen seien auf einer solchen Station aber auch Rückzugsorte zwingend, sagt der Chefarzt. Er zeigt den Besuchern begeistert einen Raum, der zum Entspannen einladen soll. An der Decke hängen weisse Tücher, eine Lampe in der Ecke taucht den Raum in ein warmes Licht, aus Boxen tönt leise Musik und ein Projektor beamt das Weltall an die Wand.

Die ersten Patientinnen und Patienten können noch dieses Jahr auf der neuen Station mit insgesamt 14 Betten behandelt werden.