Franziska Roth und die SVP, das ist offenbar ein grosses Missverständnis, von Anfang an. Obwohl die ehemalige Richterin als Regierungsrätin stramm auf Parteilinie politisiert, kam es früh zur gegenseitigen Entfremdung. Anfangs wurde diese intern ausgetragen, später teilweise öffentlich sichtbar und seit gestern ist es ein offener Rosenkrieg.

Die SVP will sich in Roth so sehr getäuscht haben, dass sie sich im Nachhinein sogar für deren Nomination entschuldigt. Unter dem Titel «Hoffnungslos» teilte die SVP nach Roths Medienkonferenz in eigener Sache mit, es mangle ihr an Willen, Interesse und Talent. Franziska Roth als Regierungsrätin? Aus Sicht der SVP ein grosses Missverständnis.

Auch Roth selber hat sich das alles anders vorgestellt. Sie sieht sich getäuscht von der Aargauer SVP-Leitung und bricht nun mit ihrem am Dienstag verkündeten Parteiaustritt offen mit ihr. Von Selbstverschulden will Roth nichts wissen.

Eigen- und Fremdbild klaffen auseinander

Die unterschiedlichen Vorstellungen von professioneller Regierungspolitik gehen aber tiefer, beziehungsweise über die Parteigrenze hinaus. «Bisher ein Missverständnis» titelten wir als Zwischenfazit nach Franziska Roths erstem Amtsjahr. Denn Eigen- und Fremdbild von Roths Amtsführung klafften schon damals weit auseinander. Sie selber sah sich stets auf Kurs; die anderen Parteien dagegen fragten sich, wann die Quereinsteigerin endlich in ihrem Amt ankomme und dossierfest werde.

Über ein Jahr später ist diese Wahrnehmungskluft grösser denn je. Mittlerweile untersucht sogar eine externe Stelle, was in Roths Departement Gesundheit und Soziales alles falsch läuft. Roth selber dagegen betont bei jeder Gelegenheit, wie gut ihr Departement trotz personellem Aderlass in Schlüsselpositionen funktioniere. Auch hier fühlt sich die Regierungsrätin systematisch missverstanden.

Der Dauerstreit um Franziska Roth hinterlässt fast nur Verlierer:

  • Allen voran Franziska Roth selber, die mit ihrem Parteiaustritt die Flucht nach vorne angetreten ist, nun aber ohne politische Hausmacht auskommen muss in ihrer verbleibenden Amtszeit bis Ende 2020 — so sie diese denn zu Ende bringt. Dabei stehen wichtige Sachgeschäfte wie das Spitalgesetz oder die Asylgrossunterkünfte an, für die Roth Mehrheiten braucht.
  • Die SVP ist ebenfalls beschädigt. Die erfolgsverwöhnte Volkspartei hat sich nicht nur verpokert, als sie auf Roth als mögliche Nachfolgerin der Grünen Susanne Hochuli setzte. Sie hat sich in der Causa Roth auch die Zügel aus der Hand nehmen lassen und — an sich untypisch für sie — gezaudert. Die SVP stellte ihrer Regierungsrätin Mitte März ein halbherziges Ultimatum bis Sommer, statt klare Verhältnisse zu schaffen. Nun ist Roth der SVP mit ihrem Parteiaustritt zuvorgekommen. Wie sehr die Affäre der SVP bei den eidgenössischen Wahlen im Herbst schadet, ist schwer abzuschätzen. Steigen dürfte das Vertrauen in die Personalpolitik der SVP kaum.
  • Auch die Aargauer Wählerinnen und Wähler gehören zu den Verlierern, unabhängig davon, ob sie Franziska Roth gewählt haben oder nicht. Statt einer überzeugenden Gesundheits- und Sozialpolitik, getrieben durch eine starke Regierungsrätin und getragen vom Parlament, hat das Stimmvolk Personalquerelen, Politversagen und einen Parteiaustritt bekommen.

Franziska Roth und die Politik – am Ende ein grosses Missverständnis mit vielen Verlierern.