Wirtschaft
Frankenschock adé: Aargauer Firmen schaffen wieder neue Arbeitsplätze

Aargauer Unternehmen erwarten nach dem Frankenschock im Jahr 2017 eine weitgehende Erholung. Allerdings sind nicht alle Branchen gleich optimistisch.

Mathias Küng
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Die Mehrheit der Branchen ist für 2017 «vorsichtig optimistisch». Stellenreduktionen sind keine geplant.

Die Mehrheit der Branchen ist für 2017 «vorsichtig optimistisch». Stellenreduktionen sind keine geplant.

KEYSTONE

Seit der Aufhebung des Euromindestkurses durch die Nationalbank im Januar 2015 wurde die Aargauer Exportwirtschaft durchgeschüttelt. Preise, Margen und Gewinne brachen ein. Sie litt aber schon ab 2009/10 stärker als die Schweiz unter dem sinkenden Euro. Man erinnert sich: 2008 hat ein Euro noch 1,65 Franken gekostet. Der Einbruch bei der Maschinen- und Elektroindustrie verlief noch stärker. Alle haben die Stellen-Negativschlagzeilen von General Electric (GE) in Baden noch in den Ohren.

Wie die neuste Wirtschaftsumfrage der Aargauischen Industrie- und Handelskammer (AIHK) zeigt, ging die Zahl der Vollzeitstellen tatsächlich zurück (vgl. kleine Grafik). Die positive Nachricht der am Mittwoch in Aarau vorgestellten Studie für 2017, an der Firmen teilgenommen haben, die für jeden vierten Arbeitsplatz im Aargau stehen, besagt aber: Schon 2016 erlebte der Aargau dank Pharma eine Erholung. Im Vergleich zu den Vorjahren zeige sich ein komplett umgekehrtes Bild, so Studienverfasser Raphael Schönbächler von Fahrländer Partner AG. Exporte sind jetzt die Wachstumsimpulsgeber. Dazu hätten tiefe Zinsen, eine Stabilisierung der Produzentenpreise und ein stabiler Euro-Franken-Kurs beigetragen.

Gleichwohl resultierte letztes Jahr bei den Beschäftigten bloss Stagnation (-0,1 Prozent), in der Maschinen-, Elektro- und Metallindustrie (MEM) resultierte gar nochmals ein Beschäftigungsminus. Für das laufende Jahr wird aber wieder ein minimes Stellenwachstum erwartet.

Bedeutung der Pharma steigt

Die Erholung ist vorab auf die Pharmaindustrie zurückzuführen, deren statistische Bedeutung für den Aargau fast über Nacht enorm an Bedeutung gewonnen hat. Lange wurden nämlich im Fricktal hergestellte und exportierte Pharmaprodukte der Statistik von Basel zugeschlagen, wo die betroffenen Firmen meist den Hauptsitz haben.

Das wurde jetzt korrigiert. Mit der Folge, dass Chemie und verwandte Erzeugnisse heute für 62 Prozent der Aargauer Exportbranchen stehen. Noch 2013 waren es 14 Prozent. Dafür hat sich die Bedeutung der Maschinen-, Apparate- und Elektronikindustrie im Export auf 25 Prozent halbiert.

Seit 2016 auf Aufholjagd

Vor zwei Jahren zählte der Aargau laut Schönbächler bei der Exportentwicklung noch zu den Verlierern, 2016 aber begab er sich auf eine Aufholjagd. Die befragten Firmen erwarten denn auch eine weitgehende Erholung vom Frankenschock im Laufe des Jahres sowie eine Stabilisierung auf dem Aargauer Arbeitsmarkt. Die Exporte und Umsätze haben bereits 2016 Talsohle durchschritten, so Schönbächler. Die Mehrheit der Branchen sei «für 2017 vorsichtig optimistisch», der Dienstleistungssektor spüre eine verhaltene Binnenkonjunktur, die Umsätze in der Industrie seien am Steigen. Der Industrie-Stellenabbau nähere sich dem Ende: insgesamt seien keine weiteren Stellenreduktion mehr geplant (+0,1 Prozent).

Gestoppt worden sei der Preiszerfall bei Einkaufs- und Verkaufspreisen, ein Erholungseffekt bei der Ertragslage stelle sich ein. Allerdings reagieren Metallurgie und Maschinenbau weiterhin mit Massnahmen gegen die erfolgte Frankenaufwertung. Die grosse Grafik zeigt, wie unterschiedlich die Entwicklung zwischen den einzelnen Branchen verläuft. Demnach erwarten Pharma, Elektronik, Grundstücks- und Wohnungswesen, Architektur- und Ingenieurbüros, erfreulicherweise auch der Detailhandel und weitere Branchen ein gutes Geschäftsjahr.

In allen erwarten die Firmen eine befriedigende bis gute (aber nirgendwo eine sehr gute) Entwicklung des Geschäftsjahres. Zur Stellenlokomotive im Jahr 2017 könnte der Bezirk Baden werden (erwartetes Plus an Vollzeitstellen von 2,3 Prozent), gefolgt vom Bezirk Rheinfelden (plus 1,8 Prozent). Bitter sind die Stellen-Erwartungen im Bezirk Lenzburg mit minus 3,8 Prozent.

Alljährlich fragt die AIHK auch nach der Standortqualität des Aargaus. Laut AIHK-Geschäftsführer Peter Lüscher beurteilen 76 Prozent der Umfrageteilnehmer diese als gut bis sehr gut. 2007 hatten ihn 28 Prozent noch als befriedigend eingestuft, jetzt sehen nur noch 13 Prozent. Das Resultat entspreche weitgehend den Einschätzungen der Grossbanken, die dem Aargau im interkantonalen Vergleich eine sehr gute Standortqualität und Wettbewerbsfähigkeit attestieren. Um so weit zu kommen, habe man hart an den Rahmenbedingungen gearbeitet, so Lüscher.

USR-III-Nein als Stolperstein

Die AIHK hat sich sehr für die Unternehmenssteuerreform (III (USR III) eingesetzt. Vom Nein, und erst recht von dessen Ausmass sei man überrascht und enttäuscht, sagt AIHK-Geschäftsführer Peter Lüscher. Die Folge sei viel Unsicherheit. Jetzt seien die Gründe sauber zu analysieren. Aber natürlich brauche es eine mehrheitsfähige neue Bundesvorlage. Es werde schwierig sein, einen Kompromiss zu finden, sagt Lüscher mit Blick auf die bereits entbrannte, heftige Debatte für einen Neuanlauf. Die vielen Aargauer Familienunternehmen wären von einer höheren Dividendenteilbesteuerung – die nach der USR III auch jetzt wieder im Gespräch ist – stark negativ betroffen, so Lüscher. Das sei ein sehr heikles Thema. Schlicht ein «No Go» wäre eine Kapitalgewinnsteuer, die von SP-Seite als neuer Lösungsvorschlag in die Debatte eingebracht worden ist. (MKU)