Die Spielfigur springt aus einem fliegenden Bus und segelt auf eine Insel zu, landet sicher mit dem Fallschirm. Sofort beginnt sie, Bäume, Steine, ja ganze Autos zu zertrümmern, um so Ressourcen zu sammeln. In Schatzkisten findet sie Gewehre, Granaten und Schutztränke, die das Leben verlängern. Das ist nötig, weil um die Insel ein Sturm tobt. Das Auge dieses Sturms – und damit die Spielfläche – wird kleiner und kleiner. 100 Spieler sind auf der Insel gelandet, und wer am Schluss noch übrig ist, hat gewonnen. So in etwa ist das Spielprinzip von Fortnite, ein Game, das auch in der Schweiz Tausende Kinder und Jugendliche spielen und damit manchmal ihre Eltern zum Verzweifeln bringen. An einem Infoabend der Suchtprävention Aargau versuchten am Mittwoch deshalb drei Fachpersonen, den Erwachsenen den Einstieg in diese digitale Welt zu erleichtern, Fragen zu klären und Ängste auszuräumen.

«Wir möchten das Spiel nicht verharmlosen, aber auch nicht verteufeln», macht Stefanie Geiser gleich zu Anfang klar. Und Reto Zurflüh, der gegenüber dem Spiel kritisch eingestellt war, als er es kennen lernte, räumt ein: «Mein Sohn ist acht Jahre alt und spielt es regelmässig, obwohl es erst ab 12 freigegeben ist. Unter gewissen Voraussetzungen sehe ich da kein Problem.» Im Spiel werde gerannt, gebaut, gesammelt und ein bisschen gekämpft. «Es spritzt aber kein Blut – wen es trifft, der wird von einer Drohne weggebeamt.» Natürlich verstehe er die moralischen Bedenken, schliesslich sei es das Ziel, die anderen zu eliminieren. Ohne Gewalt gehe das nicht. «Ich habe aber in meiner Kindheit mit der Käpslipistole auch ‹Leute über den Haufen geschossen› – da müsse man selber entscheiden, was in Ordnung ist und was nicht.»

Diverse Herausforderungen

Eine Suchtgefahr sei zwar vorhanden, erklären die Experten, sie sei aber nicht massiv. Eine weitere Gefahr, oder vielmehr eine «Herausforderung», seien die In-App-Käufe. Das Spiel ist gratis, um schneller voranzukommen oder seine Spielfigur zu individualisieren, können aber beispielsweise Outfits oder Tänze gekauft werden. Zurflüh zeigt in einem Video, wie Ninjas, Prinzessinnen oder Männer im Bananen-Kostüm kunstvolle Bewegungen vollführen. Das bringt auch die Erwachsenen zum Lachen. «Das macht einen grossen Teil des Hypes aus», erklärt er. «Ein neues Outfit oder ein neuer Tanz hat im Spiel keinen Nutzen – es sind nur Elemente der Selbstdarstellung.» Da muss sogar der Kenner gestehen: «Es scheint mir absurd, dass mein Sohn Geld dafür ausgibt, als bewaffnete Banane durch eine Fantasiewelt zu tanzen.» Wichtig sei ihm, dass der 8-Jährige nur einen Teil seines Sackgeldes dafür einsetze. «So lernt er, auf etwas zu sparen, und denkt darüber nach, was genau er sich kaufen möchte.»

Eine der brennendsten Fragen unter den rund hundert anwesenden Vätern und Müttern: Wie lange darf mein Kind gamen? «Es gibt nicht ein Rezept, das auf alle zutrifft», macht Geiser klar. «Als grobe Faustregel für die Zeit vor dem Bildschirm, inklusive Fernseher, sind täglich zehn Minuten pro Lebensjahr.» Das Gamen müsse aber eine Ergänzung zum Alltag bleiben, für die Eltern gelte es herauszufinden, wie gut das Kind damit umgehen könne. «Es muss auch für das Familienleben o. k. sein. Wenn Sie keine elektronischen Geräte am Esstisch möchten, dann setzen Sie das durch.» Entscheidend ist aus Sicht der Suchtprävention, mit dem Kind über das Spiel zu reden. «Es ist nicht einfach eine sinnlose Freizeitbeschäftigung. Durch das Spielen können Kinder und Jugendliche auch etwas lernen, etwa digitale Kompetenzen, es braucht ein Verständnis für Strategie und räumliches Denken. Und wenn Sie sich damit beschäftigen, erfahren Sie auch viel über ihr Kind und seine Welt», erklärt Geiser.

Die Zügel behalten

Maya Zettler vermittelt den Eltern, wie sie am besten verhindern, dass das Kind ununterbrochen vor dem PC sitzt. «Nehmen Sie die Bedürfnisse Ihrer Kinder ernst. Das heisst aber nicht, dass Sie jedes Bedürfnis erfüllen müssen – Sie haben die Zügel in der Hand.» Auch hier sei die Kommunikation das A und O. «Reagieren Sie nicht abwertend, wenn das Kind länger spielen möchte, erklären sie klar, welche Dauer Sie für richtig halten, und setzen Sie das durch.» Das Kind dürfe auch wütend werden. «Es braucht Dialog und Durchhaltevermögen, Applaus können Sie dagegen nicht erwarten.»