Frau Holm, wie gross ist die Problematik der Schwarzmeergrundel im Rhein bei Basel?

Patricia Holm: Die Schwarzmeergrundeln treten in sehr hohen Dichten auf, stellenweise bis zu 20 Individuen pro Quadratmeter. Sie beeinflussen diverse ökologische Prozesse. Zum Beispiel verändern sie das Nahrungsnetz oder transportieren Parasiten. Ihre hohe Populationsdichte und die vielseitigen Interaktionen gefährden die heimische Biodiversität.

Kann die Weiterverbreitung an Kraftwerkstufen gestoppt oder nur verzögert werden?

Ohne weitere Massnahmen kann die Weiterverbreitung in die grossen Schweizer Gewässer langfristig nicht gestoppt werden. Seit der Entdeckung der Schwarzmeergrundeln im Rhein im Jahr 2012 haben die Fische innerhalb von fünf Jahren das Umgehungsgewässer des Kraftwerks Rheinfelden erreicht. Dies entspricht einer zurückgelegten Distanz von rund 25 Kilometern in fünf Jahren.

Was droht als Nächstes?

Sehr starke Strömung zum Beispiel in Seitengewässern und hohe Fischtreppen wie bei alten Fischaufstiegsanlagen sind für die Grundeln wohl nicht oder nur schwer zu überwinden. Die alten Fischtreppen werden jedoch nach und nach erneuert, um heimischen schwimmschwachen Arten den Durchgang zu erleichtern.

Was könnte man denn tun, um die Grundel zu stoppen?

Grundsätzlich gilt es zu unterscheiden zwischen aktiver Verbreitung, das heisst eigenständigem Schwimmen, und passiver Verbreitung, das heisst Verschleppung durch den Menschen, zum Beispiel Laich an Booten oder als Köderfische.

Wie kann man die aktive Verbreitung stoppen?

Um die aktive Verbreitung zu verhindern, sind bauliche Massnahmen denkbar, zum Beispiel der Einbau einer Stufe oder die Erhöhung der Fliessgeschwindigkeit. Allerdings würden diese Massnahmen sehr wahrscheinlich auch den Aufstieg von heimischen schwimmschwachen Arten behindern. Der Aufstieg von schwimmschwachen Arten und der Schutz der heimischen Biodiversität vor invasiven Arten hat das Potenzial für einen Interessenskonflikt. Eine Interessenabwägung vonseiten der Politik ist deshalb wichtig. Weitere technische Möglichkeiten bieten zum Beispiel Fotoerkennungssoftware oder selektive akustische Sperren. Dazu gibt es jedoch ebenfalls noch keine Ergebnisse.

Und wie kann man der passiven Verbreitung Herr werden?

Als effektiv erachten wir neben baulichen und technischen Lösungen vor allem die Mitarbeit der betroffenen Akteure, zum Beispiel Bootsfahrer und Angler. Es ist wichtig, dass diese Interessengruppen über das Problem informiert werden und sich entsprechend den Merkblättern verhalten, damit Grundeln nicht weiterverschleppt werden.

Sind Massnahmen eine Frage des Geldes oder des Willens?

Diese Massnahmen lassen sich realisieren, wenn das Geld und der politische Wille vorhanden sind. Wichtig ist unter anderem die koordinierte Zusammenarbeit der verschiedenen Kantone und des Bundes.

Könnte die Grundel am Schluss auch die Bäche erobern?

Die Schwarzmeergrundeln können in Bäche aufsteigen, wenn die Fliessgeschwindigkeit nicht zu schnell ist und die Temperaturen es zulassen. Vorab heimische salmonide Arten wie zum Beispiel Bachforelle und Äsche wären dann durch Laichfrass betroffen, andere Fische durch Konkurrenzdruck in Bezug auf Laichgründe oder Futterangebot.

Welcher natürliche Fressfeind könnte die Grundel einschränken?

Der Zander ist ein möglicher Fressfeind, allerdings nur, wenn er sich im jungen Alter erfolgreich gegen die Grundel behaupten kann und genügend Nahrungsressourcen findet. Weitere Fressfeinde sind Egli oder Trüschen. Allerdings lassen sich solche komplexen Beziehungen und die Folgen für unsere Schweizer Fischfauna erst nach mehreren Jahren Forschungsarbeit im Feld entschlüsseln.

Patricia Holm ist Professorin, Leiterin des Programms Mensch – Gesellschaft – Umwelt an der Uni Basel. Sie und ihr Team verfolgen den Vormarsch der Grundel genau.