«Eine Schule, die für beide Enden des Begabungspotenzialspektrums ein überzeugendes Angebot hat, ist eine chancengerechte Schule.» Diesen schönen Satz schreibt der Lehrerdachverband (LCH) in einem neuen Positionspapier. Mit dem Wortmonster «Begabungspotenzialspektrum» erinnert uns der LCH an die Tatsache: Es gibt nicht nur unten an der Skala Kinder mit Begabungs-Defiziten, es gibt auch oben an der Skala Kinder mit besonders ausgeprägten Begabungen. Und diese, so konstatiert der Verband, sollten vermehrt gefördert werden. Heute liege der Fokus zu stark auf der Defizit-Behebung.

Was der LCH hier fordert, sollte eigentlich längst zum (Schul-)Alltag gehören. In den Richtlinien des Kantons für die Schulen im Aargau findet sich seit vielen Jahren das Merkblatt «Begabungsförderung». Darin wird festgehalten, dass rund ein Fünftel der 70 000 Kinder und Jugendlichen in der Volksschule «zu Leistungen fähig sind, die über die Lehrplanziele hinausgehen». Ihre begabungsgerechte Förderung gehört gemäss Kanton zum «Grundauftrag» der Schule.

Das Konzept der integrativen Schulung, das heisst die Förderung möglichst aller Kinder in der Regelklasse, beinhaltet seit seiner Einführung auch die Komponente der Begabtenförderung. Trotzdem scheint der Aufruf des LCH berechtigt zu sein. Ob Schulen in ihrer administrativen Überforderung die Kinder oben an der Skala einfach vergessen? Oder ob es der egalitären Grundüberzeugung vieler Lehrpersonen widerspricht, eine «Elite heranzuzüchten»? Schwer zu sagen. Klar aber ist: Eine solche Talentverschleuderung kann sich ein rohstoffarmes Land eigentlich nicht leisten.

Bildungspolitik zum Zweiten: Es naht der Entscheid – oder vielleicht gibt es auch beim dritten Anlauf einen Null-Entscheid –, da der Kanton seine Berufsschullandschaft reformieren will. Gewisse Regionen könnten gewisse Fachrichtungen verlieren.

Bereits bauen Regionalpolitiker wieder ihre Drohkulissen auf: «Sicher nicht bei uns reduzieren!» Haben diese Politikerinnen und Politiker die allfällig betroffenen Lernenden befragt? Kämpfen sie wirklich für die Jugendlichen? Oder wollen sie bei den nächsten Wahlen als die dastehen, die wie die Löwen für ihre Region gekämpft haben? Ist Festhalten an allen Regionalstandorten finanziell und vor allem bildungspolitisch wirklich sinnvoll? Müsste man nicht vermehrt über Ziele wie Schulqualität, Kompetenzzentren oder Effizienzsteigerung diskutieren statt nur über regionale Verlustängste?

Eben stelle ich fest: Vor gut drei Jahren habe ich in einer Kolumne fast dieselben Sätze schon einmal geschrieben ...

Hans Fahrländer war Chefredaktor der Aargauer Zeitung und schreibt über Aargauer Politik.
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