Natürlich kann es vorkommen, dass Sie sich ärgern mussten und ihrem Gegenüber ein herzhaftes «du Löli» ins Gesicht schmetterten, um ihn in den Senkel zu stellen. Aber es ist unwahrscheinlich, dass Sie diese Person damit als «Wäldchen» verniedlichen wollten. Doch genau das haben Sie unwissentlich getan.

Der Doppel-Löli in Bözberg

«Löli» ist ein weitverbreiteter Flurname. Dabei ist «Löli» eine Verkleinerung des alten schweizerdeutschen Wortes «lo», was nichts anderes als «Wald» bedeutet. Mit der Diminutivsilbe -li, ein Element, das in der Sprache des Schweizerdeutschen überaus beliebt ist, erfährt das Wort seine Verkleinerung. Wie «Hus» und «Hüsli», «Mus» und «Müsli», «Schmützli» oder «Hündli» – der Schweizer ist Meister der Verkleinerung.

In Zeiningen ist «Löli» heute nur noch Ackerland an der Autobahn, in Brittnau ist der «Lölihubel» längst überbaut. Erst in Siglistorf liegt der Flurname «Löli» noch dort, wo ihn der Namenforscher auch erwarten würde: an einem kleinen Wäldchen im Süden des Dorfes.

Spezielles geschah in der Gemeinde Bözberg zwischen Ursprung und Kirchbözberg. Dort liegen auf einem Hügelausläufer die Namen «Löli» und «Löliholz», wobei «Löli» heute nahe am Wald liegendes Ackerland und «Löliholz» das besagte kleine Waldstück selbst bezeichnet. «Löliholz» ist eine sprachliche Verdoppelung. Holz meint in seiner ursprünglichen schweizerdeutschen Bedeutung ebenfalls Wald. Weil aber «Löli» im Sinne von «kleinem Wäldchen» nicht mehr verstanden wurde, noch immer aber Wald das Gebiet bedeckte, so fügte die lokale Bevölkerung dem Namen «Löli» den Zusatz Holz an. Damit war der namengebenden Gemeinschaft wieder klar, dass es sich bei diesem Gebiet um einen Wald, um einen ganz bestimmten Wald handelt. Denn westlich des Löliholzes liegt ein weiteres Waldstück. Dieses heisst in seiner Gesamtheit Birchholz – und besteht heute nicht mehr nur aus Birken.

Mordchrieghau und Paradies

Sie sehen, die Landschaft des Kantons Aargau erzählt mit seinen Flurnamen wunderbare Geschichten. Möchten Sie gerne wissen, wo das «Ankenland» (Bottenwil) liegt oder warum Sie von der «Bösmatt» (Bellikon) nicht direkt in die «Höll» (Oberrüti) kommen, selbst dann nicht, wenn Sie im «Mordchrieghau» (Unterlunkhofen) wohnen? Obwohl wir Ihnen in diesem Fall empfehlen das «Tüfelsloch» (Ehrendingen) zu meiden. Ein Grund zu weinen, ist das aber nicht, das wird übrigens auch in der «Brüelmatt» (Neuenhof) nicht gemacht – auch nicht, wenn Sie in der «Wüestmatt» (Herznach) wohnen, auch dort ist es nicht hässlich, und wenn Sie im «Fulengraben» (Zuzgen) arbeiten sollten, meinen wir trotzdem, dass Sie zu den fleissigen Menschen zählen – oder nicht?

Zur Sicherheit machen Sie lieber einen Abstecher ins «Prophetengut» (Bözberg) oder unterziehen sich einer «Grindwäschi» (Bözberg). Danach sollte Ihnen nichts mehr im Weg stehen, um ein wenig Ruhe und Fröhlichkeit auf der «Frohalde» (Hornussen) zu erleben, um danach wohlverdient im «Paradies» (Unterlunkhofen) zu landen. Und wenn Sie Glück haben, dann steigen selbst die Engel vom «Ängelberg» (Unterkulm) hinab.

Woher die Flurnamen kommen

Flurnamen bezeichnen kleine Landschaftsteile. Sie geben etwa Wäldern, Wiesen oder Äckern einen Namen und helfen somit den Menschen, sich im Raum zu orientieren.

Bei einigen Flurnamen ist die ursprüngliche Bedeutung noch heute leicht verständlich. Auf der «Schafmatt» (Merenschwand) weiden Schafe, der «Grossacker» ist flächenmässig gross und im «Eichholz» (Waltenschwil) stehen Eichen. Flurnamen geben Auskunft über den Verwendungszweck, über die Vegetation oder über das Ausmass einer Flur.

Flurnamen werden meist von Generation zu Generation mündlich weitergegeben und enthalten somit mundartliche Schreibweisen und «alte» schweizerdeutsche Ausdrücke, die heute oftmals nicht mehr verstanden werden und mitunter als lustig wahrgenommen werden. Wie etwa die «Schweini», der «Brummel» oder das «Grünggelloch».

Und hier kommt der Namenforscher ins Spiel, der detektivisch nach der möglichst erstmaligen Benennung in Archiven in unterschiedlichen Dokumenten forscht, um die ursprüngliche Bedeutung eines Namens zu rekonstruieren. Die Flurnamen sind dabei das umfangreichste Namengut der Schweiz und gelten als immaterielles Kulturerbe. Gerade im Kanton Aargau ist aber bis heute der umfängliche und reiche Namenschatz weder erfasst noch gedeutet.

Erstmals werden aber in Form dieser Serie die Aargauer Flurnamen von zwei Namenforschern gedeutet und publiziert. Wenn Sie also mehr über die «Grindwäschi», den «Mordchrieghau», das «Ankenland» oder über das «Grünggelloch» wissen möchten, dann senden Sie uns Ihre Fragen zu Flurnamen ein.