Ging es in den letzten Monaten um Flüchtlinge im Aargau, ging es meistens nur um eines: deren Unterbringung. Ob der grossen Zahl von Asylsuchenden, die in Gasthäusern, Zivilschutzanlagen, Notspitälern und bald wohl auch in Containern auf ihren Entscheid warten – 4700 waren es Ende Februar –, gingen jene, die schon länger hier sind, in der öffentlichen Wahrnehmung etwas unter.

Dabei setzten sich immer mehr Aargauerinnen und Aargauer für die Neuankömmlinge ein. Sie organisieren Deutsch-Lerngruppen, Freizeitaktivitäten, Beratungsgespräche. Wir haben drei Projekte besucht:

Projekt 1: Lernen und lesen zwischen Büchern

Wie funktioniert überhaupt eine Bibliothek? Asylsuchende auf Entdeckungstour.

«Also, bitte alle zuhören! Näher kommen!» Rahel Wunderli stellt sich in die Mitte von rund 40 Asylsuchenden. Das Programm BBB (Asyl mit Bildung, Begegnung, Beschäftigung) hat an diesem Samstagnachmittag zu einer Exkursion eingeladen – und Veranstaltungsleiterin Wunderli muss zuerst dafür besorgt sein, dass sie alle verstehen. Ein Afghane übersetzt auf Paschtu, ein Syrer auf Arabisch, ein Eritreer auf Tigrinja. Jetzt kann es losgehen: «Wir gehen heute in zwei Bibliotheken», erklärt Wunderli. «Eine Gruppe geht in die Stadtbibliothek und eine in die Kantonsbibliothek. Nach einer Stunde wechseln wir. And after 4 o’clock we will have some… ähm… Zvieri.» Die Afghanen müssen lachen – sie kennen das Wort bereits, und finden es sehr sympathisch, dass auch die Chefin mal etwas nicht übersetzen kann.

In der Aarauer Stadtbibliothek wird es eng. Samstag ist «Grosskampftag», wie Kundendienstleiter Roland Wahl sagt. Dass er zusätzlich Besuch von Asylsuchenden erhält, findet er aber nicht ungünstig, sondern «wichtig»: «Die Sprache ist ihr erster Schritt in der neuen Heimat. Erst dann kann die wirtschaftliche Integration folgen. Da können wir einen Beitrag leisten.» Es sei ein strategischer Entscheid der Leitung: «Diese Zielgruppe ist bei uns willkommen.» Wahl zeigt Holzboxen, in denen Kinderbücher in elf Migrationssprachen bereitliegen. Kinderbücher deshalb, weil «die Integration einer Familie immer über die Kinder passiert». Diese Bücher leiht die Stadtbibliothek temporär von einer spezialisierten Leihbibliothek aus. Dazu veranstaltet sie fremdsprachige Erzählstunden.

Inzwischen hat Rahel Wunderli ihren Teilnehmern Aufträge erteilt, handgeschrieben auf Zetteln: «Suche ein Buch über ein Tier, das dir gefällt» – «Suche einen Film, den du gerne schauen würdest». So lernen die Asylsuchenden, was es alles gibt – und wie sie nach etwas Bestimmtem suchen können. Mulugeta kommt mit Nelson Mandelas Autobiografie zurück: «Er war ein guter Mann», sagt er stolz. Dann zeigt Wunderli, wo das Regal mit Audio-Deutschkursen steht. Wo es sämtliche Zeitungen zu lesen gibt. Wahl sagt, man schaffe weitere Deutschkurse an. Biete PC-Arbeitsplätze samt Office-Programmen. Gratis-WLAN im ganzen Haus. «Wenn einer nur wegen des WLANs kommt, stört uns das doch nicht, auch das kann ein wichtiger Baustein sein für seine Zukunft.» Rund 40 Asylsuchende haben bereits eine Jahreskarte. Viele können die Gebühr nicht bezahlen – sie wird ihnen nach einem Gespräch mit der Leitung erlassen. Passive Unterstützung nennt Wahl das – mehr könne man sich in Zeiten des Spardrucks leider nicht leisten.

In der Kantonsbibliothek erklärt Kundendienstleiterin Gudrun Kulzer, wie die Ausleihe funktioniert. Beeindruckt streifen die Teilnehmer die Regale entlang, nehmen da und dort ein Buch heraus, blättern kurz darin, stellen es wieder zurück. Ein wenig so, als wären sie in einem Laden, in dem sie gerne alles kaufen würden, sich aber nichts leisten können. Ein Eritreer zeigt auf einen Buchdeckel und liest laut: «Lampedusa!» Eine Betreuerin fragt ihn, ob er auf der Insel gewesen sei. «Ja, ich war seit zwölf Tagen.» – «Und du?», fragt sie den Eritreer nebenan. «Ein Monat.» Gudrun Kulzer sagt, man überlege, wie man das Angebot für Flüchtlinge verbessern könnte. «Sie könnten hier Deutsch üben, Bücher zum Arbeiten benutzen, sich in kleinen Gruppen mit einem Mentor zusammensetzen und lernen. Was davon konkret realisierbar ist, müssen wir noch herausfinden.» Gerade Wörterbücher Deutsch-Tigrinja seien schwierig aufzutreiben. Diese Woche reiste Kulzer an den Leipziger Bibliothekskongress. Ihr Ziel: «Sich mit den deutschen Kollegen austauschen.» Diese, sagt sie, seien auf dem Feld schon weiter: So werden in einigen Städten Medienkisten in Flüchtlingssprachen zusammengestellt und für mehrere Wochen in den Asylunterkünften zur freien Benutzung deponiert.

Projekt 2: Mit Bruder Jakob im Treppenhaus

Singen im Treppenhaus: Afrikanische Lebensfreude im multinationalen Flüchtlingschor.

An diesem Dienstagabend sieht im Jugendhaus «Muri13» keine Jugendarbeiter zum Rechten, sondern Mohammed. Dienstag ist in der Freiämter Gemeinde der Abend der Asylsuchenden und Flüchtlinge. Und Mohammed der «Türsteher». Auf einem leeren Couvert notiert er sich mit Kugelschreiber die Namen jener, die kommen und gehen. «Contact» heisst der Treff der Netzwerks Asyl Aargau, der jeden Dienstag von 19 bis 21.30 allen offensteht. In der Küche sitzt Organisatorin Franca Hirt und führt Beratungsgespräche. Eine Afghanin serviert Tee und Kaffee, Kinder rennen lachend herum, Männer üben am Töggelikasten.

Doch eigentlich warten die meisten nur, bis es 19.30 Uhr wird. Dann können sie endlich wieder singen, trommeln, klatschen. «Njoy2sing» heisst das Chorprojekt, mit dem Franca Hirts Ehemann Jürg an jedem 1. und 3. Dienstag im Monat mittlerweile Asylsuchende aus dem ganzen Kanton nach Muri lockt. Das Bahnbillett wird ihnen erstattet, finanziert aus Spenden und dem Migros Kulturprozent. Der Deal: Ein abgestempeltes Billett wird direkt vor Ort gegen ein neues eingetauscht.

Die Startzeit wird bewusst mit 19 Uhr angegeben – damit um 19.30 Uhr auch alle da sind. «Das ist für afrikanische Verhältnisse extrem pünktlich», erklärt Chorleiter Jürg Hirt mit einem Schmunzeln. Um etwas Ruhe zu haben, formiert sich der Chor mehr oder weniger im Treppenhaus. Da steht auch ein Klavier. Nachdem die Mund und Stimmbänder mit lustigen Geräuschen gelockert sind, gibt Hirt mit einem Griff in die Tasten den Ton an. Erstes Lied: Frères Chaques – Bruder Jakob. Weitere Anweisungen braucht es nicht. Ist ein Lied zu Ende, stimmt jemand aus dem Ensemble das nächste an.

Das Liedgut ist deutsch und afrikanisch. «Ich schaue aber immer, dass alle wissen, um was es in einem Liedtext geht», sagt Jürg Hirt. Einzig fundamental-religiöse oder politisch-propagandistische Hymnen seien nicht erlaubt. Die Teilnehmer hätten übrigens von sich aus gewünscht, Deutsch zu singen: «Sie sagen, wir wollen doch eure Sprache lernen, also wollen wir auch so singen.» Einst leitete der Physiker den Männerchor in Muri, als Tenor singt er im Vokalensemble Cantemus, als Organist spielt er in Kirchen rund um Bremgarten. Bei «Njoy2sing», sagt Hirt, gebe es nur ein Ziel: «Es geht nur um die Freude!» Er strahlt, wenn er das sagt, und die Mannen aus Äthiopien hinter ihm strahlen mit. Einer stimmt einen Gospel ein. Die Gruppe stimmt ein.

Ein Bub trommelt auf dem Djembé. Der Rhythmus wird schneller, alle klatschen, juchzen, ein Mädchen hüpft im Takt. Nach gefühlten zehn Minuten sind die eineinhalb Probestunden um. Gemeinsam versorgen die Sängerinnen und Sänger die Stühle. Und Teilnehmer Togo hält fest: «Kommen Sie bitte auch nächstes Mal! Und bitte pünktlich sein!»

Projekt 3: Skaten als Abwechslung zur Schule

Jugendliche Asylsuchende im «Rolling Rock»

Jugendliche Asylsuchende im «Rolling Rock»

Halsbrecherisch schnell rollen sie dicht gedrängt in die Kurve. Inline-Skates, Skateboard, Kickboard. Jeder will der Schnellste sein, an die Spitze drängen. Es folgt der unvermeidliche Sturz des führenden Inline-Skaters, der bereits am Ansatz der Kurve bedenklich ins Schwanken geraten war. Hinter ihm kollidieren auch seine Verfolger. Es bricht grosses Gelächter aus, sofort hilft man sich gegenseitig wieder auf die Beine.

An der Bande im Aarauer Skate- und Sportcenter «Rolling Rock» steht Hansueli Ruch. Er beobachtet das Geschehen mit grossem Vergnügen. Ruch ist Programmleiter des Projekts «UMA – Leben und Lernen» des Vereins Netzwerk Asyl Aargau. Die Abkürzung UMA steht für «unbegleitete minderjährige Asylsuchende». Neben Ruch steht Reto Fischer vom «Rolling Rock». Er hat sich dafür eingesetzt, dass die Jugendlichen jeden zweiten Dienstag herkommen dürfen. «Die kennen nichts», sagt Fischer nach der Massenkarambolage lachend. «Sie scheinen keine Angst zu kennen. Und einige sind auch sehr talentiert.»

Das Projekt UMA wurde vor einem Jahr lanciert, um alleinreisenden jugendlichen Asylbewerbern, die auf ihren Entscheid warten, eine Tagesstruktur zu bieten. Ins Leben gerufen wurde das Projekt, weil der Kanton aus finanziellen Gründen keine Massnahmen trifft, um die Jugendlichen während ihrer Wartefrist zu beschäftigen. Für Programmleiter Ruch ist entscheidend, dass sie nicht herumsitzen und warten: «Sie brauchen eine Tagesstruktur mit Bildung, Betreuung und einem Freizeitangebot – sonst kommen sie aus Langeweile auf dumme Ideen.» Die meisten blieben wohl in der Schweiz, weshalb es wichtig sei, sie so früh wie möglich zu integrieren und für das Berufsleben zu rüsten.

Deshalb steht der Schulunterricht im Zentrum des Projekts UMA. 40 Asylsuchende besuchen fünf Tage die Woche von 9 bis 15 Uhr den Unterricht an der Tellistrasse. Deutsch, Mathematik, Alltagskompetenzen. Zu Letzterem gehören etwa Verhaltensregeln, Bewerbungstraining oder Sport – und damit auch die Nachmittage im «Rolling Rock». «Für dieses Angebot sind wir sehr dankbar, denn unser Budget ist begrenzt», sagt Ruch. «Hier können die Jugendlichen Dampf ablassen und Selbstvertrauen aufbauen. Speziell jene, die in der Schule vielleicht nicht so gut sind.»

Die Motivation ist laut Ruch sehr gross: «Einige haben schon konkrete Berufswünsche.»
Ruch hofft, dass bis im Sommer die Zukunft der 40 betreuten Jugendlichen geregelt sein wird und sie mit einer Aufenthaltsbewilligung weiterführende Ausbildungen besuchen können. Danach sollen 40 neue Schüler aufgenommen werden. «Unser Ziel ist es, das Projekt mindestens bis Ende 2016 weitezuführen», sagt Ruch.

Die bis Ende Jahr anlaufenden Projektkosten von 400’000 Franken können voraussichtlich grösstenteils durch Freiwilligenbeiträge finanziert werden. Der Kanton beteiligt sich mit dem Schulmaterial. Ab Sommer 2017 sollte laut Ruch der Kanton die Tagesstruktur der unbegleiteten minderjährigen Asylsuchenden übernehmen.

Mitarbeit: Henrik Furrer, Simone Morger