Arbeitsmarkt
Flüchtlinge im Aargau sollen arbeiten statt Zeit verplempern

Der Zugang zum Arbeitsmarkt soll einfacher werden – das fordern neue Vorstösse im Grossen Rat. Unternehmen, die Flüchtlinge anstellen wollen, müssen immer noch zuviele bürokratische Hürden überwinden.

Merken
Drucken
Teilen
Flüchtlinge als Arbeitskraft.JPG

Flüchtlinge als Arbeitskraft.JPG

Keystone

Für einmal sind sich Parteien von rechts bis links im Grossen Rat einig: Arbeitgeber, die junge Flüchtlinge für Schnupperlehren oder Probearbeiten anstellen wollen, sollen von bürokratischen Hürden befreit werden. Diese Forderung stellen sämtliche Fraktionen in einem am Dienstag eingereichten Postulat an die Adresse des Regierungsrats. Im Kanton Aargau gelten für vorläufig Aufgenommene besondere Vorgaben: Die Schnupperlehren oder Probearbeitseinsätze dürfen nicht an mehr als zwei Tagen stattfinden und nicht länger als 90 Minuten dauern. Darüber hinaus müssen die Arbeitgeber einen ortsüblichen Lohn zahlen.

Diese Voraussetzungen seien «unrealistisch» und «diskriminierend», heisst es im Postulat. Deutliche Worte findet auch die grüne Grossrätin Eva Eliassen: «Das ist ein Blödsinn. In dieser kurzen Zeit kann niemand Probe arbeiten. Ein Arbeitgeber muss sich in Ruhe ein Bild von einer Person machen können.» Kritik übt sie auch an der verlangten Lohnzahlung. Für den Betrieb bringe die Schnupperlehre einen Zusatzaufwand, der einzige Lohn, den ein Jugendlicher deshalb erwarten könne, seien Lob und allenfalls eine Anstellung.

Wegen Bürokratie kein Praktikum vergeben

Eva Eliassen sagt, sie wisse von Unternehmen, denen diese Hürden zu gross gewesen seien und die deswegen eine Praktikumsstelle nicht an einen jungen Flüchtling vergeben hätten. Das hält die Grossrätin für verheerend. Der Grund: Probearbeit oder Schnupperlehre sind oftmals der erste Schritt in die Berufswelt. Gerade bei vorläufig Aufgenommenen rechnet Eliassen damit, dass sie noch sehr lange in der Schweiz bleiben werden.

Umso wichtiger sei ein rascher Einstieg ins Arbeitsleben. «Verzögert sich die Integration in den Arbeitsmarkt, müssen die Jugendlichen ihre Zeit mit Handy und Fernseher in der Unterkunft verplempern.» Die Folge: Ihre Motivation schwindet, die Gefahr der Abhängigkeit von Sozialhilfe steigt.

«Dabei verlieren alle: die jungen Flüchtlinge und die Gesellschaft.» Das Postulat, das von über 50 Grossrätinnen und Grossräte aus allen Parteien unterzeichnet worden ist, will diese Bedingungen nun ändern und jugendliche Flüchtlinge «möglichst rasch und unbürokratisch in die Berufswelt integrieren».

SVP fordert Hilfe vor Flüchtlinge

Die SVP-Fraktion im Grossen Rat beantragt in einem Vorstoss, dass der Kanton Aargau in Bern eine Standesinitiative zur Asylpolitik einreicht. Demnach soll der Bund dafür sorgen, «dass die Schweiz den an Leib und Leben bedrohten Flüchtlingen möglichst nahe den Herkunftsländern hilft und dafür Anreize konsequent abbaut, welche Schleppern ein blühendes Geschäft mit lebensgefährlichen Reisen ermöglicht».
Die Rede ist von einer «veritablen Völkerwanderung», der es Einhalt zu gebieten gelte. Neben der Hilfe vor Ort fordert die Partei, die Grenzen für Asylsuchende zu schliessen – «eine Notwehrhandlung der Schweiz», um den Zusammenbruch unseres Sozialstaats abzuwenden und die innere Sicherheit zu bewahren, wie die SVP schreibt.

Eliassen zeigt sich optimistisch, dass die nötigen Arbeitsplätze gefunden werden könnten – insbesondere in handwerklichen Berufen wie Schreiner oder Haustechniker. «Im Aargau gäbe es viele aufgeschlossene Arbeitgeber, die junge Flüchtlinge anstellen würden, wenn die Hürden tiefer wären. Sie haben schliesslich anderes zu tun, als Gesuche zu schreiben.»

In eine ähnliche Richtung zielt auch ein zweiter Vorstoss, den die EVP-Fraktion in der letzten Sitzung vor der Sommerpause im Grossen Rat eingereicht hat: Das Postulat fordert Praktikumsplätze für anerkannte Flüchtlinge und vorläufig Aufgenommene.

«Ich begegne vielen geflüchteten Frauen und Männern, die nicht arbeiten oder nur einfache Tätigkeiten erledigen können, obwohl sie in ihrer alten Heimat eine Ausbildung oder ein Studium abgeschlossen haben», sagt EVP-Grossrätin Therese Dietiker. Das Problem: Sie können ihr Fachwissen nicht unter Beweis stellen.

Dies soll ein mindestens sechsmonatige Praktikum ändern. Neben einer Spesenentschädigung erhielten die Praktikanten demnach ein Arbeitszeugnis, das ihre Kompetenzen beschreiben und Türen auf dem Arbeitsmarkt öffnen soll. Wer die Praktikumsplätze schaffen soll und wie viele benötigt werden, ist im Vorstoss nicht vorgeschrieben.

Therese Dietiker sagt, das Postulat sei bewusst offen formuliert. «Der Staat kann das nicht allein organisieren, gefragt ist vor allem die Wirtschaft.» Sie spricht von einer «Win-win-Situation»: Die Unternehmen erhielten günstige Arbeiter, später allenfalls gar Fachkräfte; die Flüchtlinge erhöhten damit ihre Chancen auf einen Job.