Die Zeiten, in denen der Feuerwehdienst für Männer selbstverständlich war, sind vorbei. Gearbeitet wird selten dort, wo gewohnt wird. Der Informatiker, der in Bern angestellt ist und in Kölliken Dienst leistet, nützt seinem Trupp bei einem Alarm tagsüber nicht viel. Die Möglichkeiten in der Freizeit haben sich vervielfacht, Junge sind ständig unterwegs zwischen Lehre, Studium, Training, Ausgang. Entsprechend schwieriger ist es für Feuerwehren geworden, genügend Nachwuchs zu finden. Darüber diskutierten auf Einladung des Rettungskorps Brugg Feuerwehr-Kenner aus Praxis und Politik.

Unter dem Titel «Stell dir vor, es brennt und keiner löscht!» fühlte az-Redaktor Fabian Hägler fünf Gästen auf den Zahn: Roger Fessler, «erfolgreicher Rekrutierer» bei der Feuerwehr Regio Mellingen; Fabian Egloff, Leiter der Jugendfeuerwehr Baden; Corina Eichenberger, FDP-Nationalrätin und Präsidentin der parlamentarischen Kerngruppe Feuerwehr; Urs Ribi, Leiter Feuerwehrwesen bei der Aargauischen Gebäudeversicherung und Daniel Moser, Stadtammann von Brugg und «Feuerwehrmann a. D.». Der Tenor, auch unter den zuhörenden Feuerwehr-Kadern aus dem ganzen Aargau, wurde schnell deutlich: Die Jungen fehlen – aber längst nicht überall im gleichen Ausmass. Urs Ribi sagte es so: «Wenn man den ganzen Kanton anschaut, haben wir mit 11 000 Feuerwehrleuten grundsätzlich genügend Einsatzkräfte. Aber regional gibt es sehr wohl Probleme.» Die Leute flögen einem nicht mehr einfach so zu. Dabei sei es gar nicht so schwierig: «Man arbeitet 9 Stunden auswärts. Aber der Tag hat ja 24 Stunden.» Dafür brauche es jedoch Flexibilität seitens der Arbeitgeber.

Neulinge behutsam heranführen

In Mellingen hat man bewusst eine neue Strategie angewendet, wie Roger Fessler erzählte: «Wir fragen nicht mehr die Jungen ab 18, sondern die 28- bis 35-Jährigen.» Resultat: Mehr Interessenten, als das Korps aufnehmen konnte. Und Fessler musste dem Gemeinderat erklären, warum dieser 15 neue Uniformen finanzieren muss. Den Grund für den unerwarteten Erfolg sieht Fessler im ruhigeren Lebensgang in diesem Alter: «Sie haben Familie, den Militärdienst vorbei, ein Haus gekauft und bleiben.»

Um Mitglieder für die Jugendfeuerwehr Baden zu finden, muss Fabian Egloff nicht viel Werbung machen. «Zu uns kommen die, die eh schon feuerwehrbegeistert sind. Wir können Abenteuer, Wissen und Kameradschaft bieten.» Die meisten kämen via Mundpropaganda. Sie seien sehr motiviert – dies gelte es zu erhalten, bis sie 18-jährig seien. Der Mädchenanteil beträgt 30 Prozent. Corina Eichenberger sagte, sie finde «gemischte Teams gut», besondere Werbeaktionen, um Frauen zu gewinnen, brauche es aber nicht. Frauen seien nicht mehr verpönt in der Feuerwehr, sondern beliebt. Ein anderes Vorurteil, das viele abschreckt, ist der militärische Umgangston. Die Offiziere Egloff und Fessler sagten, man führe Neue behutsam heran. Aber eine klare Sprache sei im Einsatz lebenswichtig.

Könnte eine bessere Bezahlung den Einsatz attraktiver machen? Ammann Daniel Moser bezweifelt das: «Der Sold ist ein Nebeneffekt, nicht die Hauptmotivation. Wichtiger ist, dass die Leute gut ausgerüstet sind.» Noch viel wichtiger aber sei, ein Grundbewusstsein in der Bevölkerung für die Feuerwehr zu schaffen: «Wenn heute ein Haus brennt, sind alle Nachbarn wahnsinnig bestürzt. Aber sie denken nicht daran, dass ihnen das auch passieren könnte und sie etwas dagegen unternehmen könnten.»

Nicht wegen des Biers

Einig war man sich, dass das Milizsystem für den Aargau ideal sei, zentralisierte Berufsfeuerwehren unbezahlbar und sinnlos wären im weitverzweigten Kanton. Ribi: «Die Berufserfahrung und Verankerung in einem Dorf sind Gold wert.» Eichenberger kann sich anstelle von Zusammenlegungen zu grossen Stützpunkten eher vorstellen, künftig die Kooperation zwischen dem Zivilschutz und der Feuerwehr zu intensivieren. «Dieser Austausch findet schon statt, aber da könnten wir sicher noch mehr machen.»

Und wie steht es heute mit dem Löschen des Durstes nach dem Einsatz, wie es das Löschzugchörli Interlaken einst besang? Urs Ribi: «Die Feuerwehr ist weder eine Sekte noch ein Saufverein. Aber sie ist eine Kameradschaft.» Dazu gehöre es, gemeinsam einzukehren. Gerade die Jungen kämen nicht wegen des Alkohols. «Ganz im Gegenteil: Sie gehen eher mal nach Hause.» Aber eines sei immer noch gleich: «Nach einem erfolgreichen Einsatz ist man beflügelt.»