Es ist ein lauer Herbstnachmittag. Wir sitzen im Bistro von Schloss Wildegg, mit weiter Sicht über das Land und Blick auf den Schlosshof. Ringsum wird gearbeitet; ein paar Angestellte des Museum Aargau besprechen sich stehend, die Gärtner pflegen die prächtigen Aussenanlagen; Lehrpersonen sammeln ihre Klasse und stimmen sie auf den anstehenden Schlossbesuch ein. Dazwischen die Flaneure, die das Schloss erwandern; die Biker, die einen sicheren Parkplatz für ihr Gefährt suchen. Am Himmel dreht ein Sportflieger seine Runden.

Nichts deutet darauf hin, dass das Schloss Wildegg ab dem 17. Oktober für ziemliches Aufsehen sorgen wird. Pardon, wenn es das Wort denn gäbe, so müsste man wohl treffender von ziemlichem «Aufriechen» reden. Denn die Wildegg wird für sechs Tage zum Duftschloss. Fünf namhafte Parfümeure und Aromatologen haben sich vom Schloss und seiner Geschichte inspirieren lassen und bespielen die historischen Räume mit exklusiv entwickelten Düften. Das habe es in der Schweiz so noch nicht gegeben, sagt Mitinitiant Rudolf Velhagen, Leiter der Sammlung Museum Aargau.

Immer der Nase nach

Ein Schloss zum Duften zu bringen, mag ja eine schöne Idee sein; aber ist das für die Besucher auch attraktiv? Man sieht ja nichts, was nicht schon vorher da war. Rudolf Velhagen findet diesen Einwand lustig. Er kann ihn auch leicht entkräften. «Menschen sind fasziniert von Düften», sagt Velhagen und verweist auf den Erfolg der Ausstellung «Flowers to Art» im Aargauer Kunsthaus. «Da waren viele Besucher so begeistert von den Düften, dass sie fast vergessen haben, sich auch die dazugehörenden Kunstwerke und Kompositionen anzuschauen.» Da sei ihm klar geworden, dass es Zeit sei, auch etwas mit Düften zu machen, zumal es ihn reize, interdisziplinär zu arbeiten und Welten zusammenzubringen, die sich sonst eher nicht begegnen würden.

Rasch sei rasch klar gewesen, dass dieses «Duftereignis» auf der Wildegg stattfinden müsse. Der Verein «Scent» wurde gegründet und Velhagen präsentierte die Idee des «Festivals der Düfte» Thomas Pauli, dem Chef der kantonalen Abteilung Kultur. «Da fand ich offene Türen», sagt Velhagen, ist es doch erklärtes Ziel der Aargauer Kulturpolitik, innovativ zu sein und neue Wege zu begehen.

So kam es schliesslich zur Koproduktion zwischen dem Verein «Scent» (mit Projektleiterin Angela Wettstein und dem Duftexperten Sebastian Fischenich) und dem Museum Aargau. Es gelang auch, weitere Partner an Bord zu holen; so etwa die zum Migros-Konzern gehörende Mibelle-Group. Die Mibelle nutzt das Projekt auch als Teamentwicklungsanlass und stellt drei Kreativteams, die ebenfalls einige Räume «beduften», so etwa den Estrich von Schloss Wildegg.

Internationale Parfümeure

Doch wie «beduftet» man ein Schloss? Velhagen möchte da noch nicht zu viel verraten; aber es sei doch eine ziemliche Herausforderung – und noch seien nicht alle Probleme gelöst. So habe man fest-gestellt, dass längst nicht alle Räume des Schlosses über Steckdosen verfügen. Auch die zunehmende Kälte könnte Einfluss auf die Beduftung der Räume haben. Für die Einrichtung und Programmierung der Diffusoren kommt eigens ein Fachmann aus Holland auf die Wildegg.

Unter den eingeladenen Parfümeuren ist auch Ralf Schwieger, ein Deutscher, der in New York lebt. Schwieger absolvierte die legendäre Parfümerieschule Givaudan-Roure in Grasse. Zu seinen Kreationen gehören Eau des Merveilles von Hermès, Lipstick Rose von Editions de Parfums oder Iris Nazarena von Aedes de Venustas. Mit von der Partie ist ebenfalls Christophe Laudamiel, der Masterparfümeur aus Clermont-Ferrand. Zu seinen Kreationen gehören Polo Blue von Ralph Lauren, Fierce von Abercrombie & Fitch und Amber Absolute von Tom Ford.

Alle Parfümeure wurden zur gemeinsamen Schlossbesichtigung eingeladen, konnten sich von der Geschichte und vom Ort inspirieren lassen und sich ihre Räume aussuchen. Meist habe das sehr gut gepasst, erzählt Velhagen. Einzig die Eingangshalle sei gleich von mehreren Parfümeuren begehrt worden.

Bereits jetzt können Tickets für das Festival der Düfte reserviert werden. Die Nachfrage sei schon sehr gross, sagt Velhagen – und das ist auch ein kleiner Grund zur Sorge. Denn Velhagen fürchtet, dass es zu Wartezeiten kommen könnte, vielleicht gar, dass diejenigen, die zu lange warten, bis sie sich ein Ticket reservieren, im schlimmsten Fall gar keines mehr kriegen könnten. Denn die Platzzahl im Schloss ist beschränkt.

Wir verlassen das Bistro. Rudolf Velhagen führt uns zu einem geheimen Ort tief im Schloss. Hier warten gut verpackt und sicher eingelagert sämtliche Düfte, bis sie sich am 17. Oktober frei entfalten und auf Fantasie und Erinnerung der Besucherinnen und Besucher einwirken können.