Kehricht-Energie
Fernwärme ist dank der Kälte heiss gefragt

Die Kehricht-Verbrennuungsanlagen im Kanton verbrennen nicht nur Abfall, sie liefern gleichzeitig Fernwärme. Bei diesen eisigen Temperaturen ist die Wärme aus Buchs, Turgi und Oftringen gefragt wie schon lange nicht mehr.

Hans Lüthi
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Dampf in Buchs, doch die Energie fliesst in die Fernwärme.

Dampf in Buchs, doch die Energie fliesst in die Fernwärme.

Chris Iseli

Verkehrte Welt der Kehrichtenergie aus den Aargauer Anlagen Buchs, Turgi und Oftringen: Derzeit arbeiten sie an den Jahresberichten 2011 und darin steht, die Fernwärmebezüge seien um 10 bis 20 Prozent gesunken – wegen der viel zu milden Witterung, vor allem im November und Dezember.

Jetzt stellt die Realität alles auf den Kopf, Dampf und heisses Wasser fliessen in Rekordmengen. «Seit letzter Woche hat es extrem zugenommen, wir liefern 30 Tonnen Dampf pro Stunde», sagt Harald Wanger, Leiter Technik in der KVA Buchs. Vom Standort der Entsorgungsanlage bis ins Wynenfeld und zum Kantonsspital Aarau (KSA) bestehen grosse Leitungen.

Die saubere Energie aus dem Güsel wird an die Fernwärme Wynenfeld AG abgegeben, welche die Migros-Betriebe Frey Schokolade, Jowa-Bäckereien und Mibelle-Kosmetik mit Prozesswärme beliefert. «Bei diesen tiefen Temperaturen sind wir am Anschlag, eine viele höhere Leistung ginge nicht mehr», präzisiert Wanger. Der Dampf aus den riesigen Kehrichtöfen in Buchs wird mit rund 20 bar Druck und zirka 270 Grad Celsius zu den industriellen Grossverbrauchern transportiert.

Ersatzkessel auf Heizöl-Basis

Für einen idealen Ausgleich sorgt derzeit das Kantonsspital Aarau, wo der Dampf in heisses Wasser umgewandelt wird. Denn das KSA besitzt zwei eigene Zusatzkessel, die mit Öl betrieben werden. Sie kommen aber nur sporadisch zum Einsatz, je tiefer die Temperaturen, desto öfters oder kurzfristig bei einem technischen Störfall. Was geschieht, wenn die Temperaturen noch tiefer in den Eiskeller sinken? «Wir haben selber zwei Reservekessel, die wir warm halten und innert Minuten zuschalten können», beruhigt Harald Wanger.

Beim Ausfall einer der beiden Ofenlinien, selbst beim Totalausfall der Buchser Kehrichtöfen, «würden unsere Wärmekunden nichts merken», beruhigt der Technische Leiter. Für den Fall der Fälle stehen zwei grosse Tanks mit Heizöl bereit, die Fabriken haben eigene Kessel.

Stromproduktion als Puffer

Die optimale Nutzung der Ofenhitze umschreibt Wanger so: «Die Fernwärme zieht das, was sie braucht, die Stromturbine nimmt, was sie bekommt.» Dazu präsentiert er diese Zahlen: Die Fernwärme ins Wynenfeld ging von 70154 Megawattstunden im Vorjahr auf 62646 MWh im zu milden 2011 zurück. Im Ausgleich dazu stieg die Stromproduktion von 45221 Megawattstunden auf 47105 MWh oder rund 47 Millionen Kilowattstunden (kWh). Zuverlässigger Abnehmer des Stroms aus Buchs ist der Energiekonzern Alpiq.

Strom ist leider nicht speicherbar, Kehricht jedoch schon: Während der Revision im Sommer füllt die KVA Buchs den Lagerplatz mit 10000 Ballen oder 5000 Tonnen Kehricht. Jetzt, in der kalten Jahreszeit, wird der Berg abgebaut und stellt die dringend benötigte Energie sicher.

Genügend Reserven in Turgi

Der Kehrichtverband Baden-Brugg mit den Entsorgungsöfen zwischen Bahnlinie und Limmat beliefert die Fernwärme Siggenthal und war am Freitag gerade am Anschlag. «Das ist aber absolut kein Problem, wir haben zusätzlich Reserve- und Spitzenheizkessel. Diese könnten wir zuschalten, wenn es noch kälter werden sollte», erklärt Direktor Peter En- der von der KVA Turgi. Seit dem Ausbau des Bypasses Würenlingen kann die Fernwärme Siggenthal zudem mehr Energie von der Refuna beziehen.

Dennoch besteht im Raum Siggenthal ein Anschlussstop, «weil die Kapazität vom Netz her technisch beschränkt ist», präzisiert Ender. Nur 43 Millionen Kilowattstunden Wärme hat die KVA Turgi letztes Jahr verkauft – über 20 Prozent weniger als im Vorjahr. Dafür stieg der Stromverkauf auf 69 Millionen kWh und der Erlös aus dem Energieverkauf auf 7,6 Millionen Franken.

Steter Ausbau in Oftringen

Weniger Wärme hat auch die Erzo in Oftringen im Jahr 2011 verkauft: Der Wärmeabsatz sank (umgerechnet) von 12 auf 10 Millionen kWh, was Geschäftsleiter Jacques Hartmann ebenfalls mit der zu milden Witterung begründet. Das Netz wird laufend ausgebaut, schon heute gehören alle drei grossen Fachmärkte in Oftringen, die zentralen Schulanlagen und das Gemeindehaus dazu. «Auch viele grosse Überbauungen und Neubauten versorgen wir mit unserer Energie», sagt Hartmann und unterstreicht die Umweltvorteile – Substitution von Heizöl, weniger CO2-Ausstoss.

An genug Wärme mangelt es in Oftringen nicht, aber die Dampfentnahme bei der Turbine verursacht technische Probleme, welche die Fachleute lösen müssen.