Ausgegraben

Faszinierend: Das ist der älteste Aarauer Film – vom Maienzug 1897

Faszinierend: Das ist das älteste Maienzug-Video überhaupt

Kavallerie im Schachen, Festumzug in der Kasinostrasse und Kadettenmanöver Roggehuser Täli: Filmaufnahmen aus Aarau anno 1897, teilweise eingebettet in das aktuelle Umfeld der Originalschauplätze.

Ende des 19. Jahrhunderts entstanden die ersten Schweizer Filme. Sie sind für heutige Verhältnisse kurze 50 Sekunden lang und zeigen Szenen aus Schweizer Städten, von der Landesausstellung in Genf oder vom Maienzug in Aarau.

Eine einzige Einstellung, knapp eine Minute lang und doch unglaublich faszinierend: Am 9. Juli 1897, um 8.30 Uhr, filmte der Waadtländer François-Henri Lavanchy-Clarke in der Aarauer Kasinostrasse den Maienzug. Zu sehen ist links im Bild die katholische Kirche Peter und Paul, die später abgebrochen worden ist.

Nicht nur vom Festumzug am Morgen gibt es ein Filmdokument, am Nachmittag ist auch das Manöver im Roggehuser Täli gefilmt worden. Es sind ebenfalls 50 Sekunden, allerdings enthalten sie die vielleicht ersten Kamera-Schnitte der Schweiz: Der Kameramann unterbrach seine Aufnahme zweimal fast unsichtbar, um statt des zeitaufwändigen Nachladens der Kanonen mehr Salven filmen zu können.

Schweizer Soldaten entpuppen sich als Kadetten

Es ist das Team um den Film- und Medienwissenschaftler Hansmartin Siegrist von der Universität Basel, das die Filme in einem französischen Filmarchiv ausgegraben und analysiert hat. Die Manöver-Szene haben die Wissenschaftler nicht nur auf die Minute genau – 14.30 Uhr –, sondern auch praktisch auf den Meter genau lokalisieren können. Anhand von Wetter- und Kameradaten sowie der publizierten Festprogramme.

Der Manöverfilm allerdings lag mit dem Titel «Exercices de tir par l'artillerie suisse» – «Schiessübungen der Schweizer Armee» – im Archiv der Lumière-Stiftung in Lyon. Aufgrund der Uniformen war den Wissenschaftlern aber rasch klar, dass es sich bei den Männern nicht um Armeeangehörige, sondern um Aarauer Jugendfest-Kadetten handelt. 

Die portable Kamera und ihr Weg in die Schweiz

1897. Eine Jahreszahl, die im Zusammenhang mit einem Filmdokument fast surreal klingt. Im Jahr zuvor sind in Genf und Basel die allerersten Filmaufnahmen überhaupt in der Schweiz gemacht worden. Mit dem «Cinématographe» des von den Gebrüdern Auguste und Louis Lumière aus Lyon entwickelten Filmkamerasystems. «Nicht die erste Filmkamera», wie Hansmartin Siegrist sagt, «aber mit einem Gewicht von nur sechs Kilo damals die technisch eleganteste.» Eine portable Kamera also.

Mit dem Kinematografen liessen sich Filme von 50 Sekunden Länge aufzeichnen, aber auch projizieren. Verantwortlich dafür, dass in der Schweiz und auch in Aarau so früh jemand mit einer solchen Filmkamera unterwegs war, ist eben jener François-Henri Lavanchy-Clarke. Der Waadtländer war ein beruflicher Tausendsassa. Ein Industrieller, Bankier und Philanthrop, der sich für das Blindenwesen engagierte und mit damals unorthodoxen Methoden für ausländische Produkte warb, etwa für die britische Seifenmarke «Sunlight».

Und so enthalten seine inszenierten Stadtszenen nicht nur jede Menge prominenter Persönlichkeiten – in Genf filmte er unter anderem eine Szene, in der der Maler Ferdinand Hodler zu sehen ist – sondern platzierte seine Produkte auch geschickt in den von ihm produzierten Filmen.

Defilees und Seifenwerbung

Insbesondere den Film «Bâle – Le pont sur le Rhin», der im September 1896 auf der heutigen Mittleren Brücke in Basel gefilmt worden ist, hat das Team um Hansmartin Siegrist ist mehrjähriger Arbeit analysiert. Wer hatte wo und warum einen Auftritt in dem Film? Die Antworten auf diese Fragen gibt es auf der Website zum Forschungsprojekt: 50sekundenbasel1896.ch. Noch detaillierter ist das kürzlich erschienene Buch «Auf der Brücke zur Moderne. Basels erster Film als Panorama der Belle Epoque».

Darin geht Hansmartin Siegrist auch auf Lavanchys Aargauer Film- und Werbekampagnen ein. In Aarau hat er nicht nur mehrere Filme selber gedreht oder von seinen Operateuren drehen lassen, er hat hier auch diverse Filmvorführungen veranstaltet. Siegrist vermutet, dass seine «Sunlight»-Seifenfabrik in Olten einerseits und das liberal-politische Klima andererseits Grund für die Verbundenheit des Filmpioniers mit der Stadt waren. «Womöglich hat er sogar zeitweise in Aarau ein Quartier gehabt.»

Zu diesen Bildern fehlen den Wissenschaftlern noch Angaben:

Hinweise per Whatsapp an 079 858 34 12 oder per Email an online@chmedia.ch.

In Aarau fand der Filmemacher aber auch die passende Szenerie für Filme, die für die ganze Schweiz interessant waren. Gern gesehen waren damals patriotische Feste, Umzüge oder militärische Defilees. Besonders fasziniert haben das Publikum – und die Macher – die Effekte von Wasser, Feuer oder Rauch. 

Militärhistorisches Aarau-Wissen gesucht

Eine weitere Aarauer Filmszene zeigt eine Kavallerie-Kompanie im Schachen. Auch diese 50 Sekunden haben die Wissenschaftler exakt lokalisieren und so filmisch in die heutige Umgebung einbetten können. Hingegen fehlt vor allem eines: das genaue Aufnahmedatum der Szene.

Für Siegrist ist klar: «Es muss im Sommer 1897 oder 1898 gewesen sein.» Jetzt hofft er, dass sich in Aarau oder Umgebung jemanden – mit militärhistorischen Interessen – finden lässt, der den Forschern weitere Details liefern kann.

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