Psychiatrie

Fast ein Drittel mehr Zwangseinweisungen im Aargau – woran das liegt

Seit Anfang Jahr haben die Psychiatrischen Dienste Aargau AG (PDAG) mehr Zwangseinweisungen im Vergleich zum gleichen Zeitraum im Vorjahr verzeichnet.

Seit Anfang Jahr haben die Psychiatrischen Dienste Aargau AG (PDAG) mehr Zwangseinweisungen im Vergleich zum gleichen Zeitraum im Vorjahr verzeichnet.

Seit nicht mehr Amtsärzte die Fürsorgerischen Unterbringungen anordnen, steigt die Zahl der Fälle. Seit Anfang Jahr haben die Psychiatrischen Dienste Aargau AG 30% mehr Zwangseinweisungen im Vergleich zum gleichen Zeitraum im Vorjahr verzeichnet.

Bei einem gesundheitlichen Problem in der Nacht oder am Wochenende rückten früher die Amtsärzte aus. Seit Anfang Jahr gibt es im Kanton Aargau keine Amtsärzte mehr. Stattdessen kümmert sich die private Firma Mobile Ärzte AG um die Patienten. Die mobilen Ärztinnen und Ärzte ordnen – wie der Amtsarzt früher – auch die Fürsorgerischen Unterbringungen an. Eine solche Einweisung in eine Klinik gegen den Willen des Patienten stellt einen erheblichen Eingriff in die Persönlichkeitsrechte dar. Eine Fürsorgerische Unterbringung sollte deshalb das letztmögliche Mittel sein und nur verfügt werden, wenn alle anderen Massnahmen erfolglos waren. Ärzte können sie bei Selbst- oder Fremdgefährdung anordnen.

Die mobilen Ärzte greifen öfter auf diese Massnahme zurück als die Amtsärzte. Seit Anfang Jahr haben die Psychiatrischen Dienste Aargau AG (PDAG) mehr Zwangseinweisungen im Vergleich zum gleichen Zeitraum im Vorjahr verzeichnet. 367 waren es seit Anfang Jahr; im ersten Quartal 2016 waren es 281. Das entspricht einer Zunahme von 30 Prozent.

Langjährige Erfahrung fehlt

Das liege daran, dass den mobilen Ärztinnen und Ärzten die «jahrzehntelange und breite Erfahrung» in Bezug auf die Verordnung von Fürsorgerischen Unterbringungen fehle, sagt der Kantonsarzt Martin Roth. Und er ergänzt: «Die Amtsärzte haben manche Situationen weniger bedrohlich eingeschätzt und öfter auf eine Fürsorgerische Unterbringung verzichtet. Die mobilen Ärzte hingegen weisen eine Person eher in eine Klinik ein.»

Das stellt Anja Lob, Geschäftsführerin der Mobilen Ärzte AG, nicht in Abrede. Sie sagt: «Die mobilen Ärzte agieren zur Sicherheit des Patienten und dessen Umfeld vorsichtig.» Denn im Fall einer nicht ausgesprochenen Fürsorgerischen Unterbringung müsse mit weitreichenden Folgen gerechnet werden – im schlimmsten Fall mit dem Tod des Patienten oder einer Person in seinem Umfeld. Dazu komme, dass die mobilen Ärzte den «Bekanntheitsgrad» einzelner Patienten, welche die Amtsärzte im Laufe von Jahrzehnten als sogenannte Wiederholungstäter kennen gelernt haben, erst nach einer gewissen Zeitperiode kennen lernen.

Mehr Einsätze in Asylunterkünften

Als weiteren Grund für die Zunahme führt sie die Einsätze in Asylunterkünften bei «Bewohnern mit höherem Potenzial zur Gewaltbereitschaft» an. Diese seien «massiv zunehmend». Vergleichszahlen zum Vorjahr seien ihr aber nicht bekannt.

Als letzten Grund nennt Lob die Einsatzzeit: «Wir sind vom Kanton verpflichtet, innerhalb von 60 Minuten vor Ort zu sein.» Sie würden deshalb häufiger auf akut eskalierende Situationen treffen. «Früher waren die Einsätze der Amtsärzte laut Polizei durchaus mit mehreren Stunden Wartezeit bis zum Eintreffen beim Patienten verbunden», sagt Lob.

An den Kosten für den Kanton ändert sich wegen der steigenden Anzahl an Zwangseinweisungen nichts: «Der Kanton muss nur die Beurteilungen bezahlen», sagt Kantonsarzt Roth. Und ausrücken und die Patienten beurteilen müssten die mobilen Ärzte sowieso, egal ob sie am Ende eine Fürsorgerische Unterbringung aussprechen oder nicht. Den stationären Aufenthalt in einer Klinik bezahlt dann der Patient beziehungsweise dessen Krankenversicherer.

Patienten wehren sich

Aber nicht nur die Anzahl der Zwangseinweisungen ist gestiegen: Seit die mobilen Ärzte im Aargau unterwegs sind, haben auch mehr Patienten oder Angehörige eine Beschwerde beim Verwaltungsgericht eingereicht. «In den ersten vier Monaten des laufenden Jahres sind so viele Beschwerden aufgetreten wie im gesamten ersten Halbjahr 2016», sagt Wolfram Kawohl, Bereichsleiter und Chefarzt Psychiatrie und Psychotherapie der PDAG.

Laut Corina Trevisan Fischer vom Verwaltungsgericht sind bis Ende April 105 Beschwerden eingegangen, letztes Jahr waren es Ende April 75 Beschwerden. Allerdings beträfen diese Zahlen nicht nur Beschwerden gegen Fürsorgerische Unterbringungen, sondern auch gegen Zwangsmassnahmen in der Klinik und gegen Anordnungen ambulanter Massnahmen.

Dass sich Patienten oder Angehörige gegen unberechtigte Zwangseinweisungen wehren, sei «völlig in Ordnung», findet Kawohl. «Sie stellen für die Patienten und deren Angehörige eine enorme Belastung dar.» Aber die Zwangseinweisungen machen auch den PDAG zu schaffen. Die stationäre Belegung der Klinik sei Anfang Jahr sehr hoch gewesen. Das dürfte laut Kawohl aber auch an freiwilligen Eintritten liegen. Dass der Aargau im Vergleich zu anderen Kantonen und bezogen auf die Bevölkerung nur über wenig psychiatrische Betten verfüge, verschärfe die Situation zusätzlich: «Das führt regelmässig zu einer hohen Auslastung der Klinik und teilweise auch zu Überlastung.»

Auch das Gericht halten die Beschwerden gegen Fürsorgerische Unterbringungen auf Trab, sodass «regelmässig Mitarbeitende anderer Kammern aushelfen müssen». Die Mehrbelastung falle umso mehr ins Gewicht, weil bei Beschwerden gegen eine Zwangseinweisung von Gesetzes wegen innerhalb von fünf Werktagen eine Verhandlung durchgeführt und ein Urteil gefällt werden müssten.

Weiterbildung für die Ärzte

Zwar hat sich die Situation bei den PDAG im April deutlich verbessert: «Die Zahl der Fürsorgerischen Unterbringungen ist deutlich zurückgegangen, sogar unter das Vorjahresniveau», sagt Kawohl. Er hofft, dass die Entwicklung anhält.

Der Kanton zieht dennoch Konsequenzen: «Wir planen ein Weiterbildungsprogramm für die Ärztinnen und Ärzte», sagt Kantonsarzt Roth. Die PDAG und die mobilen Ärzte erarbeiten momentan eine Fortbildung. So soll verhindert werden, dass weiterhin Menschen gegen ihren Willen in einer Klinik landen, ohne dass es notwendig ist. «Zentrale Themen sind psychiatrische Kriseninterventionen, das Erkennen von Selbst- und Fremdgefährdung und das psychiatrische Versorgungssystem», konkretisiert Kawohl.

Anja Lob von der Mobilen Ärzte AG stellt die Sinnhaftigkeit einer solchen Fortbildung infrage. Der juristische Aspekt sei allen Ärzten bekannt, sagt sie. Wenn eine Zwangseinweisung angeordnet wird, finde aber «immer eine Beurteilung des aktuellen Zustandsbildes statt». Geschäftsführerin Lob findet einen «regelmässigen Erfahrungsaustausch unter den Playern» – wie er in anderen Kantonen durchgeführt wird – auch im Aargau sinnvoll.

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