Kanton

«Familie und Beruf müssen vereinbar werden»: Initiative soll Tagesschulen im Aargau den Durchbruch bringen

Die Stadt Baden kennt die Tagesschule bereits, in Aarau ist sie in Diskussion.

Die Stadt Baden kennt die Tagesschule bereits, in Aarau ist sie in Diskussion.

GLP-Wahlkampfleiter Philippe Kühni hofft auf überparteiliche Unterstützung für ein mehrheitsfähiges Volksbegehren.

Zahllose Mütter und auch zunehmend kinderbetreuende Väter müssen bei der Organisation ihrer Kinder grösste Managementqualitäten entwickeln. Wenn eine Familie drei Kinder im Alter von zum Beispiel 6, 8 und 9 Jahren hat, die womöglich nicht alle in dieselbe Schule, sicher aber in verschiedene Klassen gehen, heisst dies: Im schlechtesten Fall gibt es drei unterschiedliche Schulbeginn- und Schulendzeiten.

Vater oder Mutter muss also fast ständig zu Hause sein, um ein Kind in die Schule zu schicken oder in Empfang zu nehmen. Im Zuge der grossen beruflichen Mobilität wohnen zudem immer seltener die junge Familie und die Grosseltern im selben Ort oder gar im selben Haus, sodass auch die Grosseltern immer weniger mithelfen können. Dazu, seufzt Philippe Kühni, Wahlkampfleiter und Vorstandsmitglied der GLP Aargau, «ändern womöglich jedes Semester die Schulpläne. Das ist für die Eltern mühsam, besonders wenn beide Elternteile erwerbstätig sind oder sein möchten».

«Wirtschaft braucht dringend Fachkräfte»

In vielen Fällen müsse deshalb jemand zu Hause bleiben. Kühni, der als Kreisschulrat in Aarau tief in die Materie hineinsieht, sagt kopfschüttelnd: «Das verstehe ich nicht. Da absolviert man eine aufwendige Ausbildung und kann doch nicht erwerbstätig sein, obwohl die Wirtschaft dringend Fachkräfte braucht und der Mangel demografiebedingt immer grösser wird.»

Wenn ein Elternteil daheim sein wolle, sei das selbstverständlich in Ordnung, man wolle niemanden zu etwas zwingen, betont Kühni, aber: «Die Rahmenbedingungen im Kanton Aargau müssen unbedingt besser werden für jene, die den Anschluss im Beruf behalten und nicht der Kinder wegen viele Jahre beruflich aussetzen wollen. Abhilfe schaffen können da nur Tagesschulen mit Blockzeiten.»

Kühni ist mit GLP-Kolleginnen und Kollegen dran, einen Text für eine kantonale Volksinitiative auszuarbeiten. Er hat auch bereits die Fühler zu anderen Parteien ausgestreckt, um auszuloten, ob man die Initiative überparteilich lancieren könne. Kühni: «Unser Ziel ist eine politisch möglichst breit abgestützte Initiative, die dann auch echte Chancen hat.»

Laut SP-Co-Fraktionschef Dieter Egli unterstützt seine Partei natürlich Tagesschulen. Die Fraktion wird an der nächsten Grossratssitzung aus der Coronaerfahrung heraus einen Vorstoss dafür einreichen.

Coronakrise gab den Anstoss für die Initiative

Anstoss für die Initiative gab ebenfalls die Coronakrise. Da waren die Kinder plötzlich zu Hause, die Eltern mussten das irgendwie managen. Kühni: «Das hat gezeigt, wie wichtig ein Tagesschulangebot in Kindergarten und Primarschule ist. Ich bin überzeugt, dass das zu einem Bewusstseinswandel geführt hat.»

Wenn der Initiativtext noch nicht steht, ist das denn mehr als bloss Wahlkampf, er will ja im Herbst in den Grossen Rat? Gewiss kandidiere er, sagt Kühni. Er habe eine sehr konkrete Vorstellung, wolle indes in der Hoffnung auf überparteiliche Unterstützung nicht vorprellen: «Ziel ist, dass der Initiativtext in den nächsten Wochen steht, sodass wir nach den Sommerferien mit Unterschriftensammeln beginnen können.» Er sei überzeugt, dass diese Idee in der Bevölkerung auf viel mehr positiven Widerhall stosse als in Regierung und Parlament.

Und kleinste Gemeinden, rechnet sich das? Er könne sich gut vorstellen, dass sich da mehrere zusammentun, sagt er. Tagesschulen müssten überall angeboten werden, die Eltern könnten jedoch entscheiden, ob sie das Angebot nutzen wollen. Das bringe auch mehr Chancengleichheit, etwa für Kinder aus bildungsfernen oder fremdsprachigen Familien.

Wer soll flächendeckendes Angebot bezahlen?

Sollte sich für ein flächendeckendes Angebot an Tagesschulen tatsächlich eine Mehrheit finden, wer soll das bezahlen? Kühni will dafür die Eltern und die Gemeinde sowie neu auch den Kanton in die Pflicht nehmen: «Ich bin überzeugt, dass es unter dem Strich nicht namhaft teurer wird, zahlen doch Eltern, die ihr Berufspensum aufstocken können, mehr Steuern.»

Müsste man nicht auch die Wirtschaft finanziell in die Pflicht nehmen? Kühni winkt ab. Er will sie nicht dazu verpflichten, würde bei so einer Vorgabe auch nicht mitmachen, verweist aber auf Firmen, die heute schon an die Kinderbetreuungskosten der Eltern beisteuern oder Kitas bereitstellen: «Das tun sie im eigenen Interesse, um als Arbeitgeber attraktiv zu sein.»

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