Am Montagmittag hat die Nachrichtenagentur SDA eine Meldung über die Zunahme von Infektionen mit Zecken-Enzephalitis (FSME) verschickt. Darin war die Rede von einer jungen Frau, die Anfang Juli in Brittnau an den Folgen eines Zeckenstichs gestorben sein soll. Mehrere Medien, darunter die AZ, nahmen die Meldung auf. Später stellte sich heraus, dass sie nicht stimmte. Am Abend korrigierte die SDA die ursprüngliche Meldung. Der Satz über den Todesfall in Brittnau erscheine «fälschlicherweise in der aktuellen Meldung», heisst es in der Begründung. Der Todesfall stamme nicht aus diesem Jahr.

Tatsächlich liegt der Todesfall mehr als zehn Jahre zurück, wie ein Blick in die Schweizer Mediendatenbank zeigt. 2006 ist in Brittnau eine 15-jährige Schülerin nach einem Zeckenbiss an einer Hirnhaut- und Gehirnentzündung gestorben. Mehrere Zeitungen berichteten damals über den Tod der jungen Frau.

Doch wie kommt ein Todesfall, der zwölf Jahre zurückliegt, in eine aktuelle Meldung der Nachrichtenagentur? Eine SDA-Redaktorin sagt auf Anfrage, es handle sich um einen «Redigierfehler». Die Autorin habe einen Teil der Meldung aus einer älteren Meldung kopiert. Dabei sei der Satz über den Todesfall dringeblieben.

Rekordwert für den Aargau

Das Bundesamt für Gesundheit (BAG) gebe aus Persönlichkeitsschutzgründen «grundsätzlich keine Auskunft zu Einzelfällen», sagt Daniel Koch, Leiter der Abteilung übertragbare Krankheiten des BAG. Das Bundesamt publiziert aber wöchentlich die Anzahl gemeldeter Fälle von Zecken-Enzephalitis, kurz FSME. Seit Jahresbeginn wurden in der Schweiz 167 Fälle gemeldet. Das sei im mehrjährigen Vergleich «sehr hoch», schreibt das BAG im Lagebericht. 2017 wurden im gleichen Zeitraum 79 Fälle gemeldet, 2016 waren es 76 Fälle.

Der Aargau gehört laut Koch mit bisher 27 FSME-Fällen zu den Spitzenreitern. Einzig der Kanton Zürich habe mehr Infektionen gemeldet. «Aber der Kanton Zürich hat auch viel mehr Einwohner», so Koch. Für den Aargau seien 27 Fälle in einem halben Jahr «wirklich viele Fälle». So viele wie noch nie. 2017 wurden im gleichen Zeitraum 13 Fälle gemeldet, 2016 waren es 11 Fälle. In den Jahren vorher sogar weniger als 10 Fälle.

Die aufgeführten Orte umschreiben nur grob die auf der Karte dargestellten Hochrisikogebiete. Aargau: Rheinfelden/Möhlin/Wallbach, Bezirk Laufenburg,     Koblenz/Döttingen/Zurzach, Birr/Brugg/Würenlingen, Baden/Wettingen, Rothrist/Zofingen/Brittnau, Gontenschwil/Schöftland/Muhen/Gränichen

Vorkommen von Zecken, welche die FSME (Frühsommer-Meningoencephalitis) übertragen können.

Die aufgeführten Orte umschreiben nur grob die auf der Karte dargestellten Hochrisikogebiete. Aargau: Rheinfelden/Möhlin/Wallbach, Bezirk Laufenburg,     Koblenz/Döttingen/Zurzach, Birr/Brugg/Würenlingen, Baden/Wettingen, Rothrist/Zofingen/Brittnau, Gontenschwil/Schöftland/Muhen/Gränichen

Zecken-Enzephalitis gehört in der Schweiz seit 1988 zu den meldepflichtigen Infektionskrankheiten. FSME wird durch Viren ausgelöst. Die Krankheit verläuft in zwei Phasen. Zunächst erinnern die Symptome an eine Grippe. In der zweiten Phase kann es zu einer Hirnhautentzündung kommen. Diese löst neurologische Beschwerden wie Kopfschmerzen, Schwindel, Konzentrations- und Gehstörungen aus. In etwa einem Prozent der Fälle führt die Krankheit zum Tod.

Ende Juni ist ein 73-jähriger Jäger aus Gränichen nach einem Zeckenbiss gestorben. Er sei wohl in der Natur unterwegs gewesen, als das «kleine Viech zugebissen hat», erzählte sein Sohn einem «Blick»-Reporter. Sein Vater habe über Müdigkeit und später über Schmerzen geklagt. Mit der Ambulanz ging es ins Spital, wo sich sein Zustand verschlechterte. «Er hatte Lähmungserscheinungen und war später kaum mehr ansprechbar», sagte sein Sohn. Acht Tage nach der Einlieferung ins Spital sei er gestorben.

Der Fall zeigt: Zecken-Enzephalitis ist keine harmlose Krankheit. Das sagt auch Daniel Koch vom BAG. «Aber es scheint, als würden viele Leute die Gefahr nicht wahrnehmen.» Doch gerade Aargauerinnen und Aargauer müssten sich der Gefahr eigentlich bewusst sein, sagt Koch. Seit Jahren gehört der Kanton zu den Risiko-Gebieten, in denen das BAG eine Impfung empfiehlt. Denn behandeln lässt sich FSME nicht. Antibiotika wirken nicht. Für Koch ist deshalb klar, dass Kanton und BAG über die Bücher müssen: «Wir müssen die Kommunikation überdenken und überprüfen, wie wir eine höhere Impfrate erreichen.» Die Impfrate der 16-Jährigen hat in der Schweiz zwar von 8 Prozent im Jahr 2007 auf 42 Prozent im Jahr 2014 zugenommen. Sie dürfte aber vor allem bei älteren Menschen noch deutlich tiefer liegen. Das berichtete die «NZZ am Sonntag» und berief sich dabei auf eine Erhebung der Universität Zürich.

Ideales Zeckenwetter

Ein Grund für die Zunahme der Fälle ist das aktuelle Wetter. Zecken mögen es feuchtwarm. Dazu kommt, dass das Sommerwetter auch mehr Menschen in die Natur zieht – und dort warten die kleinen Blutsauger in Wiesen und Gebüschen auf ihre Beute. Und zwar noch mindestens bis die Saison im November endet. Es lohnt sich also, sich vor Zeckenbissen zu schützen. Lange Hosen, geschlossene Schuhe und Anti-Zecken-Spray können helfen. Doch auch sie halten die kleinen Viecher nicht immer fern. Deshalb sollte der Körper nach einem Ausflug in die Natur gründlich auf Zecken abgesucht werden.

Die Blutsauger übertragen nämlich nicht nur FSME, sondern auch Lyme-Borreliose, eine bakterielle Infektionskrankheit. Auch diese Fälle haben im Vergleich zum Vorjahr zugenommen. Bis Ende Juni wurden in der Schweiz hochgerechnet 6900 akute Fälle gemeldet. Borreliose lässt sich, anders als FSME, mit Antibiotika behandeln, dafür gibt es keine Impfung.