Volksschullehrer

Falscher Eindruck: viele Aargauer Volksschullehrer sind eigentlich zufrieden

Der Arbeitsort Schulzimmer ist nicht einfach ein Hort von Frust und Überlastung.Hansjoerg Sahli

Der Arbeitsort Schulzimmer ist nicht einfach ein Hort von Frust und Überlastung.Hansjoerg Sahli

Der Eindruck, in der Aargauer Volksschule arbeiteten vor allem unzufriedene und überlastete Lehrerinnen und Lehrer, ist offenbar falsch. Erhebungen aus dem Bildungsdepartement sprechen eine andere Sprache.

Oft war es zu hören und zu lesen, auch in dieser Zeitung: Viele Lehrerinnen und Lehrer im Aargau sind mit ihrer Arbeit und mit ihrem «Chef», der Schulleitung, nicht zufrieden. Sie leiden, sind überlastet, werden krank oder steigen aus und sind für den Schuldienst verloren.

Nun gibt die Abteilung Volksschule des Bildungsdepartementes (BKS) Einblick in Zahlen, die ein etwas anderes Bild zeichnen.

Jede Schule im Aargau muss sich im Fünf-Jahres-Turnus einer externen Evaluation unterziehen, durchgeführt von der Pädagogischen Hochschule Nordwestschweiz. Dabei füllen alle Lehrpersonen einen Fragebogen aus. Darin geht es – unter anderem – um ihre persönliche Zufriedenheit und um die Zufriedenheit mit der Schulleitung.

Zwischen Februar 2010 und Februar 2013 wurden die Antworten von insgesamt 5843 Lehrpersonen der Volksschule ausgewertet. Die durchschnittliche Rücklaufquote lag bei hohen 70 bis 80 Prozent. Die Auswertung erfolgte anonymisiert; die Gefahr des «Schönens», um gut dazustehen, kann also vernachlässigt werden.

Keine Unterschiede zwischen Schulen

«Ich arbeite gern an dieser Schule», «Alles in allem bin ich mit dem Arbeitsklima zufrieden», «Diese Schule kann ich als Arbeitsort weiterempfehlen»: Mit diesen drei Aussagen wurde der Bereich «persönliche Zufriedenheit» erkundet. 57,9% der Befragten beantworteten sie mit «trifft genau zu», 32,7% mit «trifft eher zu».

Insgesamt beurteilten also 90,6% ihr Schulumfeld positiv. 9,4% setzten ihre Kreuzchen im negativen Bereich, darunter 0,5% beim negativsten: «trifft gar nicht zu». Zwischen grossen und kleinen Schulen war praktisch kein Unterschied festzustellen.

Das Thema «Zufriedenheit mit dem Führungsverhalten der Schulleitung» wurde mit insgesamt 13 Aussagen erkundet. Zum Beispiel: «Ich bekomme von meiner Schulleitung die Anerkennung und Wertschätzung, die ich mir wünsche.»

Oder: «Ich kann darauf vertrauen, dass die Schulleitung mich beim Lösen schwieriger Aufgaben und Probleme unterstützt.» Oder: «Die Schulleitung beurteilt meine Arbeit gerecht.» 54,4% der Befragten quittierten die Aussagen mit «trifft genau zu», 31% mit «trifft eher zu».

Insgesamt beurteilten also 85,4% das Führungsverhalten ihrer Schulleitung positiv. 14,6% setzten ihre Kreuzchen im negativen Bereich, darunter 0,7% im negativsten: «trifft gar nicht zu».

Negative Stimmen nicht kleinreden

Auf der einen Seite die häufigen Klagen, hier nun die grosse Zufriedenheit: Wie passt das zusammen? Die Frage geht an Mirjam Obrist. Sie war in der Einführungsphase der Schulleitungen Projektleiterin «Geleitete Schulen» im BKS.

Heute ist sie Leiterin der Sektion «Schulentwicklung». Sie will die negativen Stimmen nicht kleinreden: «Wie in jeder Firma gibt es auch in der Volksschule ungute Situationen, Teams, die nicht harmonieren, Überlastungszustände. Wir nehmen alle negativen Rückmeldungen ernst und wollen zu den Lehrerinnen und Lehrern Sorge tragen, wir brauchen sie!»

Punkto Qualität der Schulleitungen sagt sie: «In der Einführungsphase mussten innert kurzer Zeit viele Schulleitungspersonen rekrutiert werden. Naturgemäss waren nicht alle optimal geeignet und vorbereitet. Bei einzelnen sind Defizite und Entwicklungsbedarf erkannt worden.»

Relationen wahren

Doch Mirjam Obrist bittet darum, die Relationen zu wahren. Es sei halt einfach so, dass über die negativen Beispiele, über Zwistigkeiten und Burnout-Fälle, mehr an die Öffentlichkeit gelange als über jene Schulen, die einwandfrei funktionierten.

Sie ortet eine klar positive Entwicklung: «Die Schulleitungen sind ja noch eine junge Institution, zuvor wurden Schulen ganz anders oder gar nicht geführt, Führende und Geführte mussten sich zuerst aneinander gewöhnen.»

Nicht zufällig kämen negative Rückmeldungen vor allem von älteren Lehrpersonen: «Für sie ist die Umstellung viel schwieriger. Jüngere kennen unter Umständen gar nichts anderes.»

In einem Punkt steht auch Mirjam Obrist vor einem «Dilemma», wie sie es nennt: «Als Ausweg aus schwierigen Situationen, bei einzelnen oder im Team, empfehlen wir: Aussprachen, Beratungen, verstärkte Zusammenarbeit, Supervisionen etc. Doch genau diese angebotenen Hilfestellungen werden offenbar von vielen als Belastung statt als Entlastung empfunden. Das wirft Fragen bei uns auf.»

Verwandte Themen:

Meistgesehen

Artboard 1