Todesdrama Fislisbach
Fall Fislisbach: Notrufzentrale 144 fordert mehr Personal

«Es braucht mehr Personen tagsüber», sagt Andreas R. Huber, Chefarzt des Kantonsspitals Aarau (KSA). Im Aargau ist nun eine gemeinsame Notrufzentrale von Sanität, Polizei und Feuerwehr geplant.

Christine Fürst
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Die Ambulanz des Kantonsspitals Baden kam aus Aarau: 23 statt 3 Minuten nach Fislisbach. (Archiv)

Die Ambulanz des Kantonsspitals Baden kam aus Aarau: 23 statt 3 Minuten nach Fislisbach. (Archiv)

Schwager

Die Einsatzleitstelle am Kantonsspital Aarau, wo die Sanitätsnotrufe an die Nummer 144 eingehen, hat gestern ausführlich Stellung genommen zum Unfall in Fislisbach. Mitte Dezember erlitt dort eine 71-jährige Frau beim Kreisel einen Herzstillstand und starb. Der Notruf wurde sofort gewählt, die Ambulanz traf aber erst 23 Minuten später ein (die az berichtete).

Die Notrufzentrale erklärt nicht nur ausführlich, wie es zur bereits letzte Woche eingestandenen Fehlinterpretation der Standortmeldung der betroffenen Ambulanz gekommen ist. Sie nimmt die leidige Angelegenheit auch zum Anlass, mehr Personal zu fordern.

Denn als Grund für die Fehleinschätzung gibt die Einsatzleitstelle auch die «überdurchschnittlich hohe Arbeitsbelastung» an. An besagtem Tag waren es 74 Notrufe, die bearbeitet werden mussten. Deshalb fordert die Einsatzleitstelle nun mehr personelle Mittel sowohl bei den Rettungsteams als auch beim Personal in der Zentrale in Aarau.

Seit dem 1. Januar dieses Jahres sind hier unter der Woche tagsüber jeweils zwei Personen beschäftigt, in der Nacht eine. «Das ist so nicht mehr machbar. Es braucht mehr Personen tagsüber», sagt Andreas R. Huber, Chefarzt und Mitglied der Geschäftsleitung des Kantonsspitals Aarau (KSA).

Er vergleicht die Zahlen aus dem Aargau mit anderen Kantonen und sagt: «Wir sind deutlich die Fleissigsten.» So seien im letzten Jahr rund 32 000 Einsätze im Kanton Aargau disponiert worden, im Kanton Solothurn sind es im Schnitt 17 500 Einsätze pro Jahr.

Zwei Personen bedienen dort laut Medienstelle der Solothurner Spitäler AG den Desk unter der Woche tagsüber, eine in der Nacht. Mit gleich viel Personal disponiert der Aargau also beinahe doppelt so viele Rettungseinsätze.

Im Aargau ist eine gemeinsame Notrufzentrale von Sanität, Polizei und Feuerwehr geplant. Der Bau soll 2017 fertiggestellt sein. Laut Huber ist noch nicht klar, ob dabei Personal abgebaut oder aufgestockt wird.

Auch was die Schuldfrage der verspäteten Ambulanz betrifft, macht die Einsatzleitstelle neue Angaben. Sie bleibt zwar dabei, selber eine Fehleinschätzung gemacht zu haben. Aber sie erklärt jetzt, was genau dazu geführt habe. Im November 2013 sei bei der Software des Einsatzsystems ein Update vorgenommen worden. Dieses veränderte die visuelle Darstellung der Statusmeldungen der Ambulanzen auf den Computern in der ELS.

Als der Rettungswagen des Kantonsspitals Baden (KSB) in Aarau mit Status 5 den Auftrag zum Einsatz in Fislisbach bekommen hatte, hatte das System laut ELS den Status 5 automatisch in den Status 6 gewechselt. Der Status 6 besagt, dass der Rettungswagen in seiner Heimbasis, in diesem Fall in Baden ist.

Status 5 besagt, dass ein Einsatz beendet ist und der Wagen auf dem Rückweg ist. «In der Zentrale hat man nicht gemerkt, dass der Fahrer in Aarau und nicht in Baden gestartet ist», sagt Huber. Man sei mit der neuen Softwareprogrammierung noch nicht vertraut gewesen.

Einige Tage nach diesem Unfall ging man bei der ELS und beim Kantonsspital Baden noch von einem Versehen aus. Es hiess, der Rettungssanitäter habe aus Versehen einen falschen Knopf gedrückt.

Die ELS habe Lehren aus dem Vorfall in Fislisbach gezogen, teilt sie mit. Die Statusmeldungen können farblich besser voneinander unterschieden werden. Der Fehler im System soll angepasst werden, sodass das automatische Anpassen eines Status nicht mehr möglich ist, zudem gibt es Schulungen.

In der Zentrale wurde nun auch ein Bildschirm installiert, wo mittels der GPS-Daten sofort zu sehen ist, wo sich welche Rettungswagen befinden. Wichtig sei es nun, dass die Diskussion um mehr Personal auch in der Politik aufgenommen werde. «So traurig dieser Fall in Fislisbach ist, hilft er vielleicht zu zeigen, dass unsere Forderungen nach mehr Personal substanziell sind», sagt Andreas R. Huber.