Landesausstellung
Expo 2027: Eine Modellsiedlung erstellen oder einen Berg bauen?

Eine Interessengruppe schlägt einen visionären Zukunfts-Lebensraum vor. Die Expo soll zeigen, wie idealtypisch Siedlungsprobleme gelöst werden sollen.

Mathias Küng
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Eine Modellsiedlung in der Kantonsmitte zwischen Lenzburg und Aarau ist die Vision der Expo-Initianten um Heinz Oftinger.

Eine Modellsiedlung in der Kantonsmitte zwischen Lenzburg und Aarau ist die Vision der Expo-Initianten um Heinz Oftinger.

Mario Heller

Noch vor zwei Monaten hätte niemand auch nur fünf Rappen auf eine Expo 2027 im Aargau gewettet. Alles schien klar: Die Expo findet in der Ostschweiz statt. Doch die Bevölkerung von St. Gallen und Thurgau hat den Expo-Promotoren am 5. Juni an der Urne einen dicken Strich durch die Rechnung gemacht.

Haben jetzt die schon 2014 via az schweizweit bekannt gewordenen Pläne von Gewerbeverbandspräsident Kurt Schmid für eine Expo im Aargau doch noch eine Chance? Schmids Kerngruppe ist auf jeden Fall wieder an der Arbeit.

Und schon kommt eine neue Gruppierung mit einer Expo-Idee. Ein konkreter Vorschlag stammt vom Verein Attraktiver Standort Bözberg West. Laut Präsident Heinz Oftinger wollen die Initianten nicht einfach eine Expo mit Anlagen (die wieder abgebrochen werden müssen) um einen wunderschönen See inszenieren – obwohl der Aargau einen solchen hat.

Sie schlagen eine Expo vor, mit der sie zeigen wollen, wie angesichts einer immer höheren Bevölkerungsdichte die Siedlungsprobleme idealtypisch gelöst werden könnten. Zum Beispiel auf einem visionären, räumlich und energetisch optimierten Lebensraum von mindestens 300 bis 600 Hektaren.

Zwischen Lenzburg und Aarau?

Am besten, so Oftinger, «wäre ein flaches Gelände im Zentrum des Kantons, unter Einbezug der grossen Forstflächen, erschlossen von Verkehrsachsen und -mitteln sowie weiteren Siedlungen». Zwischen Lenzburg, Wildegg und Aarau-Rohr wäre dies nach Einschätzung des Vereins machbar. So könnte eine durchdachte Agglomeration erstellt werden, als Lebensraum mit Wohnen und Arbeiten, «der heutigen und zukünftigen Ansprüchen gerecht wird, der Impulse für neue Gesamtentwicklungskonzepte bringen kann», so Oftinger zur az.

Das Wachstum um jeden Preis sei eine der Ursachen heutiger Verstrickungen und Sachzwänge. In der Mitte des Kantons hingegen liefere die Expo-Idee die Kraft, die
unzähligen bestehenden Einschränkungen aufzubrechen und eine zukunftsträchtige Siedlungslandschaft zu gestalten: «Dazu braucht es pragmatisch planerischen Mut und den Einbezug grosser Flächen.»

Oder einen kleinen Berg bauen?

Eine andere Möglichkeit sähen die Initianten darin, mit dem vielen Aushubmaterial aus Tunnel- und Nationalstrassenbau etc. nicht mehr Täler zuzuschütten, sondern damit einen kleinen Berg zu bauen, den man dann nachhaltig nutzen kann.

Oftinger ist überzeugt, dass die Ostschweiz ihrer dortigen Expo eine Absage erteilt hat, «weil ein erkennbarer Nutzen nicht sichtbar war». Damit wäre kein einziges aktuelles oder künftiges Problem einer Lösung zugeführt worden, gibt er zu bedenken. Aus diesen Erfahrungen könne man lernen. Wenn der Aargau einen grossen, zukunftsgerichteten Wurf realisieren würde, stünde er gar weit über die Landesgrenzen hinaus als innovativer Kanton im Schaufenster, hofft Oftinger.

Bei Landesausstellungen gehe es eben um mehr, als sich zu feiern und möglichst viele Besucher zu gewinnen. Der Nutzen ihrer Idee bestehe darin, eine gemeinsame Problemlösung als grosses Ziel anzugehen. Oftinger: «Dies wäre eine echte ‹Teamentwicklung Schweiz›, eine einmalige Möglichkeit, Geschichte zu schreiben.»

Wer soll das bezahlen?

Doch wer soll das Ganze bezahlen? Für Heinz Oftinger ist das nicht das Hauptproblem: «Geld ist da. Zudem hatte der Bund der Ostschweiz ja über eine Milliarde Franken in Aussicht gestellt. Zu finanzieren wäre die Expo aus Mitteln von Bundes- und Kantonshaushalt, Sponsoren und Eintritten.» Aber ist die Idee einer Landesausstellung nicht passé?

Das sieht Oftinger gar nicht so. Es sei ein bekanntes Grundverhalten des Menschen, auf Neues und Unbekanntes zuerst mit Abwehr zu reagieren, sagt er. Man müsse eine gute Idee halt transparent und offen kommunizieren – und dafür kämpfen.

Doch wie kämpfen die Ideengeber für ihre Vision? Als Erstes mit einem Vorstoss im Grossen Rat? Man sei in Kontakt mit der Regierung, Grossräte aus der Region würden in diesen Tagen kontaktiert, antwortet Oftinger. In Kontakt sei man auch mit Kurt Schmid. Aber ist die Idee des Vereins Attraktiver Standort Bözberg West keine Konkurrenz zu jener des Gewerbeverbands? Würde man nicht besser die Kräfte bündeln?

Oftinger sieht keine Konflikte: «Natürlich kann und soll man eine Expo gemeinsam organisieren, wenn möglich gar kantonsübergreifend. Doch jetzt sind wir in der Ideengenerierungsphase. Und mal ehrlich: Würde über unsere Idee überhaupt berichtet, wenn wir damit nicht an die Öffentlichkeit gegangen wären?»Kommentar Meinungsseite