Wie man sich bettet, so liegt man. Die Redensart trifft auf den Sondermüll nicht zu. Wie der Inhalt eines Chemiereaktors setzt er sich um, bringt neue Verbindungen hervor, besonders wenn Wasser dazu-kommt. Es entsteht ein undefinierbares Chemikaliengemenge in allen Aggregatszuständen (gasförmig, flüssig, fest). Die Einlagerung von Sondermüll begann in Kölliken am 16. Mai 1978 mit Blechfässern, die Destillationsrückstände aus der ehemaligen Sprengstofffabrik Dottikon enthielten.

Der letzte Dreck der Industrie

Das Einzige, was einwandfrei klappte, war die schnelle Auffüllung der Grube im «Teuftal» mit Giftabfall - die Eile wurde geradezu zur «Pflicht» erklärt. «Sondermüll wird freudig empfangen», stellte das «Aargauer Tagblatt» (AT) vom 7. Februar 1979 fest. Sogar Gifte aus Deutschland wurden gern entgegengenommen; die Firma Walter Reinger aus Horheim (Wutöschingen) lieferte unter der Sammeldeklaration «DL 122» tonnenweise Gifte nach Kölliken. Es musste nicht deklariert werden, aus welchen Komponenten der letzte Dreck der Industriegesellschaft bestand. 1979 steuerte die Stadt Zürich mehrere Tonnen Gasreinigermasse bei, die noch aus der 1964 beendeten Kohlevergasung stammten und u. a. toxische Cyanide und Rhodanide enthielten. Bei der Einlagerung stob es. Der Zulieferverkehr war gross, und Staubwolken gehörten dazu.

Die toleranten Kölliker Anwohner klagten über Kopfschmerzen, Übelkeit, Erbrechen, Schwindel und Schlaflosigkeit. In einem Wohnhaus stank es aus dem Waschküchenablauf bestialisch. In der Grube wurde mit einer provisorischen Abfackelungsanlage versucht, den Gestank zu vermindern. Kantonsarzt Max Buser wimmelte ab, verwies die Symptome ins Psychosomatische. Seine Nachfolgerin Johanna Haber kümmerte sich nicht um die leidenden Kölliker.

Feuer und giftige Abwässer

Die damals in Kölliken ansässige Hertha Schütz-Vogel gab dem Unbehagen eine kompetente Stimme, das AT ebenfalls. Am 19. Oktober 1982 brach im Deponiekörper Feuer aus. Die Pannen lösten sich ab: Die Kläranlage, nur auf Haushaltabwässer ausgerichtet, versagte. Gift geriet in den Köllikerbach über dem Grundwasser; die leicht löslichen Ammoniumsalze liefen unbehelligt durch, um ein Beispiel zu nennen. Der giftige Klärschlamm wurde auf die Felder verteilt. Ein unbewilligtes Becken zur Aufnahme von angelieferten Ölschlämmen musste wieder entfernt werden.

Die Deponiebrühe wurde in einem Auffangtank gesammelt. Täglich wurden ab Frühjahr 1985 etwa 50 000 Liter Deponiesaft zur Ciba-Geigy-Kläranlage Kaisten verfrachtet. Die Lehmschicht erwies sich als durchlässiger als angenommen, und die Deponie wurde mit Plastik abgedeckt. Am 3. Oktober 1985 wurde die Deponie stellenweise geöffnet, um nachzuschauen, ob auch Dioxine aus Seveso eingelagert waren. Resultate wurden nicht publik.

Hinter Amtsgeheimnis verschanzt

Die Abteilung Gewässer des Baudepartements gab keine Auskunft mehr. Im Interesse einer umfassenden Berichterstattung im AT verlangte ich vom Kantonslabor die Untersuchungsberichte über den Zustand des Trinkwassers in den unterhalb liegenden Suhrentaler Gemeinden. Die Berichte wurden nicht herausgegeben - Amtsgeheimnis. Verschiedene, auch von privater Seite veranlasste Untersuchungen des Deponiesafts wiesen auf Phenole hin, die in höherer Konzentration u. a. als Nervengifte wirken.

Industriell werden die Phenole zu Kunstharzen, Lacken, Schaumstoffen, Farbstoffen, Arzneimitteln, Weichmachern u. a. verarbeitet. Im AT vom 17. April 1985 fasste ich den Wissensstand zusammen («Sondermülldeponiesaft: Jetzt noch die Phenole»). Eine gravierende Grundwasserverseuchung war nicht mehr auszuschliessen.

Deponiestopp im Frühjahr 1985

Einen Tag nach dem Erscheinen jenes Berichts ordnete der Gemeinderat Kölliken, der jetzt genug hatte und mehrmals übergangen wurde, einen «vorübergehenden Deponiestopp» auf den 25. April 1985 an, um Verbesserungen zu erzwingen. Der Stopp sollte andauern, «bis die Schwierigkeiten mit dem Abwasser, der Lufthygiene und der Staubentwicklung zuverlässig beseitigt sind und die Verantwortlichen die Situation wieder im Griff haben». Die Deponie konnte nicht mehr weiterbetrieben werden. Mit einer Pflästerli- und Vertuschungspolitik war der Sache nicht mehr beizukommen. Radikallösungen - Schliessung und Rückbau - waren das einzig Mögliche.

*Walter Hess, Biberstein, war Redaktor beim Aargauer Tagblatt, später bei der Zeitschrift Natürlich. Quellen: Eigene Recherchen, Berichte aus dem AT. «Weltwoche» vom 23. Mai 1985: «Das Gift, aus dem die Kölliker Albträume sind».