Gemeinderat-Rücktritte
Experte warnt vor Burnout-Gefahr: Bleibt man im Versteckten, droht ein Teufelskreis

Ein Experte erklärt, wer besonders Burnout-gefährdet ist –und warum der Begriff oft zu leichtfertig verwendet wird.

Mario Fuchs
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Chris Iseli

Der Ammann von Schinznach-Bad hat sein Amt per sofort niedergelegt, weil er seine «Batterien über Gebühr strapaziert» hatte. Die az hat bei PDAG-Chefarzt und Burnout-Forscher Wolfram Kawohl nachgefragt. Lesen Sie ausserdem, was Regierungsrat Urs Hofmann zur Gemeinderat-Rücktrittsflut sagt.

Wie merke ich, ob ich ein Burnout habe?

Wolfram Kawohl: Es gibt Warnsignale. Man hat das Gefühl, nichts zu leisten, obwohl man viel arbeitet. Man entwickelt eine zynische Einstellung gegenüber den Menschen, mit denen man beruflich am meisten zu tun hat. Und es kommt zu einer emotionalen Erschöpfung. Trifft alles zu, handelt es sich um ein Burn-out-Syndrom.

Wie wirkt sich das im Alltag aus und drohen Komplikationen?

Burnout ist ein Risikozustand für eine Depression. Man grübelt viel, wacht mitten in der Nacht auf. Der Appetit ändert sich, in der Regel weniger, teilweise auch mehr. Viele Betroffene verlieren auch die Lust auf Sex.

Ist jeder Mensch gleich gefährdet?

Nein, es gibt Risikofaktoren. Besonders gefährdet sind Menschen, die viel mit anspruchsvoller Klientel zu tun haben. Weitere Faktoren sind Schicht- und Nachtarbeit und mangelnde Autonomie. Grundsätzlich gilt: Menschen, die sehr mitfühlend und sozialkompetent sind, laufen eher Gefahr.

Sind also Milizpolitiker sehr gefährdet?

Das ist sicher eine sehr anspruchsvolle Tätigkeit. Sie haben viel Kontakt und sind ausgeprägten Ansprüchen ausgesetzt. Sowohl von aussen als auch an sich selber. Was grundsätzlich nichts Schlechtes ist, aber auch ein Risikofaktor sein kann.

Ein Politiker hat vielleicht auch eher Mühe, sich ein Burnout einzugestehen?

Das kann ich nicht abschliessend beurteilen. Die Hemmschwelle, sich Hilfe zu holen, dürfte aber in einem öffentlichen Amt besonders hoch sein. Man hat vielleicht Angst, dass es sich herumspricht, sich auf das Amt oder die Wiederwahl auswirken könnte. Bleibt man damit im Versteckten, kann man in einen Teufelskreis geraten.

Was wäre die richtige Reaktion?

Man sollte sich an eine Fachperson wenden. Am besten zuerst an den Hausarzt. Wenn er zum Schluss kommt, dass es fachärztliche Hilfe braucht, wird man weiterverwiesen. Gerade Menschen, die im öffentlichen Fokus stehen, bieten wir in den Psychiatrischen Diensten Aargau auch Hand zu diskreten individuellen Lösungen.

Wie wichtig ist rechtzeitige Hilfe?

Absolut wichtig. Die Meisten warten zu lange. Und: Wenn sie Hilfe erhalten, ist diese oft zu einseitig. Nur auf die Person beschränkt und nicht auf das Gesamte. In der Regel leidet ja nicht nur die Person, sondern auch der Arbeitgeber, dem jemand ausfällt, sowie die Angehörigen.

Wird die Diagnose zu häufig gestellt?

Burnout ist keine Diagnose. Es ist ein Syndrom, eine Zusammensetzung mehrerer Symptome. Ich habe grundsätzlich nichts gegen den Begriff, bin aber der Ansicht, dass er oft zu leichtfertig verwendet wird.

Wie meinen Sie das?

Er wird von manchen Anbietern im Gesundheitswesen benutzt, um eine gewisse Klientel, etwa Manager, anzulocken. Zudem schwingt bei einem Burnout mit, dass man für eine Sache gebrannt hat. Das mag positiv klingen. Aus therapeutischer Sicht ist diese Auffassung aber ein Problem, weil sie etwas sehr Externalisierendes hat.

Das heisst?

Es würde bedeuten, die Person mit einem Burnout habe selber überhaupt keinen Anteil daran und müsste deshalb auch nicht viel an ihrer Situation ändern. Das stimmt aber selten. Deshalb muss der Blick immer geöffnet und das Gespräch zu dritt, mit dem Arbeitgeber, gesucht werden.