Was bedeutet Urbanisierung?

Daniel Kübler: Die Ausbreitung städtischer Siedlungs- und Lebensformen. Dies drückt sich oft im Wachstum von Städten aus. Aber auch eine mit städtischen Standards vergleichbare infrastrukturelle Erschliessung ländlicher Regionen gilt als Urbanisierung. Seit dem 2. Weltkrieg hat sich dieser Prozess beschleunigt und ist heute in fast allen Regionen der Welt zu beobachten. Vor allem in westlichen Industriestaaten sind die politischen Grenzen zwischen Kernstadt und einzelnen Agglomerationsgemeinden immer häufiger nicht mehr klar erkennbar.

Sie haben das Bevölkerungswachstum als Treiber der Verstädterung angesprochen. Die Einwohnerzahl im Kanton Aargau ist in den vergangenen 40 Jahren im Vergleich zur Schweiz überproportional angestiegen. Ist der Aargau ein Paradebeispiel für die Entwicklung?

Ja, definitiv. Der Aargau ist heute viel städtischer als noch vor 50 Jahren. Das hat mehrere Faktoren: In ländlichen Bezirken wie Bremgarten oder Muri gab und gibt es noch immer viel mehr freien Bauplatz. Wenn man heute durch den Bezirk Bremgarten fährt und die Region noch aus dem letzten Jahrhundert kennt, realisiert man, wie schnell die Urbanisierung im Aargau voranschreitet. Auch ein gutes Beispiel sind die Städte Brugg und Baden, die zu einer grossen Zentrumsregion verschmolzen sind.

Baden-Brugg als Agglomeration der Grossstadt Zürich?

Nein, eben nicht. Die Stadt Baden war schon immer ein eigenständiges Zentrum. Ein Indiz dafür ist ihre eigene Industrie. Aber natürlich hatte auch die Entwicklung der Wirtschaft in der Grossregion Zürich einen Einfluss auf das Wachstum in Baden und Brugg.

Was sind die Folgen für die Bürgerinnen und Bürger?

Ich unterscheide in drei Zonen (Anmerkung der Redaktion: siehe Box oben). Soziale Probleme verlagern sich immer öfter in die dritte Zone, wo die Arbeitslosigkeit höher und die Migration niederqualifizierter ist als in den Städten. Man sieht die Schere an der Urne.

Also hat es auch politische Folgen.

Genau. Vor allem bei umstrittenen Abstimmungen kann man im Aargau frappante Unterschiede feststellen. In den Städten Aarau und Baden werden nationale, progressive Vorlagen häufig angenommen, währenddessen sie in Agglomerationsgemeinden abgelehnt werden. Ein Beispiel aus der jüngeren Vergangenheit ist die eidgenössische Vorlage «Energiestrategie 2050», über die wir im Frühling abgestimmt haben. Der Kanton Aargau sagte als einer von nur vier Kantonen «Nein». In den urbanen Bezirken Baden, Aarau und Rheinfelden stimmte das Volk jedoch zu.

Ist die Entwicklung positiv für den Aargau und die Schweiz?

Grundsätzlich: Ja! Die Urbanisierung ist ein wichtiger Teil der wirtschaftlichen Entwicklung der Schweiz. Städtische Gebiete sind der Wachstumsmotor unseres Landes. Allerdings gibt es auch negative Folgen wie den zunehmenden Verkehr und die fortschreitende Zersiedlung der Landschaft. Es muss vermehrt verdichtet gebaut und unsere Städte müssen kompakter werden.

Schreitet die Verstädterung auch in Zukunft voran?

Ja, davon ist auszugehen. Die Bevölkerungszahl in der Schweiz wird anwachsen und die politischen Grenzen zwischen Gemeinden werden weiter verschmelzen. Davon ausgenommen sind übrigens auch nicht die Kantonsgrenzen. Deshalb sind die Behörden der Gemeinden und Kantone gefordert: Sie müssen neue Strukturen schaffen, mit denen die Zusammenarbeit in den Agglomerationen verbessert wird. Interessante Beispiele sind die Regionalkonferenzen im Kanton Bern oder die Agglomération de Fribourg.