Endlager am Jura-Südfuss
Experte schlägt vor: «Atommüll-Optionen mit dem Ausland prüfen»

Professor Walter Wildi referierte zum Thema «Oberflächenstandorte und Endlager». Sein Fazit: Keiner der sechs vorgeschlagenen Standorte eigne sich für ein Endlager. Experte Wildi schlägt daher vor, diesen im Ausland zu suchen.

Beat Wyttenbach
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«Ein langer Zugangsstollen ist instabil»: Walter Wildi erläutert seine Sicht der Dinge.

«Ein langer Zugangsstollen ist instabil»: Walter Wildi erläutert seine Sicht der Dinge.

Bruno Kissling

«Was läuft schief bei der Atommüll-Endlagerung?» Unter diesem Motto stand ein Referat von Professor Walter Wildi in der Cafeteria der Stiftung Arkadis in Olten. Eingeladen hatte der Verein «Niederamt ohne Endlager» (NoE). Im Niederamt befindet sich bekanntlich einer der möglichen Standorte für eine Oberflächenanlage.

Der 65-Jährige, der lange in Mättenwil bei Brittnau zu Hause war und heute in Genf lebt, gehört zu den ausgewiesenen Experten in Sachen Endlagerung radioaktiver Abfälle. Er war Präsident der Kommission für die Sicherheit der Kernanlagen in der Schweiz und trat letztes Jahr aus Protest aus dem nationalen Beirat Entsorgung aus. «Ich hoffte, dass man die Standortwahl für ein Tiefenlager sauber durchdiskutieren kann.» Dies sei seiner Ansicht nach nicht der Fall gewesen, deshalb habe er sich zurückgezogen.

«Nicht beim Endlager partizipieren»

Zu Beginn seines Referats rollte Wildi die Grundsätze der Entsorgung radioaktiver Abfälle im dreistufigen Verfahren nochmals auf und erinnerte an die zugrundeliegenden Wertmassstäbe Sicherheit, Gerechtigkeit und Akzeptanz. Er rief in Erinnerung, dass nun mit der Bestimmung der möglichen Standorte für Oberflächenanlagen die Partizipation von Bevölkerung und Verbänden abgeschlossen sei. Hier erwähnte er bereits einen ersten Makel, den das Verfahren aus seiner Sicht beinhalte: «Das Partizipationsverfahren gilt nur für die Oberflächenanlagen, nicht aber für die Ausgestaltung der Endlager selber.»

Wie soll der Zugang von der Oberflächenanlage her ausgestaltet werden? Laut Wildi gibt es zwei Möglichkeiten: Einen Schacht oder einen Stollen bauen. Letzterer müsste aber rund 15 Kilometer lang sein, wäre im engen geologischen Bereich des Niederamts mit gefährlichen Spitzkehren versehen und käme auf geschätzte 500 Mio. Franken zu stehen. Zudem sei ein Schacht sehr viel druckresistenter und langlebiger als ein Stollen. Auch zum Wirtsgestein, dem Opalinuston, äusserte sich der Geologe: Er attestierte ihm zwar eine geringe Durchlässigkeit, doch seien die Schichten im Niederamt zu wenig mächtig, sie seien «baulich heikel», und zudem reagierten sie allergisch auf Wassereinbrüche.

Wildi machte auch generelle Bemerkungen zu den fünf möglichen Standorten in der Nordschweiz: Man finde zwar eine ruhige geologische Lage vor, und das Wirtsgestein liege in einer günstigen Tiefe, jedoch befänden sich die Standorte in Konkurrenzsituationen mit Kohle- und Gasvorkommen, was die Gefahr von Einbrüchen mit sich führe. Zudem könnten auch allfällige Aktivitäten im Geothermie-Bereich Erdbeben nach sich ziehen. Ebenfalls zu berücksichtigen gelte es die alpine Deformation, welche sich bis in die Nordschweiz auswirke.

Standort Jura-Südfuss: «Bedenklich»

Speziell bezogen auf das Gebiet Jura-Südfuss (Niederamt), strich Wildi nebst langen Zugangsstollen noch weitere Schwächen heraus: Unter der Aare befänden sich tektonische Störungszonen. Ferner sei mit Gesteinsdeformationen zu rechnen. Zudem befänden sich über dem Opalinuston verkarstete, extrem wasserdurchlässige Kalkschichten. Und schliesslich fand er einen möglichen Oberflächenstandort in einer Kiesgrube direkt oberhalb des Grundwassers bedenklich. Die einzige Stärke sei, dass das Gebiet ausserhalb der erwähnten Kohle- und Gasvorkommen liege.

In der anschliessenden Diskussion wurden diverse Verständnisfragen gestellt, jedoch wurden auch andere Themen gestreift wie die Umwelt-Auswirkungen des Versuchsreaktors in Lucens (der wegen einer Kernschmelze aufgegeben und versiegelt werden musste). Laut Wildi treten mittlerweile radioaktive Spuren ins Grundwasser aus. Und auch das Thema Stilllegungsfonds wurde gestreift. Dazu war zu erfahren, dass die Stilllegung der Kernreaktoren wohl um die 21 Mrd. Franken kosten werde. Hier seien allerdings erst 5 Mrd. Franken gesichert. «Den Rest wird wohl der Steuerzahler berappen müssen», vermutete der Geologe.

Doch mit Ausland verhandeln?

Die Quintessenz seines Referats war, dass sich eigentlich keiner der insgesamt sechs vorgeschlagenen Standorte für ein Endlager eigne. Wildi vertrat zudem die Ansicht, dass die ganzen Diskussionen über die nun bestimmten Oberflächenstandorte von vorne losgehen würden, wenn die Standorte der Endlager einmal bekannt seien. Persönlich hege er die Vermutung, dass der Bund diesbezüglich wohl doch auch mit dem Ausland werde verhandeln müssen. Wildi: «Wieso schliessen wir keinen Deal mit Finnland ab?», dort sei man bereits bedeutend weiter.