Gesundheit

Exklusiv: Jeder zweite Arzt im Aargau will seine Praxis abgeben

Der Hausärztemangel konnte bisher zum Teil durch ausländische Ärzte ausgeglichen werden. Jetzt sind sogar schon erste Ärztehäuser unterbesetzt. Christian Beutler/Key

Der Hausärztemangel konnte bisher zum Teil durch ausländische Ärzte ausgeglichen werden. Jetzt sind sogar schon erste Ärztehäuser unterbesetzt. Christian Beutler/Key

Eine Versorgungsumfrage des Ärzteverbandes lässt die Alarmglocke läuten: Heute herrscht in allen Bezirken Mangel an Haus- und Kinderärzten. Kommt hinzu: Jeder zweite Arzt will bis 2020 die Praxis übergeben.

Wer in einen Ort neu zuzieht und vergeblich einen Hausarzt sucht, weiss, was Ärztemangel bedeutet. Aber gibt es den wirklich? Kürzlich berichtete die «NZZ am Sonntag» prominent über «Die Mär vom Ärztemangel». Was gilt jetzt? Ist ein Arzt respektive eine Ärztin auf 650 Einwohner im Aargau viel oder wenig? Erst recht, weil vor 20 Jahren viel mehr Einwohner auf einen Arzt kamen? Tatsächlich steigt die Zahl der Ärzte, auch im Aargau. Also sind Berichte über Ärztemangel eine Mär?

Jürg Lareida, Präsident des Aargauischen Ärzteverbandes und selbst praktizierender Arzt, schüttelt den Kopf: «Nein, das ist keine Mär. Sehen Sie, vor 20 Jahren behandelte ein Hausarzt 250 bis 300 Patienten pro Woche. Heute sind es noch 100 bis 150.» Warum diese enorme Differenz? Heute gebe es immer mehr aufwendige Diagnosen über chronische Krankheiten, aufgrund der gestiegenen Lebenserwartung immer mehr Patienten mit mehreren Krankheiten, was auch die Medikamentenabstimmung aufwendig macht, begründet Lareida.

Keine 100-Stunden-Wochen mehr

Früher arbeiteten Ärzte 60 bis 100 Stunden pro Woche, heute «nur» noch 50 bis 60 Stunden. Nicht zu unterschätzen ist der Papierkrieg. Lareida: «Vor 20 Jahren umfasste ein Patientenaustrittsbericht zwei A4-Seiten, heute aufgrund von deutlich mehr Diagnosemöglichkeiten 8 bis 12 Seiten. Die Ergebnisse müssen aber auch erst genau studiert und dann geschrieben sein. Dazu kommt deutlich mehr administrativer Aufwand.»

Heute wolle der Patient mehr über die Diagnose wissen, habe mehr Fragen, weil er im Internet Informationen hole, die er aber oft nicht richtig einordnen könne. Verständlicherweise wolle er die heute viel umfassenderen Therapiemöglichkeiten aufgezeigt bekommen. Schliesslich erwarten etliche Patienten eine Zweit- und Drittmeinung. Und es praktizieren immer mehr Hausärztinnen. Gerade die Mütter unter ihnen arbeiten Teilzeit, zunehmend aber auch Männer. Andreas Bürgi, Geschäftsleitungsmitglied des Ärzteverbandes und Leitender Arzt Hausarztmedizin am Kantonsspital Baden (KSB): «Wo es Kinderkrippen gibt, haben viele von 7.30 bis 18 Uhr offen. Ärztinnen und Ärzte arbeiten aber länger.»

«Vor 20 Jahren behandelte ein Hausarzt 250 bis 300 Patienten pro Woche. Heute sind es noch 100 bis 150», sagt Jürg Lareida.

«Vor 20 Jahren behandelte ein Hausarzt 250 bis 300 Patienten pro Woche. Heute sind es noch 100 bis 150», sagt Jürg Lareida.

Durchschnitt: 81-Prozent-Pensum

Laut einer der az exklusiv vorliegenden Versorgungsumfrage des Aargauischen Ärzteverbandes unter den Verbandsmitgliedern (442 Ärzte nahmen daran teil) arbeitet nur noch rund die Hälfte 100 oder gar mehr Prozent (sechs Tage pro Woche entsprechen 120 Prozent). Etwa ein Drittel hat ein Pensum zwischen 40 und 90 Prozent. Die durchschnittliche Arzttätigkeit beträgt 81 Prozent.

Jürg Lareidas Fazit aufgrund der Versorgungsumfrage: «Im Kanton Aargau haben wir in allen Bezirken eine Unterversorgung in der allgemeinen inneren Medizin (Hausärzte), bei der Kinder- und Jugendmedizin, bei der Psychiatrie sowie der Kinder- und Jugendpsychiatrie.» Eine Unterversorgung stellte man schon bei einer Befragung 2013 fest, seither ist sie noch gestiegen.

«Stehen vor Riesenproblem»

Dies wiegt besonders schwer, weil sich sogar eine noch höhere Unterversorgung abzeichnet. Allein bis im Jahr 2020 planen nämlich 56 Prozent der Ärzte altersbedingt eine Übergabe ihrer Praxis. Dass bei weitem nicht alle eine Nachfolge finden werden, ist absehbar. Deshalb, aber natürlich auch als Konsequenz des Entstehens von Gemeinschaftspraxen, planen knapp vier von zehn befragten Ärzten bis dann die Aufgabe der Praxis.

Die 56 Prozent seien ein Worst-Case-Szenario, sagt Lareida, «aber wir stehen vor einem Riesenproblem». Er ist selbst ein Beispiel für einen Arzt, der bald in Pension gehen will, aber nicht kann: «Ich finde keine Nachfolge, auch keinen Partner. Ich will meine Patienten nicht allein lassen. Sie sollen nicht künftig selbst wegen kleiner Dinge ins Spital müssen. Deshalb mache ich weiter.»

Der Mangel konnte bisher zum Teil durch ausländische Ärzte ausgeglichen werden. Jetzt seien sogar schon erste Ärztehäuser unterbesetzt, sagt Lareida. Ist es unter diesen Umständen nicht ein Fehler, dass der Aargau ausländische Ärzte nur noch mit einer schweizerischen Medizinausbildung oder nach mindestens drei Jahren Tätigkeit in der Schweiz an einer anerkannten Weiterbildungsstätte zulässt? Lareida schüttelt wieder energisch den Kopf: «Nein, der Entscheid ist richtig. Denn in jüngster Zeit kamen zunehmend Ärzte in sehr fortgeschrittenem Alter hierher, selbst 70-jährige, die zum Teil nicht mal unsere Sprache können, unser komplexes System nicht kennen, letztlich einfach eine gute Altersvorsorge suchten. Solche Ärzte brauchen wir nicht.»

«Die Rahmenbedingungen für Hausärzte müssen besser werden, damit es für junge Ärztinnen und Ärzte wieder attraktiv wird», so Andreas Bürgi.

«Die Rahmenbedingungen für Hausärzte müssen besser werden, damit es für junge Ärztinnen und Ärzte wieder attraktiv wird», so Andreas Bürgi.

Kritik an Administration

Massiv mehr Ärzte selbst auszubilden, werde nicht klappen, sagt Andreas Bürgi vom Ärzteverband. Wir müssten lernen, mit den bestehenden medizinischen Ressourcen auszukommen, sie besser einzusetzen. Was ist damit gemeint? Wenn mehr Leute ausgebildet würden, heisse das noch lange nicht, dass mehr Hausärzte würden, gibt Bürgi zu bedenken. «Wir müssen beim Administrativen und beim Tarif ansetzen», fordert er.

Eine Untersuchung der Spitäler Lausanne und Baden zeige, dass Assistenzärzte 60 bis 70 Prozent ihrer Arbeitszeit für Administratives einsetzen müssten. Bürgi: «Das ist viel zu viel!» Man müsse hier ansetzen und halt auch sagen, dass der Verdienst von Hausärzten rückläufig sei. Bürgi: «Auch als Folge von Entscheiden von Sozialminister Alain Berset etwa zu Reduktionen für Laboranalysen, womit für Hausärzte Einnahmen entfallen. Die Rahmenbedingungen für Hausärzte müssten besser werden, fordern Bürgi und Lareida. Damit es für junge Ärztinnen und Ärzte wieder attraktiv werde – ob in einer Einzel- oder Gruppenpraxis.

Hausärzte haben tiefe Tarife

Zudem spielten auch die Ansätze eine Rolle, sagt Bürgi. Dass es zu wenig Kinderärzte gebe, habe auch mit ihren tiefen Tarifen zu tun: «Das ist zwar nicht alleine entscheidend, hat aber gewiss Einfluss, wenn sich ein Arzt für eine Richtung entscheidet. Manche Spezialärzte verdienen nämlich zwei- bis dreimal so viel wie ein Haus- oder Kinderarzt.»

Wo aber liesse sich sparen? Eine neue Studie besagt beispielsweise, bei der Behandlung von Diabetikern müssten sich die zuständigen Spezialisten vernetzen, die Kranken besser betreuen, um die Behandlung zu optimieren. Lareida, selbst Diabetologe, verzieht das Gesicht: «Die Forderung ist völlig richtig, aber genau das machen wir Ärzte ja! Da rennt diese Studie offene Türen ein. Natürlich können wir uns fortlaufend verbessern, aber so viel Potenzial, wie die Studie glauben macht, ist nicht mehr drin.»

Problem auch für Pflegeheime

Der Hausärztemangel hat noch weitere Auswirkungen. Pflegeheimen droht laut Jürg Lareida nämlich an Wochenenden zunehmend eine medizinische Unterversorgung: «Da werden Patienten halt rascher als sonst ins Spital eingewiesen, wo sie von Ärzten untersucht werden, die sie nicht kennen und sich in die Krankengeschichte einlesen müssen, was alles aufwendiger und teurer macht.» Die kontinuierliche Betreuung durch Hausärzte sei wichtig für die Versorgungsqualität, und auch günstiger, so Lareida.

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