Darf man einem schwer kranken Menschen helfen, sein Leben zu beenden? Darf man, wie es Exit tut, dem Sterbewilligen den Todestrank, 15 Gramm Natrium-Pentobarbital, in einem Becher reichen, damit er seinem Leben ein Ende setzen kann?

Nein, sagen Kirchenvertreter und mit ihnen viele (gläubige) Menschen, Ethiker und Mediziner. Die Schweizer Bischofskonferenz schreibt 2002 im Pastoralschreiben «Die Würde des sterbenden Menschen»: «Der Heimgang eines Menschen zu Gott und seine Begegnung mit Jesus Christus sollten menschlicher Machbarkeit entzogen bleiben.» Und zur Suizid-Beihilfe der Sterbehilfe-Organisationen: «Wegen ihrer Nähe zur Tötung auf Verlangen lehnen wir Bischöfe deshalb die Beihilfe zum Suizid kategorisch ab.»

Die Bischöfe befürchten, dass eine gesellschaftliche Legitimierung der Suizid-Beihilfe kranke und behinderte Menschen unter Handlungsdruck setzt. «Schwer behinderte Menschen sehen sich vor die Frage gestellt, ob sie sich nicht lieber umbringen sollten, statt wie bisher grosse Mittel einsetzen zu lassen, um ihr Weiterleben einigermassen zu erleichtern.»

Susanna Schmid sieht das diametral anders. Die 68-jährige Aargauerin ist seit gut sechs Jahren Freitodbegleiterin bei Exit. «Wir sind in der Schweiz in der glück-
lichen Lage, dass das Strafgesetzbuch die Beihilfe zum Suizid nicht verbietet», sagt Juristin Schmid, die über 30 Jahre lang als Jugendanwältin tätig war.

Hausärzte weigern sich

Auch moralisch-ethisch sieht sie keinen Grund, der dagegen spricht. «Jeder kann für sich entscheiden», sagt sie. Das heisst aber auch: «Niemand darf für einen anderen Menschen festlegen, was dieser für ethisch zu halten hat.» Für sie – wie auch für Exit – müssen zwei Prämissen erfüllt sein: Der Sterbewunsch muss, erstens, «dauerhaft» sein. Der Sterbewillige muss, zweitens, «eine hoffnungslose Prognose, unerträgliche Beschwerden oder eine unzumutbare Behinderung» haben.

Susanna Schmid sitzt am Esstisch ihrer gemütlichen Wohnung in Aarau. Ein Telefonanruf unterbricht das Gespräch. Ein Sterbewilliger hat ein Problem; sein Hausarzt will die Urteilsfähigkeit nicht unterschreiben, weil er «damit» nichts zu tun haben will. Und ohne eine solche ist eine Freitodbegleitung nicht möglich.

«Das ist eine Anmassung», entfährt es Schmid nach dem Telefonat. «Die Kirchen und auch etliche Ärzte haben das Gefühl, sie hätten das Monopol auf die Entscheidung, was richtig ist und was nicht.» Für Schmid ein unhaltbarer Schluss, «denn jeder lebt sein Leben eigenverantwortlich – und dazu gehört auch das Sterben».

Susanna Schmid wuchs reformiert auf, bezeichnet sich heute als areligiös – und zahlt dennoch Kirchensteuern. «Weil die Kirche als soziale Institution sehr viel macht», sagt sie. Doch mit dem, was Kirche ausmacht, mit dem Glauben an ein Danach, kann sie nichts anfangen. «Für mich ist der Tod das Ende.»

Sterben und sterben lassen

Die Distanz zur Kirche vereinfache den Umgang mit dem selbstbestimmten Sterben, räumt sie ein, doch Bedingung für ein Ja zum Freitod sei dies nicht. «Viele der rund 100 000 Exit-Mitglieder sind durchaus religiös», sagt sie. «Religiosität und Freitod schliessen sich nicht aus.» Dass viele das anders sehen, dass manche den Freitod als Sünde betrachten, weiss sie. Und akzeptiert es – «solange diese Menschen auch akzeptieren, dass es auch andere Sichtweisen gibt.» Leben und leben lassen, oder treffender: sterben und sterben lassen.

Für sich selber hat Susanna Schmid vor über 30 Jahren entschieden: Exit ist eine Option. Sie ist der Sterbehilfeorganisation 1982, kurz nach deren Gründung, beigetreten. Sie tat dies, wie viele Mitglieder, vor allem um die Sicherheit zu haben: «Wenn es mir ganz schlecht geht und ich nicht mehr kann, dann ist da jemand, der mir beiseitesteht.»

So wie sie es seit 2010 tut. Pro Monat begleitet Schmid eine bis zwei kranke Personen – vorab aus dem Aargau – in den Tod. Die Zahl nennt sie nur widerwillig, denn Sterben sei keine mathematische Grösse, sondern ein individueller Weg. «Sterbebegleitung darf nicht zur Routine werden», sagt sie. Deshalb lehne sie Anfragen der Geschäftsstelle in Zürich auch ab und an ab. In solchen Fällen wird eine andere der rund 30 Freitodbegleiterinnen – es sind vor allem Frauen – in der Deutschschweiz angefragt.

Zeit, um Abstand zu gewinnen

Zwischen den Sterbebegleitungen brauche sie Zeit, um Abstand zu nehmen, um die Batterien wieder aufzutanken. «Man gibt viel von sich und seiner Kraft hinein», sagt sie und beschreibt das Begleiten als das Wechselbad, das allen helfenden Berufen anhaftet: Es braucht Empathie, also ein Mitfühlen, ein Zuhören, ein Trostspenden ebenso wie eine professionelle Distanz. «Ich helfe niemandem, wenn ich zu heulen anfange.»

Natürlich gibt es viele Schicksale, die sie tief bewegen, die ihr auch zu schaffen machen. Dann etwa, wenn ein junger Familienvater an Krebs sterben muss. Nach dem Sinn, nach dem «warum nur?» zu fragen, führt zu keiner Antwort. «Ich kann diesem Menschen aber beistehen und helfen, den letzten Abschnitt seines Lebens zu gehen.»

Es sind diese Erfahrungen, die Susanne Schmid Kraft geben. Es ist das Vertrauen, das ihr eigentlich fremde Menschen schenken, indem sie einen der intimsten Momente im Leben zusammen mit ihr gehen. «Ich darf für eine kurze, aber intensive Zeit an ihrer Geschichte teilhaben. Das ist für mich eine grosse Bereicherung.» Wie dieser Moment abläuft, entscheidet jeder Sterbewillige für sich. Der eine will noch gemeinsam einen Kaffee trinken und etwas plaudern, über Gott und die Welt, der andere hat sich von allen verabschiedet und will wortlos gehen. Wenn er bereit ist, reicht Schmid ihm den Becher mit Natrium-Pentobarbital oder gibt das Mittel, eigentlich ein starkes Schlafmittel, in die Infusionslösung. Den Becher trinken oder die Infusion öffnen muss der Sterbewillige selber. «Sonst wäre es aktive Sterbehilfe und das ist strafbar.»

«Ein friedliches Gehen»

Nach wenigen Minuten schläft der Sterbewillige ein, nach rund zehn Minuten tritt der Tod ein. «Es ist ein friedliches Gehen», sagt Schmid. Das hört sie auch von Angehörigen, die dabei sind, immer wieder. «Es sind innige Momente, die man nie vergisst.» Doch längst nicht alle Angehörigen verstehen, geschweige denn akzeptieren den Entscheid ihres Angehörigen, den Zeitpunkt, an dem das Leben endet, selbst zu bestimmen. «Wir suchen das Gespräch mit den Angehörigen», sagt Schmid. Kommt es zustande, geht es ihr vor allem darum, den Entscheid zu erklären, damit sie ihn zumindest respektieren. «Schöner ist es natürlich, wenn sie ihn akzeptieren oder sogar unterstützen.»

Nicht jeder kann das. Manch einen erschüttert der Freitod-Entscheid eines ihm nahestehenden Menschen in seinen Grundfesten und stürzt ihn in eine tiefe Krise. Die Frage stellt sich: Muss ein Mensch auf seinen Weg verzichten, muss er den leidvollen Weg zu Ende gehen, damit die, die zurückbleiben, es allenfalls leichter haben? Nein, findet Schmid. «Mein Tod gehört mir.»

Das Wissen, an welchem Tag man geht, zu welcher Stunde, sei schon speziell, sagt Susanna Schmid. «Es schafft aber auch Räume.» Für Nähe, für Wichtiges, für Begegnungen. «Immer wieder erlebe ich, dass durch den Entscheid Kontakte möglich werden, die vorher undenkbar waren.» Dass Gräben auf einmal überwindbar werden. «Das hilft beiden.»

Das Wissen um den Notausgang

Wie viel Zeit zwischen dem ersten Gespräch, bei dem Schmid prüft, ob alle Voraussetzungen erfüllt sind, und dem Todestag liegen, entscheidet der Sterbewillige. Manchmal liegen Tage dazwischen, manchmal Monate, bisweilen Jahre. Manch einer kann den Termin kaum erwarten, weil er dem Leiden ein Ende setzt, andere zaudern, sagen kurz vorher ab, weil es ihnen wieder etwas besser geht. Und manch einer meldet sich gar nie mehr, denn ihm reicht das Wissen, dass der Notausgang da ist, die Gewissheit, dass er jederzeit anrufen kann, wenn er das Leiden nicht mehr erträgt.

Rund ein Drittel der Menschen, mit denen sie ein Erstgespräch geführt hat, beansprucht die Freitodbegleitung nicht, sagt Schmid. Weil das Gespräch das Loslassen erleichtert hat. Weil es «schon Mut braucht», den Tod zu terminieren. Weil die Angehörigen sich vehement dagegen stemmen. Weil das Gespräch einen Weg aufgezeigt hat, das Leid zu tragen. «Unsere Aufgabe erschöpft sich nicht in der Freitodbegleitung», sagt Schmid. «Wir machen auch Lebensberatung, zeigen auf, wie man die Lebensqualität trotz Schmerzen steigern kann.» Immer wieder hört sie von Kritikern den Satz: Den Schmerz, die Behinderung könne und müsse man aushalten. «Es ist eine Anmassung, jemandem zu sagen: Diesen Schmerz musst du aushalten», findet sie. «Was zumutbar ist und was nicht, kann nur der sagen, der die Krankheit oder die Behinderung ertragen muss.»

Die Angst vor dem Leiden

So hat Schmid auch noch nie versucht, jemandem, der die Voraussetzungen erfüllte, den Sterbewunsch auszureden. «Wer einen Menschen ernst nimmt, diskutiert nicht mit ihm, ob sein Gefühl richtig ist, sondern akzeptiert seinen Entscheid.» Schmid ist überzeugt: «Den richtigen Zeitpunkt spürt man. Von tief innen heraus.»

Angst vor dem eigenen Sterben hat Schmid nicht. «Aber vor dem Leiden, wie alle Menschen.» Ob ihr das Wissen hilft, das sie als Freitodbegleiterin gesammelt hat, ob sie sich im Falle einer schweren Krankheit in den Tod begleiten lässt, «kann ich nicht sagen».

Schmid schaut zum Fenster hinaus, wo zwei Amseln auf einem Baum um die Wette singen. «Vielleicht hänge ich dann so sehr am Leben, dass ich den Entscheid so lange hinausschiebe, bis ich nicht mehr in der Lage bin, zu entscheiden.» Sie nenne das die Kopf-Herz-Schere. «Der Kopf weiss, dass es Zeit ist, das Herz jedoch will den Schritt nicht machen.»