Windisch
Ex-Mithäftling von Bois Mörder: «Jeder kann aus Königsfelden ausbrechen»

Marco Meier* sass gemeinsam mit dem Mörder von Boi, Kris V., in der psychiatrischen Klinik Königsfelden, bevor er selber ausbrach. Ein Gespräch über seinen geflohenen Mithäftling, die Zustände in Königsfelden und wie einfach da ein Ausbruch wirklich ist.

Rafaela Roth, watson.ch
Drucken
Teilen
«Da kommt jeder raus, der einigermassen schlau ist», sagt Marco Meier, Ex-Mithäftling von Bois Mörder, zur Klinik Königsfelden.

«Da kommt jeder raus, der einigermassen schlau ist», sagt Marco Meier, Ex-Mithäftling von Bois Mörder, zur Klinik Königsfelden.

watson.ch/Rafaela Roth

Marco Meier*, Sie sind selber aus der Klinik Königsfelden geflüchtet, warum?

Ich sass unrechtmässig in Haft, das wurde später per Bundesgerichtsurteil bestätigt. Irgendwann platzte mir der Kragen und ich plante gemeinsam mit einem Freund die Flucht.

Wie sind Sie aus Königsfelden getürmt?

Wir haben mit einer Eisenzange die Gitter auf dem Balkon durchtrennt, währenddem die Pfleger Rapport hatten. Mein Freund sprang zuerst, dann ich. Mir hat es die Kniescheibe rausgehauen. Wir schleppten uns zum Auto eines Freundes, der da wartete, und fuhren davon. Aus Königsfelden kann jeder ausbrechen.

Warum?

Königsfelden ist eine psychiatrische Klinik. Da gibt es auch Patienten, die nicht straffällig sind. Die forensische Abteilung, in der wir waren, ist stärker gesichert. Trotzdem kommt da jeder raus, der einigermassen schlau ist.

Wie sind Sie an die Eisenzange gekommen?

​Da verabredet man sich, lässt ein Säckchen an einer Schnur zur richtigen Zeit aus dem Fenster hängen und zieht es wieder rauf. Fertig.

Werden die verurteilten Straftäter nicht stärker überwacht als die anderen Patienten?

Doch. Es gibt verschiedene Haftstufen. Bei Haftstufe 1 darf man auf den Balkon, bei Stufe 2 in den Hof, bei Stufe 3 eine halbe Stunde hinaus mit einem Betreuer, Stufe 4 mit einer Gruppe und einem Betreuer, Stufe 5 alleine. Ich nehme an, Kris V. wartete einfach, bis er Stufe 3 oder 4 erreicht und damit Ausgang hatte.

Bei Stufe drei und vier ist man aber doch begleitet.

Ja, aber man kann ja einfach mitspielen und brav sein, bis man Stufe 3 kriegt. Dann erhält man mit einem Betreuer Ausgang, schlägt ihn nieder, bestellt vielleicht kurz vorher noch ein Taxi, steigt ein und weg ist man. Das ist ein Witz.

Wie war Kris V. als Häftling?

Soweit ich mich erinnern kann, hat er anfangs jegliche Arbeit verweigert. Er war ein schüchterner Junge, unauffällig, und hat viel Kaffee getrunken.

Immerhin wurdet ihr in Königsfelden therapiert, oder?

Wie man's nimmt. Die Ergo-, Arbeits- und Kunsttherapie war ganz ok. Das haben erfahrene und geduldige Leute mit uns gemacht. Die Pflege war aber ein eigentlicher Witz. Die Leute sind komplett abgelöscht und überfordert.

Sie wurden nicht gut betreut?

Wir wurden eigentlich gar nicht betreut. Wenn Einer wochenlang nicht geduscht hat, ist nur was passiert, wenn es per Zufall der Chef gemerkt hat, sonst herrschten desolate Zustände.

Und die psychologische Therapie?

Psychotherapie, Gruppentherapie und Ähnliches sind freiwillig. Die meisten besuchen das gar nicht. Mit einer absoluten Verweigerungs-Taktik kommt man sowieso weiter, als wenn man da versucht, anständig zu sein.

Wie meinen Sie das?

Mit denen, die sich absolut sperren, wird viel mehr gearbeitet, als mit denen, die mitmachen. Ich habe versucht, mitzumachen und habe nie Haftlockerungen gekriegt. Richtig Ärger gibt es eh nur, wenn jemand die Medikamente nicht nimmt. Dann wird gleich die Polizei gerufen. Es geht bloss darum, alle mit Pillen ruhig zu stellen.

Nicht darum, sie zu therapieren?

Ach was, in Königsfelden sitzen alle nur ihre Zeit ab, inklusive Pfleger. Das Essen ist übel, die hygienischen Zustände katastrophal, effektiv therapiert wird da niemand, nur ruhig gestellt oder in Isolationshaft gesteckt.

Was würden denn Sie mit einem Täter wie Kris V. machen?

Dazu will ich mich eigentlich nicht äussern. Aber was an Königsfelden definitiv verbessert werden könnte, sind die Sicherheitsbestimmungen. Ich war in Einrichtungen, wo jeder Mensch, jedes Paket und jeder Gegenstand, der im Haus ein- und ausging, gescannt wurde. Warum das in Königsfelden nicht gemacht wird, ist mir ein Rätsel.

*Name von der Redakton geändert

Aktuelle Nachrichten