Aargau

Ex-Kantonspolizistin führt grösste Polizeischule des Landes – sie war beim FBI

Ab und zu erscheint Irene Schönbächler in Uniform zur Arbeit – nur die Gürtelschnalle erinnert noch an ihre Zeit bei der Aargauer Kantonspolizei. Chris Iseli

Ab und zu erscheint Irene Schönbächler in Uniform zur Arbeit – nur die Gürtelschnalle erinnert noch an ihre Zeit bei der Aargauer Kantonspolizei. Chris Iseli

Irene Schönbächler leitet als erste Frau die grösste Polizeischule des Landes – und behauptet sich in einer Männerdomäne. Die ex-Aargauer Kantonspolizistin hat sich auch beim FBI weitergebildet.

Die alte Uniform musste sie nach zwölf Jahren abgeben. Der Aargauer Kantonspolizei gehört Irene Schönbächler seit April nicht mehr an. Ihre neue Uniform ist zwar ebenfalls blau, doch statt der drei Sterne eines Hauptmanns zieren nun vier Sterne ihre Schultern. Als erste Frau führt sie die interkantonale Polizeischule Hitzkirch – die grösste des Landes. Rund 300 junge Männer und Frauen aus elf Kantonen lassen sich in der luzernischen Gemeinde jedes Jahr ausbilden. 

Die 49-Jährige empfängt in ihrem Büro mit Blick auf den Baldeggersee. An der Wand hängen kleine Fotos der Klassen. Zu sehen sind mehrheitlich junge Männer. Im Durchschnitt sind drei von vier Absolventen männlich. «Polizei ist eine Männerdomäne», sagt Schönbächler. Sie selbst ist sich gewohnt, mit männlichen Kollegen zu arbeiten. «Der Beruf prägt einen.»

Als junge Thurgauer Kantonspolizistin sorgte sie auf Streife in Kreuzlingen für Aufsehen. Frauen im Polizeidienst waren damals noch sehr selten. «Das konnte manchmal ein Türöffner sein, weil ich dadurch leichter mit den Leuten ins Gespräch gekommen bin», sagt sie.

Nur weil nun erstmals eine Frau an der Spitze der Schule ist, wird sich der Anteil Anwärterinnen aber nicht automatisch erhöhen. «Zentral ist, dass die Anforderungen erfüllt sind. Ob Frau oder Mann spielt keine Rolle», sagt die Direktorin. Wichtiger als das Geschlecht ist ihr ohnehin der Charakter der Aspiranten. «Rambo-Typen» wolle sie keine. «Geerdete, moderne, junge Menschen» möchte sie stattdessen an ihrer Schule ausbilden. Zehn Monate dauert die Ausbildung. Strafrecht, Sport, Schiesstraining – der Stundenplan deckt das ganze Spektrum des Berufs ab.

Das Ziel: Die jungen Polizisten sollen zu Allroundern werden und eine gute Basis für diesen anspruchsvollen Beruf erhalten, wie Schönbächler sagt. Doch auch eine harte Ausbildung kann nicht auf alles vorbereiten. Tragische Ereignisse wie jüngst der Mehrfachmord von Würenlingen lassen sich zwar in Kursen thematisieren und der Umgang mit traumatischen Situationen kann geübt werden, doch auf einen Ernstfall reagieren alle anders.

«Jeder braucht einen Weg, um damit umgehen zu können.» Ihr Weg ist der Glaube. «Er gibt mir eine gewisse Gelassenheit, um schlimme Schicksale einordnen zu können.»

Polizist sei ein belastender Beruf, sagt sie. Ein Beruf jedoch, der sie schon in ihrer Jugend faszinierte. Nach einer Lehre zur Pharma-Assistentin absolvierte sie die Polizeischule, war danach sechs Jahre im Aussendienst unterwegs. Diese Erfahrung kommt ihr nun als Direktorin zugute, auch wenn es keine Voraussetzung für den Posten ist. Hilfreich sei das, sagt sie, auch weil es ihr mehr Glaubwürdigkeit verschafft. Die Schüler merken, dass sie weiss, wovon sie spricht. Wohl auch deshalb zieht sie ab und zu die Uniform an, wenn sie von ihrem Wohnort Mellingen an ihren neuen Arbeitsort fährt.

Königsblaues Kurzarmhemd, dunkelblaue Hosen, schwarze Schuhe. Dazu silberner Ring, silberne Uhr, die Haare kurz geschnitten, mit gefärbten Strähnen. An der speziellen Polizeischul-Uniform erinnert nur noch der Gürtel an ihre Vergangenheit bei der Aargauer Kantonspolizei: Auf der Schnalle prangt das Logo des Korps, dem sie zwölf Jahre angehörte. Sie war die erste Polizeioffizierin im Kanton, leitete die Mobile Einsatzpolizei und zuletzt sieben Jahre die Kapo Nord, wo sie unter anderem die Verantwortung für aussergewöhnliche Einsätze trug. Bahnunglück, schwere Chemie- oder Verkehrsunfälle, aber auch planbare Anlässe wie das Argovia-Fäscht.

Nach ihren Anweisungen hatten sich Dutzende von Kantonspolizisten zu richten. In diesen Momenten, sagt die zierliche Frau, gehe es nur mit einem autoritären und direkten Auftreten. An der Schule hingegen wolle sie einen kooperativen Führungsstil pflegen.

Die ersten Tage im Amt hat sie damit verbracht, ihre 82 Mitarbeiter kennen zu lernen. So bald wie möglich möchte sie auch selbst unterrichten, ihr Wissen weitergeben. Welche Kurse es sein werden, ist noch offen. Zu erzählen hätte sie den angehenden Polizisten jedenfalls einiges: Neben ihrem Studium der Staatswissenschaften an der HSG auf dem zweiten Bildungsweg bildete sie sich auch im polizeilichen Bereich weiter. Einst besuchte sie gar einen zehnwöchigen Intensivkurs beim FBI. Und was sie in den USA sah, beeindruckte sie. Sie lernte viel über Führung, IT-Forensik und Stressmanagement, hielt sich auf dem FBI-Campus in Virginia fit. Ihre Klassenkameraden waren mehrheitlich amerikanische Polizeikader, nur zehn Prozent der Absolventen Ausländer. «Von den Besten lernen» lautete das Ziel ihres USA-Aufenthalts.

Ihr Motto sei, sagt sie, sich ständig weiterzuentwickeln. Das gilt für Beruf wie Privatleben. Zusammen mit ihrem Mann ist sie Mitglied in einem Tanzclub – Latin und Standardtänze sind es derzeit, vielleicht kommen bald schon weitere dazu. «Step by step», wie sie das so macht in ihrem Leben.

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