Jetzt kannst du der Bundesrätin etwas zu trinken servieren» sagt der Mann am Zapfhahn zur Frau, die den Service macht. In der Mehrzweckhalle Mägenwil stehen alle 130 Menschen auf und applaudieren, als Doris Leuthard am Donnerstagabend um 19.30 Uhr den Saal betritt. Der Parteitag der CVP Aargau hatte eine Stunde vorher begonnen, die Zeit überbrückten die Wartenden mit Salat und Pouletschenkel.

«Sie isst sicher nicht hier», war sich ein Besucher während des Essens noch sicher. Doch Doris Leuthard nimmt zwischen Regierungsrat Markus Dieth und Grossrat Peter Voser Platz und isst einen Pouletschenkel. «Ciao Ruth – Hoi Doris!» Nationalrätin Ruth Humbel quetscht sich zwischen die Stühle und begrüsst die Parteikollegin. Die Bundesrätin streicht der Nationalrätin über den Arm.

Doris Leuthard trägt einen schwarzen schlichten Hosenanzug und mattschwarze Lederpumps, acht Zentimeter Absatz, nicht zu hoch, nicht zu auffällig. Während der ersten zehn Minuten wandern neugierige Blicke in ihre Richtung. Die Bundesrätin mit den unverwechselbaren Lachgruben ist eine von ihnen und doch ein Promi.

Marianne Binder, Präsidentin der CVP Aargau, hält eine Ansprache. Dies sei ein legendärer Parteitag, sagt sie, es sei der letzte für Doris Leuthard als Bundesrätin. Knapp zwei Monate wird sie das Amt noch ausführen, dann ist nach 12½ Jahren Schluss. «Ich habe eine Jacke gefunden, auf der steht: Doris Leuthard in den Ständerat. Ich hätte sie am liebsten getragen heute Abend», scherzt Binder. Die Magistratin lächelt breit, ihre Augen formen sich zu Schlitzen. Die CVP Aargau ist ihre politische Familie, hier hat sie ihre Wurzeln.

Leuthard spendet für das Essen

Zwei orange Boxen wandern durch die Tischreihen. «Ein finanzieller Zustupf für das Essen» sagt Binder. Doris Leuthard zieht ihr Portemonnaie aus der Tasche und beteiligt sich.
«Die Selbstbestimmungsinitiative ist eine Mogelpackung». Marianne Binder hat das Mikrofon abgegeben. Die Parolen werden gefasst. Doris Leuthard wird drei Mal die Hand heben: Nein zur Selbstbestimmung, Ja zu Sozialdetektiven, Nein zur Waldinitiative.

Während drinnen Hände gezählt werden, leuchtet draussen im Tesla ein Licht. Leuthards Chauffeur wartet auf seinen Einsatz und liest die Zeitung. Er hat die Bundesrätin heute vom Bahnhof Aarau abgeholt, nachdem sie von Bern im Zug angereist war. Die Verkehrsministerin nutzt wenn möglich immer den öffentlichen Verkehr. Mittlerweile haben Marianne Binder und Doris Leuthard auf einem blauen Samtledersofa Platz genommen. Die CVP-Präsidentin animiert die Bundesrätin dazu, in Erinnerungen zu schwelgen.

Es ist bereits nach 22.00 Uhr, als der Apéro beginnt. Die Parteimitglieder stehen Schlange, um ihrer Bundesrätin die Hand zu schütteln. Sie nimmt sich Zeit, bekommt Komplimente und verteilt sie auch: «Du siehst gut aus!», sagt sie zu einem älteren grau melierten Herrn und hält ihn mit beiden Händen an den Armen. «Sie ist eine Gute», sagt der nächste in der Reihe zum Kollegen. Ihr Blick ist aufmerksam, scharf, empathisch – aber auch müde. Zu diesem Zeitpunkt ist Doris Leuthard seit knapp 17 Stunden unterwegs. «Bene», wiederholt sie mehrfach auf Italienisch, immer wieder einen Abschluss des Gesprächs ankündigend. Doch sie kommt jeweils nur ein paar Halbschritte weit. Sie ist hier nicht die Frau Bundesrätin. Sie ist hier «eusi Doris».

Ihr Fahrer, ein eleganter Mann in hellblauem Hemd und roter Krawatte, wartet unbemerkt in der Türe. Zwei junge Männer halten ein Smartphone bereit und fragen scheu nach einem Erinnerungsfoto. Ihre letzte Handlung, bevor sie nach Hause fährt.

Zu Hause übernachtet

Freitag, 9.00 Uhr, Campus Windisch. Doris Leuthard konnte die Nacht in Merenschwand verbringen. «Das ist selten», sagt sie. Das Publikum ist hier ein ganz anderes, als am Abend vorher am Parteitag in Mägenwil. Der Ton auch. Die wichtigsten Wirtschaftsvertreter öffentlicher Unternehmen diskutieren am Infrastrukturtag des Departements Uvek über digitale Zukunftsperspektiven der Post, der SBB, der Swisscom. Doris Leuthard hat Präsentationskarten vorbereitet, auf die sie während ihrer zwei Reden kaum schauen wird. Der Saal ist voll, überwiegend mit anzugtragenden Männern. Gefühlt hat sie aber die Hosen an. Obwohl sie ein Kleid trägt.

Während einer kurzen Kaffeepause schüttelt Doris Leuthard unzählige Hände, kennt alle Namen. Das ist der siebte und letzte Infrastrukturtag, den sie leiten wird. Sie könne sich anpassen, sie habe das immer so gewollt, dass sie sowohl mit einfachen Menschen als auch mit Wirtschaftsvertretern auskomme: «Man hat nur Erfolg, wenn man alle Leute ernst nimmt und ihnen zuhört und sie integriert.»

Anfang eines Abschieds

Die zwei Termine im Aargau sind der Anfang eines Abschieds. «Alles was Transition ist, ist unangenehm», sagt sie in ihrer Abschlussrede. Sie bezieht sich eigentlich auf die Digitalisierung und auf neue Technologien. Es brauche Mut zum Risiko.

Dass ihr persönlich die Transition nicht einfach fällt, zeigte Doris Leuthard, als sie vor wenigen Wochen vor den Medien ihren Rücktritt ankündigte. Sie kämpfte mit den Tränen.
Die Wehmut über das Ende ihrer Amtszeit komme wahrscheinlich noch, jetzt habe sie zu viele Sachen im Kopf: «Im Januar, wenn ich merke, dass ich keine Termine in meiner Agenda habe, oder nur wenige, das wird mir sicher nicht leicht fallen. Aber ich freue mich auf dieses Leben. Ich kann dann vielleicht einmal sagen, ich gehe Skifahren und diese Freude überwiegt.»
Doris Leuthard ist selten allein. Kommunikationsberater, Fahrer, Personenschutz. In Zukunft wird sie wieder selber Autofahren, sagt sie: «Das ist auch gut, dann muss ich auch wieder selbstständig sein. Mein Mann ist froh, er sagt, ich sei viel zu fest verwöhnt worden». Die Magistratin lacht herzlich.

Mit 55 Jahren beendet Doris Leuthard im Dezember ihre Politkarriere. Die Gerüchte, dass sie als Raiffeisen-Präsidentin im Gespräch gewesen sein soll, hatte sie von Anfang an dementiert. Ob nach der Zeit als Bundesrätin Wirtschaftsmandate folgen, lässt sie auch in Brugg offen: «Ich werde sicher nicht zu Hause sitzen und Däumchen drehen. Aber darüber denke ich jetzt noch nicht nach. Etwas Gemeinnütziges werde ich sicher machen, etwas in der Wirtschaft, da bin ich offen. Aber das lasse ich auf mich zukommen.»