Aargauer Kantonspolizei
«Es waren die vier spannendsten Jahre in meinem Berufsleben»

Stephan Reinhardt war während vier Jahre und einem Monat Polizeikommandant der Aargauer Kantonspolizei. Er kündigte vor zwei Monaten seinen Rücktritt an. Grund dafür war unter anderem, dass er mehrere Verkehrsdelikte begangen hatte.

Adrian Hunziker
Merken
Drucken
Teilen
Stephan Reinhardt bei seiner Verabschiedung auf dem Schloss Lenzburg am Freitag.

Stephan Reinhardt bei seiner Verabschiedung auf dem Schloss Lenzburg am Freitag.

Chris Iseli

Herr Reinhardt, heute ist ihr letzter Arbeitstag. Welche Bilanz ziehen Sie nach Ihrer Amtszeit als Polizeikommandant?

Stephan Reinhardt: Es waren die vier interessantesten und spannendsten Jahre in meinem bisherigen Berufsleben. Und wir stehen heute personell gut da, wir sind im Wachstum. Mit dem aktuellen Zuwachs – 40 Polizistinnen und Polizisten pro Jahr – bewegen wir uns in eine gute Richtung. Was die Aargauer Polizei ausmacht, ist, dass die Leute willig sind, sie können zupacken, und sie sind sehr engagiert. Das ist ein sehr erfreulicher Umstand, welcher mir die Führung erleichtert hat.

Welches war Ihr Highlight?

Kein Highlight, sondern mehr ein Dauerzustand war die gute Firmenkultur. Ich konnte mich auf meine Kader und meine Mitarbeiter vollumfänglich verlassen. Das war in guten Zeiten wie auch in den letzten zwei schwierigen Monaten natürlich sehr wichtig. Von der Einsatzleitung her ist vor allem die Grossdemonstration «Menschenstrom gegen Atom» in guter Erinnerung. Dazu musste das grösste Polizeiaufgebot im Kanton seit mehreren Jahren aufgeboten werden.

Welchen Teil Ihrer Amtszeit würden Sie lieber vergessen?

Bei aller Selbstkritik gibt es eigentlich keinen Aspekt, von dem ich sagen könnte, den müsste ich vergessen. Es geriet in meiner Zeit als Kommandant wie auch vorher polizeilich gesehen eigentlich nichts in Schieflage. Wir haben unseren Auftrag erfüllt. Wir haben auch schwierige Situationen meistern können, seien das polizeiliche Schusswaffeneinsätze oder die Aufklärung des Tötungsdelikts Lucie Trezzini, das für alle ein sehr belastendes Ereignis darstellte.

Welches waren Ihre Stärken und Schwachpunkte als Kommandant?

Das müssen Sie wohl eher meine Mitarbeitenden oder meine Vorgesetzten fragen. Ich habe mir auf jeden Fall immer Mühe gegeben, klar zu kommunizieren und die nötigen Entscheide zu fällen. Wenn man als Kommandant im Fokus steht, will jeder von mir eine Entscheidung. Da muss man schauen, was zeitgerecht und was nötig ist und man darf sich nicht in einen Aktivismus reindrängen lassen. Ich war auch immer bedacht auf eine gute Konversation. Meine Bürotür war für alle immer offen, im Wissen, dass ich natürlich nicht Tag und Nacht für 750 Einzelpersonen erreichbar sein kann.

Wie haben Sie den Umgang mit den Polizisten innerhalb des Korps empfunden?

Der gegenseitige Respekt, die Offenheit und das Verständnis waren da. Bei Fragen der Firmenkultur oder disziplinären Problemen nahm ich immer persönlich Einfluss und setzte mich mit den Betroffenen zusammen. Ich glaube, das wurde respektiert. Und ich machte mir immer die Mühe, die 750 Namen grösstenteils präsent zu haben. Das gelang natürlich nicht immer.

Hatten Sie je das Gefühl, es werde hinter Ihrem Rücken getuschelt oder spürten Sie Rückendeckung?

Ich empfand meine direkt Unterstellten immer als ausgesprochen loyal. Wir hatten eine sehr gute Zusammenarbeit. Wir nahmen unsere Projekte und unsere Führungsarbeit gemeinsam wahr, dies im Wissen, dass der Endentscheid immer bei mir lag und aber auch im Wissen, dass es nicht meine Aufgabe sein konnte, allen gerecht zu werden.

Wie sah die Zusammenarbeit mit Regierungsrat Urs Hofmann aus?

Ich durfte mit ihm immer eine von gegenseitigem Respekt und Vertrauen geprägte Zusammenarbeit erleben. Er widmet sich mit grosser Leidenschaft seiner Aufgabe als Departementsvorsteher und zeigt sich auch immer sehr interessiert für die Polizeiarbeit. Wir hatten ein sehr gutes und freundschaftliches Verhältnis.

Ihr Abgang war eher unglücklich. Wie hätten Sie sich einen optimalen Rückzug vorgestellt?

Zu meinem Abgang nehme ich keine Stellung mehr. Darüber habe ich vor zwei Monaten umfassend bei der Medienkonferenz informiert. Und das lasse ich so stehen.

Wie lange hatten Sie ursprünglich gedacht, Kommandant zu bleiben?

Ich hatte schon weiter geplant. Es lag damals als längerfristige Aufgabe vor mir, aber das Leben ist keine organisierte Reise. Manchmal muss man Dinge im Leben so nehmen, wie sie sind. Dies im Wissen, dass man selber die Wahl hat, ob man eine Situation als Chance wahrnehmen will oder nicht. Darum ziehe ich es vor – bei allem Bedauern – den Blick in die Zukunft zu werfen und dies als Chance zu sehen.

Was werden Sie an der Arbeit als Kommandant am meisten vermissen?

Den Kontakt mit den vielen wohlwollenden und unterstützenden Mitarbeitern, mit denen ich teilweise auch freundschaftlich verbunden bin. Aber auch die polizeiliche Thematik, für die ich immer eine Leidenschaft gehabt habe, werde ich vermissen.

Was machen Sie als Nächstes?

Ich weiss selber noch nicht, was jetzt kommt. Ich befasste mich bis zu meinem letzten Arbeitstag als Kommandant mit den nötigen Aufgaben. Es war mir ein Anliegen, meine Amtszeit auf eine gute Weise abzuschliessen. Ich werde mich erst ab nächster Woche mit dem Thema Zukunft befassen. Ich schliesse nichts aus, ich bin für sehr vieles offen und strecke dann die Fühler in den nächsten Monaten aus. Ich gehe jetzt zuerst eine Woche Velo fahren nach Mallorca, um durchzulüften und die Batterien wieder aufzuladen.

Was möchten Sie der Aargauer Bevölkerung und der Polizei auf den Weg geben?

Ich möchte zuerst der Bevölkerung für das Vertrauen in die Polizei danken, aber natürlich auch innerhalb des Polizeikorps jedem Einzelnen für ihr Engagement. Denn die Polizistinnen und Polizisten leisten hervorragende Arbeit und sind äusserst motiviert, obwohl die Rahmenbedingungen häufig ändern. Ich werde der Kantonspolizei Aargau immer verbunden bleiben und wünsche ihr das Allerbeste.