Industrie- und Handelskammer
Es soll zu den grössten Umstrukturierungen seit 25 Jahren kommen

Angesichts des Frankenschocks gehen in der Industrie weitere Stellen verloren. Der Chef der Aargauischen Industrie- und Handelskammer Daniel Knecht, fordert die Politik auf, auf «planwirtschaftliche Eingriffe» zu verzichten und das Verhältnis mit Europa zu Klären.

Mathias Küng
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«Wenn Sie die Füsse im Höllenfeuer und den Kopf im Polareis stecken haben, so ist die durchschnittliche Temperatur angenehm!»

«Wenn Sie die Füsse im Höllenfeuer und den Kopf im Polareis stecken haben, so ist die durchschnittliche Temperatur angenehm!»

Aargauer Zeitung

Der Wechselkursschock und der gleichzeitige Paradigmenwechsel im Handel, hin zu elektronischen Plattformen, zwingen die Wirtschaft in den grössten Umstrukturierungsprozess der letzten 25 Jahre. Dies ist die Einschätzung von Daniel Knecht, Präsident der Aargauischen Industrie- und Handelskammer (AIHK), zur Lage der Wirtschaft im Aargau. Er sagte dies an der Generalversammlung der AIHK in Wettingen vor 430 Teilnehmern und Gästen.

Die aktuelle Lage in den Unternehmen sehe zum Teil düster aus. Knecht: «Kostensenkung, Auslagerung müssen geprüft oder sogar eine Schliessung erwogen werden.» Jede zehnte Industriefirma habe mit einer (Teil-)Verlagerung der Geschäftstätigkeit ins Ausland reagiert». Der Industriesektor habe im Aargau letztes Jahr jede 40. Stelle abgebaut. Dieses Jahr dürfte die Beschäftigung in diesem Sektor nochmals um gegen 1000 Stellen sinken.
Der AIHK-Präsident erwartet, dass der Anpassungsprozess der Wirtschaft sicher noch ein weiteres Jahr anhält. Je nach Branche sei die Betroffenheit völlig unterschiedlich. Über alles sei aber auch für ihn die Lage «überraschend robust», so Knecht: «Hoffen wir, dass wir uns nicht in Scheinsicherheit wiegen. Denn: Wenn Sie die Füsse im Höllenfeuer und den Kopf im Polareis stecken haben, so ist die durchschnittliche Temperatur angenehm!»

Industriestandort bleibt stark

Mit Blick auf die Frankenschock-Debatte mahnte Knecht, nicht zu vergessen, dass nicht der Kurs von Fr. 1.20 pro Euro das Ausgangsniveau der Euroabwertung sei, sondern vielmehr der Kurs von Fr. 1.65 2008 vor der Finanzkrise. Er zeigte sich aber überzeugt, dass der Aargau ein starker Industriestandort bleiben werde, weil die Unternehmungen sich der nötigen Fitnesskur unterzogen und ihre Anpassungsfähigkeit gezeigt hätten. Die Politik rief Knecht auf, auf «planwirtschaftliche Eingriffe» zu verzichten. Sie könne die Wirtschaft nicht durch Eingriffe nachhaltig positiv beeinflussen. Die gescheiterte Industriepolitik, beispielsweise in Frankreich, lege dafür Zeugnis ab.

Knecht rief weiter zu einer Klärung des Verhältnisses mit Europa auf, das selber in Unsicherheit stecke. Man möge sich davon aber nicht anstecken lassen. Knecht plädierte für eine pragmatische, wirtschaftsverträgliche Umsetzung der Masseneinwanderungsinitiative. Die politischen Lager rief er auf, ihren Lösungsbeitrag zu leisten. Für den Grenzkanton Aargau sei besonders wichtig, «dass Grenzgänger nicht zahlenmässig beschränkt oder unnötig reglementiert werden». Es sei entscheidend, Fachkräfte weiterhin in der EU rekrutieren zu können, sofern sie hier nicht zu finden sind. Zudem rief Knecht zur Pflege der Sozialpartnerschaft und guter Arbeitsbedingungen auf.

«Wissenschaften ernst nehmen»

Als Gastreferent warb der Genfer Astrophysiker Thierry Courvoisier in Wettingen engagiert dafür, die Wissenschaft nicht in ein zu enges Korsett zu stecken. Der Vizepräsident und designierte Präsident der Europäischen Akademien der Wissenschaften rief dazu auf, die Wissenschaften als ehrliche Vermittler von Wissen ernst zu nehmen, die Politik und Gesellschaft in ihren Aufgaben kompetent unterstützen könnten. Im Umgang mit Europa warb Courvoisier für Nüchternheit und für gute, vertrauensvolle Beziehungen.

Präsident wieder gewählt

Die Versammlung des mittlerweile 1732 Mitgliedsfirmen zählenden Dachverbandes der Wirtschaft stand auch im Zeichen der Wahlen. Daniel Knecht wurde diskussionslos und einstimmig als Präsident wiedergewählt. Unter den Gästen der Industrie- und Handelskammer fanden sich Grossratspräsident Marco Hardmeier und Vizepräsident Bernhard Scholl, die Regierungsräte Alex Hürzeler, Stephan Attiger und – wegen des Unfalls am Baregg (siehe rechts) später eingetroffen – Urs Hofmann, dazu National- und Grossräte, Spitzenvertreter von Gewerbeverband und Gewerkschaften sowie Schüler der Alten Kanti und der Berufsschule Aarau.