Nationalrat

«Es ist wie am ersten Schultag»: Wie die Neuen aus dem Aargau ihren ersten Tag im Bundeshaus erlebten

Am Montag fuhren acht Aargauer Nationalrätinnen und Nationalräte zum ersten Mal für eine Session nach Bern. Die AZ begleitete fünf von ihnen im Zug dorthin.

Es herrscht Aufbruchsstimmung im Erstklasswagen des Interregio nach Bern. So, als würde eine Schulklasse ins Schullager fahren. Die neu gewählten Aargauer Nationalrätinnen Lilian Studer (EVP), Stefanie Heimgartner (SVP), Gabriela Suter (SP), Maja Riniker (FDP) und Martina Bircher (SVP), treten die Reise an ihren ersten Tag ins Bundeshaus gemeinsam an. Ihre Rollkoffer haben sie auf der Gepäckablage verstaut.

Es sind nur noch wenige Stunden bis zur Vereidigung im Nationalrat. Es geht aber während der Zugfahrt nicht primär um politische Meinungen. Die Aufregung und die Freude über den neuen Lebensabschnitt überwiegen. Stattdessen tauschen sich die elegant gekleideten und gut gelaunten Politikerinnen beispielsweise darüber aus, wie sie geschlafen haben.

«Nicht sehr viel», sagt Stefanie Heimgartner. «Ich war bereits um 4.30 Uhr wach und konnte nicht mehr schlafen.» Sie sei sehr aufgeregt, aber im positiven Sinne: «Ich habe versucht, es meinem Gottemeitli zu erklären: Es ist wie am ersten Schultag. Man empfindet eine riesige Vorfreude, aber man muss zuerst seine neuen Gspändli kennen lernen und das neue Schulhaus – also das Bundeshaus.»

Zumindest wisse sie bereits, wo ihr Platz sei: «Es ist für mich einfach, es mir zu merken. Ich sitze am selben Ort wie im Grossen Rat, aber spiegelverkehrt», sagt Heimgartner und lächelt.

Aufregende Reise für frischgewählte Aargauer und Solothurner Nationalratsmitglieder

Aufregende Reise für frischgewählte Aargauer und Solothurner Nationalratsmitglieder

  

"Fast zu Tränen gerührt"

Jedes neue Mitglied des Nationalrates darf am ersten Tag zwei Personen zur Vereidigung mitnehmen. Bei Heimgartner sind es ihre Eltern. «Ich glaube, dass sie sehr stolz sind. Und das hat mich fast zu Tränen gerührt.» Ihr Partner habe ihr heute Morgen noch ein Plüschmurmeltier mitgegeben. «Dieses hatte ich bereits während des Wahlkampfs dabei und es hat mir Glück gebracht.»

Glücksbringer habe sie keinen dabei, sagt Lilian Studer, die Heimgartner im Zugabteil gegenübersitzt. «Aber ich habe heute Morgen sehr viele SMS bekommen, das ist eine grosse Unterstützung», so Studer. Mit ihr nach Bern fährt unter anderem ihr Vater, alt Nationalrat Heiner Studer. Es sei schwierig, in Worte zu fassen, wie sie sich fühle. Schliesslich sei dies ein denkwürdiger Tag: «Ich empfinde viel Freude, Ehrfurcht und Respekt. Es ist ein Gefühlsgemisch.»

Maja Riniker und Martina Bircher noch im Zug.

Maja Riniker und Martina Bircher noch im Zug.

Auch Gabriela Suter ist sehr gespannt, was sie erwartet: «Ich freue mich darauf, nach all den Vorschusslorbeeren endlich arbeiten zu können. Jetzt ist von uns Leistung gefragt. Die will ich erbringen.» Sie wird bei der Behandlung der Pflegeinitiative bereits ein erstes Mal ans Rednerpult treten. Sie übernachtet mit Bed and Breakfast in Bern, und schaut dann, wie sich das bewährt.

Draussen ziehen die Bäume vorbei. Auf halbem Weg nach Bundesbern will der Zugbegleiter die Billette sehen. Die Nationalrätinnen zücken ihr neues Erstklasse-Generalabonnement (GA). «Ist es schon aktiviert?», fragt Stefanie Heimgartner – die bislang nur ein Zweitklass-Halbtaxabo besass – den Zugbegleiter etwas scheu.

Es ist aktiviert, wie bei den anderen Nationalrätinnen auch. Weniger Glück hatten Benjamin Giezendanner (SVP, der das GA noch nicht bekommen hat) und Jean-Pierre Gallati (SVP). Auf der Zugfahrt nach Bern zeigte sich, dass sein GA noch nicht aktiviert war.

Gründen Aargauer in Bern eine Polit-WG?

Die erste Session im Nationalrat bedeutet für alle Neugewählten eine Umstellung, auch im persönlichen Alltag. «Ich habe das Nötigste in meinen Koffer gepackt», sagt Studer, die bis am Donnerstag in Bern übernachten wird. Momentan bleibt sie in einem Hotel: «Ich werde auch in Zukunft an den Sessionstagen in Bern bleiben.» Eine Polit-WG in Bern zu gründen, wie es drei Jung-Nationalräte gemacht haben – könnte sich Studer gut vorstellen.

Martina Bircher, die einen 17 Monate alten Sohn hat, ist eher kein WG-Typ: «Ich habe gerne meine Privatsphäre. Ausserdem ist Aarburg einen Katzensprung von Bern entfernt.» Die Eltern ihres Partners wohnen aber in Bern und haben ihr auch schon einen Schlüssel gegeben: «Sie stellen mir das Gästezimmer zur Verfügung», sagt Bircher. Neu ist, dass sie auch nachts von ihrem Sohn getrennt sein wird: «Ich werde ihn sicher vermissen. Aber er ist bei seinem Vater in super Händen.»

..

Ehemann, Eltern und Götti von Maja Riniker fuhren am Montag ebenfalls nach Bern, um bei der Vereidigung von Maja Riniker (FDP) dabei zu sein. Mit ihren drei Kindern hat sie einen täglichen Telefontermin abgemacht. Denn auch Riniker übernachtet in Bern. Diese Woche hat sie dort zwei Termine schon um 7 Uhr früh. Sie habe in der Nacht auf Montag geschlafen «wie ein Herrgöttchen». Die neue Aufgabe geht sie «mit Freude, aber auch mit Respekt an».

Vierjährige Tochter hatte anfangs gar keine Freude

Der Zug fährt im Berner Hauptbahnhof ein. Suter und ihre Politikerkolleginnen nehmen ihre Koffer und verabschieden sich auf dem Perron vorerst voneinander. «Bis später,» heisst es überparteilich. Alle haben sie bereits Termine. Nebst den fünf Frauen werden heute auch Benjamin Giezendanner (SVP), Jean-Pierre Gallati (SVP) und Marianne Binder (CVP) im Nationalrat vereidigt.

Giezendanner wird von seiner Ehefrau Jasmin und seiner älteren, vierjährigen Tochter Sophia ins Bundeshaus begleitet. Er hatte Sophia versprochen, dass sie dabei sein darf. «Am Anfang hat sie geglaubt, dass ich nun hier in Bern lebe und sie hatte gar keine Freude», sagt Giezendanner. Sie sei zu klein, um zu verstehen, was er hier mache.

Obwohl ihr Opa (alt Nationalrat Ueli Giezendanner) versucht hat, es ihr zu erklären. «Sie weiss, dass ich debattiere.» Die Abmachung mit seiner Frau sei, dass er jeden Abend nach Hause komme, scherzt Giezendanner. «Aber ich habe Absolution bekommen. Wenn eine Veranstaltung länger als bis 22 Uhr dauert, werde ich in Bern übernachten.» Es gelte nun das neue Mandat mit dem Geschäft zeitlich zu vereinbaren. «Ich bleibe Milizpolitiker.»

FDP-NR Matthias Jauslin begrüsst die neuen Nationalräte Benjamin Giezendanner (SVP, l.) und Lilian Studer (EVP)

FDP-NR Matthias Jauslin begrüsst die neuen Nationalräte Benjamin Giezendanner (SVP, l.) und Lilian Studer (EVP)

Marianne Binder musste am Morgen bereits mit einem früheren Zug nach Bern fahren, weil sie an einer Präsidiumssitzung der CVP teilnahm. «Ich habe am Sonntagabend noch lange gearbeitet und bin bereits um 4.30 Uhr aufgestanden.» Dazwischen habe sie aber geschlafen wie ein Baby. Es sei ein sehr schönes Gefühl gewesen, als sie am Morgen mit Freunden nach Bern gefahren ist.

Auch Binder – früher bereits acht Jahre als Kommunikationschefin der CVP im Bundeshaus – hat nicht vor, nach Bern ziehen: «Ich hatte früher ein Studio in Bern. Aber das verleitet einen dazu, mehr Zeit hier zu verbringen.» Ihr Lebensmittelpunkt sei und bleibe Baden.

Jean-Pierre Gallati wollte seinen ersten Tag als Nationalrat ohne Begleitung der Medien bestreiten und reiste deshalb mit seiner Frau und Tochter alleine nach Bern. Gallati wurde am 24. November in den Regierungsrat gewählt und wird deshalb nur die erste Session im Nationalrat bestreiten, nachher übergibt er sein Nationalratsamt an Alois Huber.

Meistgesehen

Artboard 1