Psychiater-Skandal

«Es ist vieles schief gelaufen»: Franziska Roth schafft Anlaufstelle für Opfer

«Es ist viel schief gelaufen»: die wichtigsten Aussagen von Franziska Roth in der Sendung «TalkTäglich» vom Dienstagabend

«Es ist viel schief gelaufen»: die wichtigsten Aussagen von Franziska Roth in der Sendung «TalkTäglich» vom Dienstagabend.

Regierungsrätin Franziska Roth äussert sich im «TalkTäglich» zum Psychiater-Skandal. Sie sagt, was schief lief, als das Missbrauchsopfer bei ihrem Departement auflief. Eine erste Massnahme: Roth richtet eine digitale Anlaufstelle für Beschwerden ein.

Es ist ein ungeheuerlicher Fall: Eine Frau, die missbraucht worden ist, geht 2007 zum Psychiater und wird auch von ihm sexuell ausgebeutet. Die Frau sucht 2016 Hilfe beim Kantonsarzt. Dieser untersucht den Fall zwar, handelt aber nicht und hört das Opfer nicht an. Auch eine Aufsichtsbeschwerde verläuft erfolglos. Erst nachdem die Frau eine Strafanzeige einreicht, wird die Justiz aktiv, das Bezirksgericht verurteilt schliesslich den Psychiater wegen Ausnützung einer Notlage.

Frau Roth, was war Ihr erster Gedanke, als Sie vom Ausmass der Vorgänge gehört haben?

Franziska Roth: So etwas darf nicht passieren. Das Opfer lief lange bei uns auf und erhielt zu wenig Beachtung. Deshalb war es mir wichtig, dass die Frau mir zum Fall sagen konnte, was sie schon immer wollte.

Was haben Sie vom Opfer Neues erfahren, was Sie nicht schon wussten?

Wichtig war, dass die Frau ihrer Ohnmacht Ausdruck verleihen konnte. Es ging darum, dass die Aufsichtsbeschwerde, die sie eingereicht hat, nicht richtig an die Hand genommen wurde.

Das war im Frühjahr 2018. Sie haben nach einem Zeitungsartikel letzte Woche reagiert. Warum nicht früher? Sie wussten über den Fall Bescheid.

Unsere Abläufe und Entscheidungsprozesse sind nicht optimal, wenn es möglich ist, dass eine Aufsichtsbeschwerde nicht an die Hand genommen wird. Das ist total schlecht. Der Bürger ist darauf angewiesen, dass die Verwaltung – der Kantonsarzt, das Gesundheitsdepartement – ihm hilft.

Was war aus Ihrer Sicht der grösste Fehler?

Dass die Frau nicht angehört worden ist.

Denken Sie als ehemalige Richterin?

Ja, eine Person muss angehört werden, sie muss sich äussern können.

Ihre Rechtsabteilung hat die Aufsichtsbeschwerde abgelehnt. Warum sagten Sie nicht, die Frau nicht anzuhören, gehe nicht?

Ich habe den Fall angeschaut. Heute muss ich sagen, es war falsch, dass bei der Aufsichtsbeschwerde nicht reagiert wurde. Das war falsch und tut mir leid für die Frau. Es ist viel schiefgelaufen. Es ist mir ein grosses Anliegen, dass wir die Abläufe nun genau anschauen. So etwas darf nicht mehr passieren.

Sie haben für die Bürger nun eine Mailbox eingerichtet.

Ja, wer glaubt, ihm sei Unrecht widerfahren, kann sich melden. Die Mailbox mit der Adresse mailbox.dgs@ag.ch bleibt vorerst mal drei Monate bestehen.

Jean-Pierre Gallati, SVP-Fraktionschef und Ihr Parteikollege, fordert die Entlassung des Kantonsarztes. 

Wir überprüfen die Abläufe und Prozesse. Wir machen das schonungslos. Falls nötig, werden die Konsequenzen gezogen.

Eine Entlassung wäre eine mögliche Konsequenz?

Das ist so. Doch bis jetzt kann ich nichts sagen. Es muss sich erst zeigen, was sich verbessern lässt.

Sie haben sicher auch mit dem Kantonsarzt gesprochen und beide Seiten angehört. Was sagt er?

Ich rede mit allen. Warten wir die Überprüfung ab.

Entlassen können Sie ihn derzeit nicht, er hat sich krankschreiben lassen.

Zu personalrechtlichen Angelegenheiten äussere ich mich nicht.

Nach Missbrauchs-Skandal: Machte Kantonsarzt gravierende Fehler?

Nach Missbrauchs-Skandal: Machte Kantonsarzt gravierende Fehler?

Wegen sexuellem Missbrauch einer Patientin wurde ein Psychiater aus dem Aargau verurteilt. Der Kanton untersucht nun die möglichen Fehler des Kantonsarztes. Ist dieser noch tragbar?

Gibt es auch entlastende Momente für den Kantonsarzt? Immerhin hat er sich bei der Staatsanwaltschaft gemeldet. Es wurde ihm beschieden, das Gutachten abzuwarten.

Nochmals, es ist Verschiedenes nicht richtig gelaufen. Wichtig ist mir, dass es nicht mehr zu einer Aufsichtsbeschwerde kommt, wenn sich ein Opfer beim Kantonsarzt meldet.

Die Frau wurde dreimal zum Opfer. Zuerst wird sie missbraucht, dann geht sie zum Psychiater, wird wieder ausgenutzt, dann sucht sie Hilfe beim Kantonsarzt – und auch dort erlebt sie Negatives. Steht auch der Verdacht des Filzes im Raum? Psychiater, Ärzte, Kantonsarzt, man kennt sich in dieser Szene.

Das kann ich nicht beurteilen. Selbst wenn man sich kennt, darf es nicht vorkommen, es geht um Berufspflichten.

Auch die Staatsanwaltschaft steht unter Beschuss. Dass sie ein Gutachten abwartet, bevor sie ein Strafverfahren gegen den Psychiater einleitet, beurteilt alt Oberrichter Jürg Fehr als «ungeheuerlich».

Es ist Aufgabe der Staatsanwaltschaft, den Fall zu beurteilen.

Sie sagen es diplomatisch: Die Staatsanwaltschaft hätte von sich aus tätig werden müssen und nicht das Gutachten abwarten?

Ich kann die Arbeit der Staatsanwaltschaft nicht beurteilen, weiss nicht, welche Akten sie hatte. Es ist sicher so, dass die Staatsanwaltschaft mit Strafuntersuchungen ihre Aufgabe hat. Wie sie diese wahrnimmt, ist ihre Sache.

Der ganze «TalkTäglich» mit Franziska Roth:

Franziska Roth stellt sich der Kritik

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