Lehre
«Es ist speziell, in einem Gefängnis zu arbeiten»: Wie vier Aargauer Lehrlinge in das Berufsleben starten

Rund 67 Lehrlinge starteten diese Woche beim Kanton in ihr Berufsleben. Mit einem «Jump-in-Programm» begrüsste der Kanton inklusive Landammann Markus Dieth seine jüngsten Mitarbeiter. Vier davon werden hier vorgestellt.

Raphael Karpf
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Landammann Markus Dieth begrüsste seine 67 Lehrlinge vor Ort.

Landammann Markus Dieth begrüsste seine 67 Lehrlinge vor Ort.

Alex Spichale

Angehende Landwirte, Chemielaborantinnen, Förster und Kaufleute: 67 an der Zahl, sassen sie Anfang Woche in Reih und Glied und bemaskt im Aarauer Bullingerhaus. Sie alle starten diese Woche ins Berufsleben – mit dem Kanton Aargau als Arbeitgeber. Mit einem «Jump-in-Programm» begrüsste der Aargau seine neusten Mitarbeiter. Während drei Tage lernten sie sich gegenseitig kennen, sie lernten, mit einem Foxtrail, sich zwischen den kantonalen Verwaltungsgebäuden zurechtzufinden, und sie bekamen eine geballte Ladung Infos und Ratschläge mit auf den Weg.

Der Aargau bietet 16 Ausbildungsberufe für insgesamt rund 160 Lernende an. Damit ist er, hinter Migros und Coop, der drittgrösste Ausbildungsbetrieb im Kanton. Und er sei, wie den neuen Lernenden augenzwinkernd mit auf den Weg gegeben wurde, auch der Beste. Eine Befragung der bisherigen Lernenden ergab, dass vier von fünf zufrieden sind. «Ich kann euch mitgeben, dass Ihr einen guten Arbeitgeber habt», sagte Karin Hauser, HR-Mitarbeiterin, zu den Anwesenden.

«Mache das KV in der JVA Lenzburg»

Teodora Fusuljevic, 20, Hunzenschwil, Kauffrau.

Teodora Fusuljevic, 20, Hunzenschwil, Kauffrau.

Alex Spichale

Ich mache die Lehre als Kauffrau in der Justizvollzugsanstalt Lenzburg. Zuvor habe ich schon eine andere Lehre gemacht, als Detailhandelsfachfrau. Aber eigentlich wollte ich von Anfang an das KV machen. Nur reichte es damals wegen der Noten noch nicht. Jetzt, mit dem Lehrabschluss, ist es möglich. Das KV hätte ich auch an anderen Orten gemacht, doch als ich diese Stelle sah, sagte ich: Genau die will ich.

Die Stelle gefiel mir von Anfang an, bereits als ich schnuppern ging. Und ich bevorzuge auch den Kanton als Arbeitgeber, weil ich denke, dass sie respektvoller und unterstützender mit den Lehrlingen umgehen als vielleicht andere Ausbildungsbetriebe.

Das erwarte ich. Und die Justizvollzugsanstalt macht das Ganze nochmals spezieller. Gross anders als bei anderen, normale Bürojobs wird es vermutlich nicht sein. Aber es ist schon etwas speziell, in einem Gefängnis zu arbeiten, es braucht auch mehr Sicherheit. Einige Büros sind direkt nebenan, einige aber auch im Gefängnis selber. Vielleicht hat man dadurch auch mehr Verantwortung. Ich denke ich weiss aber schon, was auf mich zukommt.

«Wollte schon immer Landwirt werden»

Shawn Haefely, 15, Hendschiken, Landwirt.

Shawn Haefely, 15, Hendschiken, Landwirt.

Alex Spichale

Ich mache die Lehre als Landwirt, ebenfalls bei der Justizvollzugsanstalt Lenzburg, auf dem Bauernhof direkt neben dem Gefängnis. Es hätte die Stelle auch bei Privaten gegeben, dass ich nun beim Kanton arbeite, das hat sich einfach so ergeben. Landwirt wollte ich aber schon immer werden, schon als Kleiner war das mein Traumberuf. Denn ich halte mich sehr gerne in der Natur auf. Was genau auf mich zukommen wird, weiss ich noch nicht so genau.

Auch nicht, ob die Stelle anders sein wird, als wenn ich jetzt die Landwirtenlehre bei einem normalen Bauernhof angefangen hätte. Auf dem Bauernhof gerade neben der Justizvollzugsanstalt Lenzburg habe ich eine Woche lang geschnuppert. Das hat mich bereits überzeugt. Ich war sehr zufrieden. Und nach dem Vorstellungsgespräch habe ich die Stelle bekommen.

Geschnuppert habe ich schon etwa vor einem Jahr, also lange vor der ganzen Coronakrise. Was nun, mit dem Coronavirus und den ganzen Massnahmen, auf mich zukommt, weiss ich nicht so genau. Ich nehme es so, wie es kommt. Später einmal möchte ich vielleicht Landwirt werden.

«Musste lange warten wegen dem Virus»

Lena Werner, 18, Müllingen, Schneiderin.

Lena Werner, 18, Müllingen, Schneiderin.

Alex Spichale

Ich bin sehr kreativ, deshalb habe ich mich für die Lehre als Bekleidungsgestalterin – das ist eigentlich eine Schneiderin – entschieden. Ich arbeite sehr gerne mit Stoffen und Kleidern, und auch die Mode interessiert mich. Es freut mich deshalb sehr, dass ich diese Lehrstelle bekommen habe. Der Kanton Aargau war der einzig grosse Betrieb, bei dem ich diese Lehre machen konnte.

Zumindest habe ich nur beim Kanton diese Lehre gefunden, ich glaube bei Privaten gibt es diese kaum. Wegen dem Coronavirus war der ganze Prozess noch zusätzlich schwieriger geworden, bis ich schliesslich den Lehrvertrag hatte. Es gab lange Wartezeiten. Schnuppern konnte ich noch vor der Krise. Das Bewerbungsgespräch hatte ich dann aber erst in der Coronazeit, später bekam ich dann die Zusage. Dass ich sehr lange warten musste, fand ich ein wenig unangenehm.

Dafür bin ich jetzt umso zufriedener. Was wegen dem Virus jetzt noch auf mich zukommt, weiss ich nicht. Vom Kanton und meinen Ausbildnern erwarte ich, dass sie freundlich sind. Und dass sie, wenn ich Fragen oder Problemen habe, sich Zeit nehmen und mir zuhören.

«Am liebsten selbstständig ein Atelier»

Yanik Nyffeler, 24, Niederwil, Schneider.

Yanik Nyffeler, 24, Niederwil, Schneider.

Alex Spichale

Ich mache die Lehre als Bekleidungsgestalter. Zuvor habe ich schon eine andere Lehre gemacht, das KV auf einer Gemeinde. Darauf habe ich auch eine Weile gearbeitet. Bei der Berufswahl damals kamen beide Lehren in Frage. Und ich fand es immer etwas schade, dass ich mich fürs KV entschieden habe, auch wenn ich viele Vorteile dadurch habe.

Schliesslich habe ich mich entschieden, die Schneiderlehre für mich selber nachzuholen, weil ich auch sehr kreativ bin. Ich hoffe, ich werde einmal als Schneider arbeiten können. Es ist aber sicher schwieriger, dort etwas zu finden, es gibt nicht allzu viele Stellen auf dem Beruf. Am liebsten würde ich selbstständig ein Atelier haben. Ich denke, am Anfang der Lehre werden wir die wichtigsten

Sachen lernen, und dann Kundenaufträge machen. Vielleicht für eine Fasnachtsgruppe, oder für eine Private, die etwas Spezielleres will. Ich denke, die Lehre wird ähnlich sein wie bei der Gemeinde. Auch sie nehmen sich viel Zeit für die Lehrlinge und haben eine gute Betreuung. Und ich wünsche allen anderen, die eine Lehre starten, einen guten Start.

«Haben Sie den Mut, Ihre Ideen einzubringen und zeigen Sie es uns alten.»

Auch Landammann Markus Dieth, seines Zeichens «oberster Personalchef» beim Kanton, liess es sich nicht nehmen, die neuen Mitarbeitenden persönlich zu begrüssen. «Wir sind auf Sie angewiesen», sagte er zu den Lernenden in einer kurzen Ansprache, «haben Sie den Mut, Ihre Ideen einzubringen und zeigen Sie es uns alten.» Und weiter: «Zusammen sind Sie eine geballte Macht.» In seiner Rede forderte er die angehenden Lehrlinge dazu auf, sich auch politisch einzubringen, oder sich zumindest zu interessieren und informieren. «Das Schlimmste ist, wenn man gar nichts sagt. Denn wer nicht handelt, der wird behandelt.» Er zeigte sich aber auch zuversichtlich, dass die Lernenden genau dies tun würden. Und wer könne das schon wissen, fügte er augenzwinkernd an, vielleicht würde der eine oder die andere gar so enden wie er, nämlich als Regierungsrat. Wertschätzend und anständig würde sich der Kanton den Lehrlingen gegenüber verhalten, versprach Dieth. Aber auch fordernd. Und so forderte er die Anwesenden auf, von ihren Chefs die Infos zu verlangen, was genau von ihnen erwartet werden wird. Denn nur wenn sie die Erwartungen kennen, könnten sie diese auch erfüllen. Schliesslich dankte Dieth den Lehrlingen dafür, dass sie sich für den Aargau einsetzen. «Das ist eine riesen Chance für Sie und für uns.» Der Auftritt schien gut angekommen zu sein. «Ich fand es cool, dass ein Regierungsrat hier war und, vor allem, einfach so und ohne lange zu überlegen all unsere Fragen beantwortet hat», meinte eine Anwesende.