Im August werden wohl einige Aargauer Firmen auf einen Lehrling verzichten müssen. Das zeigt ein Blick in den kantonalen Lehrstellennachweis (Lena). Zwar konnten bereits 2840 Lehrstellen besetzt werden, 563 sind aber immer noch frei, was 16,5 Prozent der ausgeschriebenen Stellen entspricht (Stand: 18. Juli).

Die Anzahl der freien Lehrstellen liegt rund zehn Prozent über dem Vorjahreswert, heisst es im Kommentar zur Statistik. In den meisten Berufsgruppen würden sogar noch mehr als 20 Prozent der Lehrstellen als frei gemeldet. «Die Wahlmöglichkeiten für Lehrstellensuchende sind somit noch immer intakt», heisst es im Kommentar zur Statistik.

Die meisten freien Lehrstellen gibt es in der Baubranche und bei den Coiffeuren. Von 60 Coiffeur-Lehrstellen, die im Lena ausgeschrieben worden waren, wurden nur 30 besetzt. Im Nahrungsmittelbereich gibt es grosse Unterschiede: Ausbildungsplätze für Lebensmitteltechnologen sind beliebt, während Metzger und Bäcker nicht zu den Traumjobs der Schulabgängerinnen und Schulabgänger zu gehören scheinen. Nur noch wenige oder gar keine freien Stellen gibt es im Lena beim KV und in der Informatik.

Peter Fröhlich, Geschäftsleiter des Aargauischen Gewerbeverbands, sagt: «Wir haben nicht gerade Feuer unter dem Dach gespürt.» Dass nicht alle Lehrstellen besetzt werden können, sei vor allem ein demografisches Problem, sagt er. «Es gibt aktuell zu wenig Schulabgängerinnen und Schulabgänger.»

Für die Lehrstellensuchenden ist das kein Nachteil. Sie haben eine grössere Auswahl. Bei den Firmen hingegen komme es zu einem Kampf um die Auszubildenden, sagt Fröhlich. «Lehrbetriebe mit gutem Ruf haben bessere Chancen, Lernende zu rekrutieren.» Das gelte selbst für Branchen, die eher mit Nachwuchsproblemen kämpfen.

Baubranche kämpft mit schlechtem Image

Zu diesen Branchen gehört seit Jahren der Bau. Immer weniger junge Leute möchten sich zum Strassenbauer, Maurer oder Maler ausbilden lassen. Von den 115 erfassten Lehrstellen im Lena waren am 18. Juli erst 61 besetzt. 54 waren noch frei, was einem Anteil von 47 Prozent entspricht.

Pascal Johner, Geschäftsführer des Baumeisterverbandes Aargau, bedauert, dass der Berufsstolz in den letzten Jahren verloren ging. Der Verband ist deshalb bereits 2013 aktiv geworden. Er stellt die Berufe in Schulen und an Berufsschauen vor. «Es geht vor allem darum, das Image zu verbessern», sagt Johner.

Nicht nur in den Köpfen der potenziellen Lehrlinge, sondern auch in jenen ihrer Eltern. «Oft sind sie es, die kritisch sind, wenn der Sohn oder die Tochter eine Lehre auf dem Bau machen möchte», sagt Johner. Sie würden viel zu stark an die armen Leute auf der Baustelle denken, die im Sommer bei über 30°C schwitzen und im Winter bei Minustemperaturen frieren. «Bei dieser Sichtweise kommen die schönen Dinge, die ein solcher Beruf mit sich bringt zu kurz», sagt Johner. Etwa, dass der Tag auf der Baustelle sehr kurzweilig und das Resultat der Arbeit am Abend sichtbar ist. «Zudem braucht man für eine Karriere auf dem Bau keinen Uni-Abschluss», sagt er. «Maurer, Maler oder Strassenbauer können mit Zuverlässigkeit, Durchhaltewille und Fleiss viel erreichen.»

Qualität steht trotzdem an oberster Stelle

Auch Peter Fröhlich vom Gewerbeverband spricht von Klischees, welche die jungen Menschen bei der Berufswahl beeinflussen. «Dabei geht vergessen, dass sich viele Jobprofile in den letzten Jahren – nicht zuletzt wegen der fortschreitenden Digitalisierung – verändert haben.» Deshalb findet er Berufsmessen so wichtig: «Da können sich Schulabgängerinnen und Schulabgänger – auch zusammen mit ihren Eltern – aus erster Hand über verschiedene Berufe informieren.»

Obwohl auch dieses Jahr viele Lehrstellen nicht besetzt werden können, möchte der Baumeisterverband bei der Qualität keine Abstriche machen. «Es bringt nichts, einfach jede Lehrstelle zu besetzen, obwohl sich eine Bewerberin oder ein Bewerber nicht für den Job eignet», sagt Johner. Das führe nur zu Unzufriedenheit und Lehrabbrüchen. Denn die Anforderungen an die Auszubildenden seien in den letzten Jahren tendenziell höher geworden.