Pro Senectute Aargau

«Es gilt, soziale Isolation zu vermeiden – wir sind mit 23 verschiedenen Schutzkonzepten unterwegs»

Hans-Peter Budmiger, Präsident Pro Senectute Aargau, und Geschäftsleiter Pirmin Kaufmann auf der Beratungsstelle in Wohlen.

Hans-Peter Budmiger, Präsident Pro Senectute Aargau, und Geschäftsleiter Pirmin Kaufmann auf der Beratungsstelle in Wohlen.

Seit 100 Jahren steht Pro Senectute Aargau im Dienste älterer Menschen. Präsident Hans-Peter Budmiger und Geschäftsleiter Pirmin Kaufmann geben Auskunft über die Arbeit der Organisation in Zeiten der Pandemie.

Pro Senectute geniesst hohes Ansehen und viel Sympathie. Was sie bezweckt, ist unbestritten: «Pro Senectute möchte dazu beitragen, dass ältere Menschen selbstbestimmt, sozial integriert, finanziell abgesichert, gesund und in den eigenen vier Wänden leben können», sagt Stiftungspräsident Hans-Peter Budmiger.

Doch weil rund 70 Prozent der Bevölkerung noch nicht zur Zielgruppe der Pro Senectute gehören, hält sich das Interesse der Öffentlichkeit für die Tätigkeit der Organisation meist in engen Grenzen.

Dieses Jahr wird Pro Senectute Aargau 100 Jahre alt. Das Jubiläum wäre eine gute Gelegenheit gewesen, Werbung in eigener Sache zu machen, zu zeigen, was die Organisation für ältere Menschen im Aargau leistet und welches die Herausforderungen der Zukunft sind. Doch die Pandemie stoppte auch die Jubiläumsaktivitäten. Höchste Zeit also für ein klärendes Gespräch mit Hans-Peter Budmiger, Präsident Pro Senectute Aargau und Geschäftsleiter Pirmin Kaufmann.

Wir stecken mitten in der zweiten Corona-Welle. Welche Konsequenzen haben die neuen Coronamassnahmen für die Arbeit der Pro Senectute?

Pirmin Kaufmann: Es wird kompliziert. Selbstverständlich halten wir uns konsequent an die Vorgaben von Bund und Kanton. Gleichzeitig versuchen wir, den Seniorinnen und Senioren weiterhin soziale Kontakte zu ermöglichen. Denn es gilt, die soziale Isolation zu vermeiden. Die Konsequenz: Wir sind zurzeit mit 23 verschiedenen Schutzkonzepten unterwegs.

Wie muss ich mir das konkret vorstellen?

Kaufmann: Sämtliche Mittagstische finden ab sofort nicht mehr statt. Paartanzkurse werden ebenfalls ausgesetzt, Linedance hingegen findet weiterhin statt. Unter Auflagen sind Wandern und Yoga erlaubt, unklar ist, was mit den Bildungskursen passiert. Und so weiter.

Hans-Peter Budmiger: In der ersten Phase im Frühling hat man alle über 65-jährigen oder rund 1,6 Millionen Menschen als «Risikogruppe» in einen Topf geworfen. Eine solche Stigmatisierung einzig aufgrund des Alters darf sich nicht wiederholen. Dafür setzen wir uns ein.

Politisch tritt Pro Senectute aber kaum in Erscheinung. Warum ist das so?

Budmiger: Auf nationaler Ebene bezieht Pro Senectute regelmässig und klar Stellung zu alterspolitischen Themen. Aber sie tut das mit einer gewissen Zurückhaltung, denn als Stiftung sind wir politisch neutral. Aber ich kann mir vorstellen, dass sich Pro Senectute künftig klarer positionieren wird, auch weil der Druck auf die Altersvorsorge noch grösser wird.

Kaufmann: Im Kanton Aargau verstehen wir uns in erster Linie als Dienstleister für die ältere Generation, nicht als politische Organisation, welche primär die Interessen der Senioren durchsetzen will. Wir setzen uns ein für den Generationenvertrag, sind etwa auch sehr offen für Diskussionen über die Flexibilisierung des Rentenalters.

Können Sie bestätigen, dass ältere Menschen nur aufgrund ihres Alters Diskriminierungen erleben?

Kaufmann: Diskriminierungen passieren. Aber das sind Einzelfälle. Dass ältere Menschen systematisch diskriminiert werden, stellen wir nicht fest. Eher betroffen sind da Arbeitnehmer, die wenige Jahre vor der Pensionierung stehen. Sie haben es schwer, einen neuen Job zu finden.

Welches sind die häufigsten Themen, welche die Ratsuchenden beschäftigen?

Kaufmann: Sehr oft geht es um finanzielle Fragen und Probleme. In keinem andern Alterssegment ist der Unterschied zwischen reich und arm dermassen gross wie bei den Senioren. Jeder achte Mensch über 65 Jahren ist arm. Aber auch die Frage, wie sich ein Heimeintritt möglichst lange vermeiden lässt, ist ein ständiges Thema. Und ungelöste Vorsorgefragen beschäftigen viele ältere Menschen. Ganz allgemein leiden viele Seniorinnen und Senioren darunter, dass sie mit zunehmendem Alter einsamer werden.

Haben sich Interessen und Bedürfnisse der älteren Generation in den letzten Jahren verändert?

Kaufmann: Ja. Denn auch die Lebensumstände haben sich verändert. Die Menschen werden heute älter, bleiben länger gesund und fit und wollen so lange wie möglich zu Hause bleiben. Entsprechend haben wir unsere Angebote angepasst, etwa mit Haushalthilfe, Mahlzeitendienst, Sport oder Unterstützung beim Erledigen der Rechnungen. Zudem ist unser Zielpublikum äusserst heterogen: Es gibt den topfitten 67-Jährigen, der nur zum Mountainbiken kommt. Und es gibt die 85-jährige vulnerable Frau, die ihr Leben nicht mehr allein meistern kann. Innerhalb dieses Spektrums allen gerecht werden zu können, ist eine grosse Herausforderung.

Welche Kurse und Dienstleistungen sind besonders gefragt?

Kaufmann: Sehr gefragt ist die Haushaltshilfe. Und bei den Kursen alles, was mit Computern zu tun hat. Im Sport hält sich der Trend zu Outdoor-Aktivitäten. Es hat sich gezeigt, dass ältere Menschen häufig keine Bezugspersonen mehr haben, die sie im Fall einer eigenen Urteilsunfähigkeit bei administrativen und finanziellen Angelegenheiten vertreten können. Neu bietet Pro Senectute Aargau deshalb auch einen Treuhanddienst an.

Hat sich auch das Verhalten der älteren Generation verändert?

Kaufmann: Ja. Die Individualisierung hat stark zugenommen. Regelmässige Gruppenaktivitäten funktionieren teilweise erst, wenn die Teilnehmenden 75 Jahre alt sind oder älter. Vorher nutzen die Senioren das Angebot eher punktuell und wenn es in den individuellen Terminplan passt. Und übers Ganze gesehen nehmen die Ansprüche zu. Viele kommen selbstbewusst auf die Beratungsstelle, nicht als Bittsteller, sondern mit dem Anspruch: «Ich habe das Recht darauf.»

Pro Senectute leistet auch direkte finanzielle Unterstützung?

Kaufmann: Ja. Es ist erschreckend, wie arm ältere Leute oft sind. Was sie haben, reicht zwar zum Leben, aber wenn der Hund zum Tierarzt muss, geht das nicht. In solchen Fällen helfen wir. Oder wenn die Behandlung bei der Fusspflegerin zwar dringend nötig ist, aber die 75 Franken einfach nicht vorhanden sind. Es sind vorwiegend Frauen, die von Armut betroffen sind.

Budmiger: Das Perfide an der Sache ist, dass mit zunehmendem Alter die Armut grösser wird; und mit dem Eintritt in ein Heim wird das Leben teurer als je zuvor.

Eine Beratungsstelle in jedem Bezirk, Ortsvertretende in jeder Gemeinde: Pro Senectute ist unglaublich dicht vernetzt. Bleibt das auch in Zeiten der Digitalisierung so?

Kaufmann: Die starke regionale und lokale Verankerung ist uns wichtig. Der persönliche Kontakt wird von den älteren Menschen sehr geschätzt. Wir haben in den letzten Monaten Beratungen und Kurse online angeboten. Mit geringem Erfolg. Aber trotzdem überprüfen wir unsere Strategie immer wieder, vereinheitlichen, was möglich ist. Es geht auch immer um die Kosten. Wir staunen immer wieder, wie unterschiedlich die Mentalitäten und Bedürfnisse in den einzelnen Regionen sein können. Da liegen manchmal Welten nur schon zwischen zwei benachbarten Bezirken.

Reden wir über Geld. Wer finanziert die Pro Senectute Aargau?

Budmiger: 2019 erzielten wir einen Umsatz von rund 16 Millionen Franken. Davon erwirtschaften wir rund 65 Prozent mit unseren Dienstleistungen. Rund 25 Prozent bezahlen Bund und Gemeinden, die damit vereinbarte Leistungen abgelten und Defizite ausgleichen. Für den Rest sind wir auf Spenden angewiesen.

Und was zahlt der Kanton?

Budmiger: Bisher hat der Kanton die Pro Senectute finanziell nicht unterstützt. Künftig aber erhalten wir vom Kanton einen Beitrag an die Sozialberatung, über den wir sehr froh sind. Das wird aber nicht reichen, um ein Defizit zu verhindern.

Was machen die Gemeinden?

Budmiger: Die entrichten Beiträge gemäss den Leistungsvereinbarungen. Es gibt im ganzen Kanton nur zwei Gemeinden, welche die Pro Senectute freiwillig finanziell unterstützen: Suhr und Wettingen. Da gäbe es schon noch Luft nach oben.

Welche Rolle spielen die Freiwilligen?

Kaufmann: Rund 2000 Personen sind aktiv für Pro Senectute Aargau tätig. Rund die Hälfte erhält eine bescheidene Entschädigung, die übrigen arbeiten gratis. 70 Prozent davon sind Frauen. Viele dieser engagierten Menschen sind selber bereits im Seniorenalter. Sie leiten Mittagstische oder Wandergruppen, liefern Mahlzeiten aus oder unterstützen Lehrpersonen im Klassenzimmer. Ohne all diese Helferinnen und Helfer könnte Pro Senectute nicht funktionieren.

Fast schon legendär und etwas aus der Zeit gefallen ist die Herbstsammlung der Pro Senectute, wenn die Ortsvertreterinnen von Tür zu Tür pilgern und um einen Beitrag bitten.

Kaufmann: Die Herbstsammlung gibt es auch weiterhin. Sie gehört zur DNA der Pro Senectute. Und sie ist ein wichtiges Instrument, um Spenden zu generieren und die Pro Senectute bei der Bevölkerung in Erinnerung zu rufen. Allerdings gehen die Ortsvertreterinnen meist nur noch in den ländlichen Regionen von Tür zu Tür. Üblich ist inzwischen der Spendenbrief wie bei anderen Organisationen auch. Wobei ich betonen möchte: Direkt an der Türe zu sammeln ist viel effektiver.

Budmiger: Der Spendenmarkt ist hart umkämpft. Wir sind aber nach wie vor auf die Herbstsammlung angewiesen, um mit Spenden unsere Angebote zu finanzieren. Mit dem Geld aus der Sammlung können wir einen Teil des Defizits ausgleichen.

Alle kennen Pro Senectute, aber kaum jemand weiss genau, was sie tut. Warum ist das so?

Budmiger: Ganz einfach: Pro Senectute ist eine gute Sache für alte Menschen. Aber die wenigsten Leute fühlen sich alt. Also beschäftigen sie sich auch nicht mit der Pro Senectute. Sogar Menschen, die sich längt im AHV-Alter befinden, wissen häufig wenig über unsere Organisation.

Kaufmann: Wir stellen fest, dass auch viele Sozialämter nicht genau wissen, was die Pro Senectute gerade im Bereich Sozialberatung und individuelle Sozialhilfe leisten kann. Wir werden deshalb nun gezielt auf die Gemeinden zugehen und sie informieren.

Welches sind die grossen Themen, die in Bezug auf das Alter die Gesellschaft künftig besonders beschäftigen werden?

Budmiger: Ich sehe drei Bereiche: Es gibt immer mehr ältere Menschen und sie werden immer älter. Zweitens: Menschen mit Migrationshintergrund werden hier alt. Darauf sind wir noch nicht genügend vorbereitet. Schliesslich: Demenz und das Leben mit dementen Menschen bleibt ein grosses Thema.

Kaufmann: Das Zusammenleben der Generationen wird sich verändern. Es braucht Menschen, die sich auch im Alter für die Gesellschaft engagieren. Viele ältere Menschen sind kerngesund; die können doch nicht einfach 30 Jahre lang einfach nur das Leben geniessen. Einen völligen Rückzug der Senioren ins Private halte ich für problematisch.

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