Strassenentwicklung Ostaargau

Es geht mit weniger Beton - Rot-grüne Politiker lancieren Gegenentwurf

Christian Keller, Vorstandsmitglied beim VCS Aargau, an der stark befahrenen Bruggerstrasse in Baden: «Dass der Verkehr zunimmt, wenn die Bevölkerung wächst, ist kein Naturgesetz.»

Christian Keller, Vorstandsmitglied beim VCS Aargau, an der stark befahrenen Bruggerstrasse in Baden: «Dass der Verkehr zunimmt, wenn die Bevölkerung wächst, ist kein Naturgesetz.»

«Oase» heisst die Abkürzung für das kantonale Projekt zur Ostaargauer Strassenentwicklung. Nun präsentiert eine Gruppe rot-grüner Politiker ihren Gegenentwurf. Unter dem Titel «Oasin» setzen sie auf intelligente, nachhaltige Lösungen mit mehr Langsamverkehr und weniger Beton.

Unter dem Titel «Oase – Ostaargauer Strassenentwicklung» plant der Kanton Aargau die Verkehrszukunft des östlichen Kantonsteils.

Jetzt will ein lockeres Bündnis von Verkehrsfachleuten, Organisationen und Einzelpersonen aus VCS, SP, Grünen und GLP «den betonlastigen Plänen des Kantons eine alternative Sichtweise entgegenhalten, die nicht auf Strassenausbau, sondern auf Siedlungsentwicklung und eine sanfte Mobilität setzt».

So formuliert es die Gruppe um Jürg Caflisch (Präsident VCS Aargau und SP-Grossrat), Nationalrat Jonas Fricker (Grüne), Sander Mallien (GLP-Grossrat), Till Schmid (Verkehrs- und Raumplaner (Team Baden), Sibylle Wälti (Stadtforscherin), Christian Keller (Vorstand VCS Aargau, Fussverkehr Schweiz) und weiteren. Die Gruppe ist bisher geografisch stark auf den Grossraum Baden ausgerichtet, will sich aber Richtung Brugg erweitern, so ihr Sprecher Christian Keller.

«Intelligent und nachhaltig»

Die Gruppe will das Projekt Oase durch eine alternative Sichtweise, durch ein «Heilmittel» mit dem sinnigen Namen «Oasin» bereichern. Oasin steht für «Ostaargauer Siedlungsentwicklung – intelligent und nachhaltig». Die Gruppe schickt voraus, man sei «positiv überrascht von der umfassenden Sichtweise», mit der das Baudepartement die Thematik angehe. «Endlich wird auch dem Fuss- und dem Veloverkehr eine Rolle zugestanden», so Keller. Das Umdenken habe gewiss mit Regierungsrat Stephan Attiger zu tun, der die Situation in Baden gut kenne.
Sie seien keine Autogegner, nimmt Keller mögliche Kritik von Autoverbänden vorweg: «Das Auto wäre eigentlich ein Segen.

Leider wird es falsch eingesetzt; so hat es sich zu einem Fluch entwickelt.» Die Hälfte der Fahrten sei nämlich kürzer als 5 Kilometer, jede dritte gar kürzer als 2 Kilometer, gibt Keller zu bedenken, Strecken, die man gut zu Fuss, mit dem Velo oder dem öffentlichen Verkehr zurücklegen könne. «Um dieses Potenzial zu erschliessen, muss der Bus pünktlich sein und der Strassenraum den Bedürfnissen von Fussgängern und Velofahrenden genügen; die Wege müssen sicher, attraktiv und gut vernetzt sein», nennt Keller konkrete Voraussetzungen. Das sei heute nicht der Fall, wie die Diskussionen um die Schulwegsicherheit zeige.

Dass die Verkehrsströme anschwellen, wenn die Bevölkerung wächst, sei kein Naturgesetz, sagt Christian Keller. Der Verkehr nehme nur dann zu, wenn man die Infrastruktur dafür bereitstelle. «Das Auto hat in ländlichen Regionen seine Berechtigung als Zubringer zum öV, als Bindeglied für die letzte Meile.» Der Ostaargau sei aber keine ländliche Region, sondern entwickle sich zur Stadt. «Dass die Leute mit dem Auto in die Stadt oder durchs ganze Land fahren, sollte nicht die Regel, sondern die Ausnahme sein.»

Forderung: alles parallel planen

Doch was genau stört die Gruppe an den Oase-Plänen? Keller: «Bisher konkretisiert sich die Planung in Strassenbauprojekten; alles andere ist erst ein Versprechen. Wir wollen, dass alle Oase-Massnahmen – Strasse, öV, Fussverkehr, Veloverkehr, Mobilitätsmanagement und Massnahmen zur Verkehrsvermeidung – parallel geplant und als Paket im Richtplan verankert werden.» Zudem müssten flankierende Massnahmen sicherstellen, dass allfällige neue Strassen tatsächlich zu einer Entlastung führen. Keller fordert: «Sie sind ebenfalls in den Richtplan aufzunehmen und vollumfänglich aus der Strassenkasse zu finanzieren.»
Der Ostaargau ist laut Christian Keller eine urbane Entwicklungsregion.

Dem müsse die Mobilitätsplanung Rechnung tragen; es seien städtische Infrastrukturen zu planen und umzusetzen. Im Sinne einer «Politik der kurzen Wege» seien Massnahmen zur Verkehrsvermeidung zu treffen. Zusätzliche Strassen, fordert die Gruppe, dürfen die bestehenden Kapazitäten für den motorisierten Individualverkehr nicht erweitern. «Das künftige Wachstum muss vollumfänglich durch öV sowie Fuss- und Radverkehr aufgefangen werden», hält Keller fest.

Berner Modell und Limmattalbahn

Er fordert weiter: «Die Entlastung der Zentren Baden und Brugg darf nicht auf Kosten der Nachbargemeinden erfolgen. Auch da haben die Menschen ein Recht auf Lebensqualität.» Deshalb sollen die stark belasteten Ortsdurchfahrten rund um die Zentren «mit Mitteln aus der Strassenkasse menschenfreundlich saniert werden, um den Verkehr verträglicher zu gestalten». Beispielhaft ist für Keller das «Berner Modell» in Köniz mit Tempo 30 und Multifunktionsstreifen. «Das funktioniert bestens, die Kapazität ist sogar gestiegen», erklärt er.

Zur Vision der Gruppe gehört die Limmattalbahn, die künftig Zürich Altstetten mit Killwangen-Spreitenbach verbindet. Sie soll bis Untersiggenthal verlängert und um eine Linie von Wettingen bis Rohrdorferberg ergänzt werden. Dann, so glaubt Christian Keller, «kann aus dem aktuell höchstbelasteten Schulhausplatz in Baden dereinst ein wunderschöner Bellevueplatz werden».

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