Bis zu den Nationalratswahlen vom 21. Oktober 1979 dauerte es nur noch wenige Monate, als sich die SP des Bezirks Bremgarten für eine Sitzung traf. Alle damaligen SP-Grossräte und die einzige Grossrätin, Ursula Mauch, waren eingeladen. Das Sekretariat in Aarau hatte sie gebeten, jemanden für die nationalen Wahlen vorzuschlagen. Die Männer schauten in die Runde. Sie meldeten nach Aarau: «Wir haben keinen.»

Es war der Sekretär in Aarau, der seine Parteikollegen im Freiamt darauf aufmerksam machte, dass sie ja noch eine Frau hätten, die allenfalls kandidieren könnte. «Ja wottsch?», hätten die Männer gefragt. Ursula Mauch wollte. Ihr sei es damals gar nicht in den Sinn gekommen, sich von sich aus zu melden. «Ich nahm einfach zur Kenntnis, dass wir keinen haben», sagt sie. Hätte sie sich gemeldet, hätten die Männer wohl etwas dumm geguckt: «Aber sie hätten sich sicher nicht gewehrt.» Am 21. Oktober 1979 wurde Ursula Mauch mit 36'568 Stimmen als erste Aargauerin in den Nationalrat gewählt. Und sie blieb während 16 Jahren die einzige Aargauerin in Bern. «Das ist schon unsäglich», findet sie. «Wir waren bald der letzte Kanton mit nur einer Frau in Bern.»

Vor 30 Jahren hielt Ursula Mauch, damals SP-Fraktionspräsidentin, an der ersten Lenzburger Frauentagung die Eröffnungsrede (siehe Box)  Im Januar 2018 wird sie als Ehrengast ein Grusswort an die Teilnehmerinnen richten. Auch heute stehe es um die Frauen im Aargau nicht viel besser, sagt die 82-Jährige. «Wir hatten bis jetzt erst drei Regierungsrätinnen und noch nie zwei Frauen gleichzeitig in der Regierung.»

Es sei in den Parteien heute noch so, dass bei einer Vakanz geschaut werde, ob man einen habe – und nicht eine. «Insofern haben Frauen immer noch einen schweren Stand.» Ändern könnten daran vor allem die Frauen selber etwas. «Sie müssen sich trauen, hinzustehen und die Ellbogen auszufahren. Wenn man das nicht macht, kommt man einfach nie auf einen grünen Zweig.»

Frau im Männergremium

Sie selber hatte selten Mühe, als Frau hinzustehen, und führt das vor allem auf ihr Elternhaus zurück. Ihre Eltern waren absolut gleichberechtigt. Ihre Mutter habe gearbeitet. Sich um den Laden der Metzgerei gekümmert. Der Vater behandelte seine Tochter gleich wie seine Söhne. «Ich hatte nie das Gefühl, dass ich halt nur ein Mädchen bin», sagt Ursula Mauch. Auch ihren späteren Beruf durfte sie frei wählen. Dass es ausgerechnet ein Chemiestudium am Technikum in Winterthur war, fanden ihre Eltern zwar jenseits von Gut und Böse, liessen sie aber machen. Chemie sei natürlich eine Männer-Angelegenheit «bis äne use» gewesen. Aber sie habe dort gelernt, sich in einem Männergremium zu bewegen. «So war mir das in der Politik einfach nie fremd.»

Das dunkelrote Kleid

Auch dort war sie mit dem Dossier Energiepolitik als Frau ziemlich alleine. «Es ist ausgesprochen kein Frauenthema», sagt Ursula Mauch. Sie habe schon gemerkt, dass die Männer anfangs erstaunt waren, dass sie als Frau Bescheid wusste. «Aber diskriminiert fühlte ich mich deshalb nie.»

Kleider machten aber schon Leute, als Ursula Mauch in Bern politisierte. Das spürte sie als Frau besonders. Ein Mann habe ihr einmal einen Brief geschickt. Er war wahnsinnig beeindruckt, wie sie da im Nationalrat gesprochen hat, und wollte ihr sagen, dass ihr dunkelrotes Kleid so gut zu den Eichenmöbeln gepasst habe. Ursula Mauch lacht. «Darüber, was ich gesagt habe, hat er nichts geschrieben.» Solche Erlebnisse haben sie aber nicht gestört. «Dem kann man sich nicht entziehen. Das hat keinen Sinn.»

Was es hingegen noch nicht gab damals, waren soziale Medien. Aufschreie wie zum Beispiel #MeToo, unter dem auch Schweizer Politikerinnen sexuelle Übergriffe anprangerten. Ursula Mauch erinnert sich an einen Vorfall, als ihr eine Kollegin erzählte, sie werde von einem der Oberen in der Regierung belästigt. «Es war kein Bundesrat», stellt Ursula Mauch sofort klar. Als sie davon erfahren hatte, habe sie das Gespräch mit einem der SP-Bundesräte gesucht, der das aber als «dummes Zeug» abtat. Im Nachhinein habe sie sich schon gefragt, ob sie vielleicht «mehr Mais» hätte machen sollen.

Als die SP-Fraktion beschloss, Bundesrätin Elisabeth Kopp nicht als Vizepräsidentin zu unterstützen, wegen der Geldwäscherei-Gerüchte ihres Mannes, war das nicht einfach für Ursula Mauch. Als Fraktionspräsidentin war es ihre Aufgabe, den Beschluss gegenüber der Öffentlichkeit zu vertreten. Damals habe sie sich oft anhören müssen, wie ausgerechnet sie als Frau sich nicht hinter Bundesrätin Kopp stellen könne. «Ich konnte den Leuten einfach nicht beibringen, dass das nichts mit mir als Frau zu tun hat.»

Natürlich sei es wichtig, dass sich Frauen gegenseitig unterstützen. «Aber wir sind doch immer noch politisch.» Für Ursula Mauch ist klar: «Wenn jemand – egal ob Mann oder Frau – eine Politik vertritt, die für mich nicht stimmt, kann ich diese Person nicht unterstützen.» Deshalb ist sie auch überzeugt, dass die SP-Fraktion eine allfällige Kandidatur von Magdalena Martullo als Bundesrätin «sicher nie unterstützen wird».

Einmischen und mitmischen

Aber es gab auch Momente in Bern, in denen die Frauen gemeinsam etwas erreicht haben, weil sie die Ellbogen ausgefahren haben. Zum Beispiel bei der Bundesratsersatzwahl für René Felber im Jahr 1993. Die Kandidatin der SP, Christiane Brunner, fand keine Mehrheit. Stattdessen wurde ihr Parteikollege Francis Matthey gewählt, der aber auf Beschluss der SP verzichten musste. «Da haben wir uns so richtig eingemischt», sagt Ursula Mauch. Nicht nur die Frauen aus der Fraktion, sondern aus der ganzen Schweiz. «Wir haben gesagt, so geht das nicht. Jetzt wird eine Frau in den Bundesrat gewählt.» Die Parteispitze schlug darauf Christine Brunner und Ruth Dreifuss vor. Letztere erreichte bekanntlich die Mehrheit. «Das war doch ein gewaltiger Aufbruch», sagt Ursula Mauch.

Sie glaubt nicht, dass es irgendwann keinen Unterschied mehr macht, ob jemand Mann oder Frau ist. Aber sie hofft, dass in der Schweiz irgendwann ein Gleichgewicht herrscht. Nicht nur in der Politik, sondern überall und vor allem auch in der Wirtschaft. Sie frage sich manchmal, ob es die Finanzkrise gegeben hätte, wenn alles Frauen an der Spitze gewesen wären. Der Ton in politischen Diskussionen habe sich nämlich verändert durch die Frauen. «Er ist anständiger geworden.»