Handlungsbedarf

Erst 50 von 1400 Bushaltekanten im Aargau sind behindertengerecht

Buseinstieg von Karl Emmenegger an der Station Salhöhe. Heute ist hier nichts vorgekehrt. Ein bestehendes Projekt für eine behindertengängige Haltestelle wird dies aber bald ändern.

Buseinstieg von Karl Emmenegger an der Station Salhöhe. Heute ist hier nichts vorgekehrt. Ein bestehendes Projekt für eine behindertengängige Haltestelle wird dies aber bald ändern.

Wie alle Kantone hat auch der Aargau noch einen langen Weg vor sich, um Bushaltestellen behindertenfreundlich zu gestalten. Erst 50 von über 1400 Haltekanten entlang der Kantonsstrassen sind schon angepasst.

Mehrere Jahre zahlten Bund, Kantone und viele Gemeinden zu viel Geld an die Postauto AG. Nun muss diese 205 Millionen Franken zurückzahlen. 14,9 Millionen Franken davon gehen an den Aargau. Das «Netzwerk Enthinderung», dem auch der an den Rollstuhl gefesselte Thurgauer CVP-Nationalrat Christian Lohr angehört, fordert jetzt, diese Mittel für die barrierefreie Anpassung von Bushaltestellen zu verwenden.

Im Jahr 2024 müssten nämlich alle Bushaltestellen in der Schweiz barrierefrei sein, macht das Netzwerk geltend. Die Frist für Kantone und Gemeinden läuft bald ab. Doch erst ungefähr 1000 der 50 000 Bushaltestellen in der Schweiz seien umgebaut und von Personen mit Behinderung autonom nutzbar.

13 000 Franken pro Haltekante

Lohr und seine Mitstreiter machen geltend, die Erhöhung der Haltekanten,
also der Randsteine bei den Bushaltestellen, koste im Durchschnitt 13 000 Franken. Somit könnten mit den 205 Millionen Franken ungefähr 16 000 Bushaltestellen angepasst werden.

Würden die Kantone nochmals diese Summe aufwenden, kämen sie dem Ziel des Bundes-
gesetzes deutlich näher. Selbstverständlich unterstütze man die Forderung nach hindernisfreien Bushaltestellen, sagt Marc Moser, Kommunikationsverantwortlicher des Behindertendachverbandes Inclusion Handicap. Man sei massiv im Hintertreffen, um die Frist einzuhalten. Wie das finanziert wird, ist für ihn zweitrangig: «Hauptsache, es geht endlich etwas. Die Zeit wird extrem knapp!»

Noch viel Arbeit im Aargau

Wo steht der Aargau? Der Kanton zählt insgesamt 1266 Bushaltestellen beziehungsweise 2414 Haltekanten. Laut Giovanni Leardini, Sprecher des Departements Bau, Verkehr und Umwelt (BVU), sind inzwischen 50 Haltekanten umgebaut. Da ist man also noch nicht weit. Wie geht es denn weiter? Es gelte zu differenzieren, sagt Leardini. Von den zirka 1400 Haltekanten auf Kantonsstrassen seien rund 500 dem sogenannten Grobnetz zugeordnet. Dazu zählten die wichtigsten umzubauenden Haltekanten, immer mindestens eine pro Gemeinde: «Daraus ergibt sich, dass noch rund 450 Haltekanten prioritär umzubauen sind. Die übrigen werden im Rahmen der laufenden Instandhaltungsprojekte angepasst.»

Dann kann der Kanton die zeitliche Vorgabe also nicht einhalten? Um die Haltekanten im Grobnetz bis 2023 umbauen zu können, sei ein separates Projekt gestartet und die entsprechenden Ressourcen aufgebaut worden, hält Leardini fest. «Von den übrigen Haltekanten können bis 2023 nur noch diejenigen umgebaut werden, die sich im Bereich von laufenden Instandhaltungs- oder Ausbauprojekten befinden».

Paradebeispiel für Behindertengerechtigkeit:

Die Haltestelle Elro in Bremgarten, umgesetzt im Zusammenhang mit einem Kreiselprojekt.

Die Haltestelle Elro in Bremgarten, umgesetzt im Zusammenhang mit einem Kreiselprojekt.

Kanton: Kosten sehr viel höher

Wenn das so ist, könnten die Postautomillionen doch einiges beschleunigen? «Wir gehen davon aus», sagt Leardini dazu, «dass dieses Geld als ausserordentlicher Ertrag in die laufende Staatsrechnung verbucht wird, aus der die unrechtmässig bezogenen Abgeltungen finanziert wurden. Zudem werden Bushaltestellen – soweit der Kanton zuständig ist – mit Mitteln aus der Strassenrechnung gemeinsam mit den Gemeinden finanziert.» Für Haltestellen an Gemeindestrassen sind die Gemeinden allein für Bau, Unterhalt und weitere Massnahmen wie die Umsetzung des Behindertengesetzes zuständig.

Aber warum geht es so schleppend, wenn neue Haltekanten laut dem «Netzwerk Enthinderung» im Schnitt ja nur 13 000 Franken kosten? Diesen Betrag könne man nicht nachvollziehen, entgegnet Leardini: «Wir rechnen mit durchschnittlichen Kosten pro Haltekante von 100 000 bis 150 000 Franken.»

Dabei ist laut dem Baudepartements-Sprecher zu beachten, dass es viele Varianten von Sanierungen gebe. Zum Teil müssten Haltestellen verschoben werden, weil am alten Ort gar keine Anpassungen möglich sind. Oder es müssen Haltebuchten geometrisch angepasst werden, weil sie für den Bus mit neuen, 22 cm hohen Randsteinen nicht mehr befahrbar seien. Häufig brauche es auch Landerwerb. Einzelne Haltestellen könnten eventuell schon mit weniger Aufwand angepasst werden, speziell bei Fahrbahnhalten: «Aber auch diese können mit 13 000 Franken nicht abgedeckt werden.»

Darum ist es so teuer

 Doch warum wird der Umbau teurer? Mit der Rampe allein sei es nicht getan, sagt Leardini. Der erhöhte Bereich könne von einem Bus in Fahrt nicht «überstrichen» werden, da er mit der Carrosserie an den Randstein stiesse. Daher müsse oft die Geometrie der Haltestellen angepasst werden. Wird dies nicht befolgt, kann der Bus nicht nah genug an die Rampe heranfahren und der Rollstuhlfahrer wiederum nicht selbstständig in den Bus fahren.

Damit der Bus einwandfrei an die erhöhten Kanten heranfahren kann, müsse ein Spezialrandstein über einen längeren Abschnitt verbaut werden. Daher mache es auch kaum einen Unterschied, die Erhöhung gleich auf eine normgerechte Länge anzupassen.

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