Festtage

Ersatzweihnachten im Kinderheim: So feiern 64 Kinder – ohne Eltern, wie in einer Grossfamilie

Die Atmosphäre ist nicht anders als in der Stube einer Grossfamilie: 64 Kinder im Kinderheim Brugg haben bereits ein Weihnachtsfest gefeiert. Über die Feiertage werden die Kinder von Angehörigen abgeholt. Die meisten jedenfalls.

Sie sind hier, weil sie zu Hause nicht mehr sein können. Die Kinder im Kinderheim Brugg. Ihre Hintergründe und die Geschichten ihrer Eltern sind unterschiedlich: Überforderung bei der Erziehung, häusliche Gewalt, zerrissene Familien, Drogenprobleme oder auch psychische Erkrankungen der Eltern. Für die Kinder ein toxisches Umfeld: «Sie haben zum Teil schlimme Sachen erlebt. Je nachdem in welchem Alter die Kinder zu uns kommen, ist da bereits vieles passiert», sagt Danilo Gamma, Sozialpädagoge und stellvertretender Gruppenleiter einer Kinderwohngruppe.

Das Kinderheim Brugg hat acht solche Wohngruppen. Sie sind nach Planeten benannt. Die Kinder kommen auf unterschiedliche Weise ins Kinderheim: «Auf der Notfallgruppe kann es sein, dass die Polizei die Kinder bringt. Sonst sind es meistens Entscheide von Familiengerichten oder Beiständen», erklärt Elena Glutz, Assistentin des Heimleiters. Es könne sein, dass ein Nachbar, ein Familienmitglied oder auch Lehrpersonen Missstände bemerken und diese melden.

Der Sozialpädagoge Danilo Gamma hält ein kleines Mädchen auf dem Arm, als er die Bühne betritt. Um das Baby ist eine Lichterkette gelegt, sie strampelt wild, als die Musik angeht. Es wird bald seinen ersten Geburtstag feiern. Die Wohngruppe Pluto hat ihren Weihnachtsauftritt. Danilo Gamma und acht weitere Kinder tanzen mit Sternen und Bäumen, die im abgedunkelten Saal leuchten. 

Vom Baby bis zum Teenager

Das Weihnachtsfest findet jedes Jahr statt, seit 20 Jahren. 64 Kinder leben zurzeit permanent im Kinderheim, 32 weitere Kinder besuchen hier die Tagessonderschule, weil sie nicht in eine Regelschule gehen können. Im Schulheim Stift Olsberg, welches auch zum Kinderheim gehört, leben weitere 24 schulpflichtige Kinder.

Die Kinder haben gemeinsam mit ihren Betreuern Auftritte vorbereitet, eine Gruppe singt, eine andere führt ein Theaterstück auf. Dabei kommt ein Engel auf die Erde und will Streit zwischen zwei Kindern schlichten. Auf der Bühne steht ein liebevoll geschmückter Weihnachtsbaum. Der Abend ist akribisch durchgeplant, sagt die Assistentin des Heimleiters: «Fast auf die Minute genau, das muss sein, bei so vielen Kindern.» Eine Gruppe Jugendlicher hat ein Video realisiert, gute Superhelden werden von bösen Fremden an Weihnachten angegriffen. Gemeinsam überwältigen die Freunde die Bösen. Die Übeltäter kommen zur Vernunft und wollen nach dem Kampf mitfeiern.

Die Eltern sind nicht dabei

160 Menschen sind im Saal anwesend, darunter die Stiftungsräte des Kinderheims und die Helfer. Die Eltern der Kinder sind nicht dabei. «Diese klare Trennung mussten wir aus verschiedenen Gründen machen. Es würde für alle zu kompliziert, zu schwierig», sagt Danilo Gamma. Am Sommerfest oder auch am Jugendfest Brugg seien die Eltern dabei.

«Das Kind lebt in einem Wechselkontext und muss das auch erst verdauen können», sagt der Sozialpädagoge. Viele Kinder dürfen ihre Eltern besuchen und umgekehrt. «Manchmal passiert es, dass sie nach Hause gehen und dann nicht verstehen, weshalb sie wieder ins Heim müssen. Sie Fragen dann, warum sie nicht beim Mami bleiben können. Das ist eine ganz natürliche Reaktion», sagt er weiter. Probleme gebe es vor allem dann, wenn die Kinder bei einem Besuch spüren, dass die Eltern gegen das Kinderheim ankämpfen.

Dieses Jahr werden die meisten Kinder abgeholt über die Feiertage. Aber nicht alle. «Kinder sind schlau, sie verstehen, dass jetzt Weihnachten ist und sie nicht nach Hause dürfen», sagt Gamma. Einige Kinder dürften am 25. Dezember nur für ein paar Stunden nach Hause. Deshalb feiere man im Kinderheim Brugg diese Art Ersatzweihnachten im Voraus.

Nach dem grossen gemeinsamen Festessen macht sich die Gruppe Pluto mitsamt Dessert auf den Weg zurück ins Wohnheim. Neun Kinder im Alter zwischen 11 Monaten und 14 Jahren wissen, dass das Christkind während ihrer Abwesenheit vorbeigekommen ist. Die alte Villa gibt einem bereits im Eingangsbereich das Gefühl, bei einer grossen Familie auf Besuch zu sein. Die Fenster sind mit selbst gebastelter Weihnachtsdekoration geschmückt, die Kinder ziehen ihre Schuhe aus und schlüpfen in ihre Finken. Sie alle nehmen auf der Treppe Platz.

Die Gruppenleiterin schleicht sich aus dem Wohnzimmer zurück in den Gang und legt den Finger auf die Lippen: «Schhhh, hört ihr das?» die Kinder machen grosse Augen. «War es da?», fragt ein Mädchen aufgeregt. Aus der abgedunkelten Stube ertönt Weihnachtsmusik. Die Mädchen und Jungen trippeln vorsichtig in den Wohnbereich und nehmen auf den Sofas um den Weihnachtsbaum Platz. Darunter stapeln sich die Geschenke. «Die Bezugspersonen kaufen die Geschenke für die Kinder. Jedes Kind hat ein bestimmtes Budget und dann sucht man entweder etwas aus, oder man fragt die älteren Kinder direkt was sie sich wünschen», erklärt Danilo Gamma.

Die Atmosphäre ist nicht anders als in der Stube einer Grossfamilie. Herzlich und – sobald die Bescherung losgeht – hektisch. Geschenkpapierfetzen bedecken bald den ganzen Wohnzimmerboden. «Bei Kinderheimen denkt man oft an eine Institution mit langen Gängen und aneinandergereihten Türen», sagt Danilo Gamma und widerlegt die gängige Vorstellung. Die Wohngruppen bestehen aus acht, in dieser Gruppe aus neun Kindern. Man wollte ein Geschwisterpaar nicht trennen. «Man hat gemerkt, dass das eine gute Grösse ist für eine solche Wohngruppe, so bleibt es familiär.» Auf diese Weise werde ein Familienkontext simuliert, mit den Betreuern als Ersatzeltern.

Die Kinder schlafen entweder allein, zu zweit oder zu dritt in einem Zimmer. Über den Betten hängen Fotos von Angehörigen oder von Tieren. Manche Kinder verbringen ihre ganze Kindheit hier.

«Niemand darf diesen Schrank aufmachen, nur Danilo», steht auf dem Kleiderschrank eines Mädchens. «Ich bin ihre Bezugsperson», kommentiert der Sozialpädagoge das handgeschriebene Verbot. Aus dieser Wohngruppe werden dieses Jahr über die Feiertage nur zwei Kinder nicht nach Hause gehen. «Sie sind ganz neu bei uns. Sie müssen jetzt zuerst ankommen.»

Mittlerweile sind im Erdgeschoss alle Geschenke ausgepackt. Auf dem grossen Küchentisch stapeln sich die Playmobilschachteln, die Kinder sind damit beschäftigt, ihre neusten Spielsachen aus den Verpackungen zu befreien. «Heute dürfen sie ausnahmsweise länger aufbleiben», sagt Gamma.

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