Landwirtschaft
Ernährer oder Landschaftsgärtner? Bauern diskutieren übers Bauern

Was ist wichtiger: Kühe oder Blumen? Aargauer Landwirte diskutieren den Interessen-Konflikt zwischen Nahrungsmittelproduktion und der Bewirtschaftung von Ökoflächen, welcher aus der eidgenössischen Agrarpolitik 2014-17 resultieren kann.

Hans Lüthi
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Bauern mit Herzblut im Naturama (v.l.): Präsident Alois Huber vom Bauernverband Aargau (Wildegg), Felix Gautschi (Gontenschwil), Andreas Bosshard (Vision Landwirtschaft), Ruedi Weber (Menziken), Andreas Hitz (Untersiggenthal), Roman Abt (Bünzen). Emanuel Freudiger

Bauern mit Herzblut im Naturama (v.l.): Präsident Alois Huber vom Bauernverband Aargau (Wildegg), Felix Gautschi (Gontenschwil), Andreas Bosshard (Vision Landwirtschaft), Ruedi Weber (Menziken), Andreas Hitz (Untersiggenthal), Roman Abt (Bünzen). Emanuel Freudiger

EMANUEL PER FREUDIGER

Der Konflikt jedes Bauern liegt darin, zwischen der Produktion von Nahrungsmitteln und der Rolle als Landschaftsgärtner einen Weg zu finden. Je nach Ausbildung und politischer Einstellung verlagern sich die Schwerpunkte. Das zeigte eine lebhafte Diskussion zwischen fünf eigenständigen Aargauer Bauernköpfen im Naturama Aargau.

Aargau: 14 Prozent sind Ökoflächen

Die Bundesverfassung schreibt den Bauern die Produktion von Nahrungsmitteln, die Erhaltung natürlicher Lebensgrundlagen und die Pflege der Kulturlandschaft als gleichberechtigte Aufgaben vor. An der Agrarpolitik 2014-17 wird kritisiert, sie sei viel zu stark auf extensivere Produktion und Ökologisierung ausgerichtet.
Gemäss Matthias Müller, Leiter Landwirtschaft Aargau, verlangt der Bund 7 Prozent Ökoflächen. «Im Aargau haben wir 12 Prozent, zusammen mit den Hochstamm-Kulturen 14 Prozent», sagt Müller zum guten Wert im Mittelland. In Vorbereitung sind drei Initiativen zu Selbstversorgung, nachhaltiger Produktion und zum Import von Lebensmitteln. (Lü.)

Die Agrarpolitik 2014–17 des Bundes löst Ängste aus, weil die Produktion von Nahrungsmitteln ohne Staatshilfe erfolgen muss und die ökologischen Leistungen gezielter gefördert werden. «Jeder Bauer sollte ein guter Landschaftsgärtner sein», sagte Andreas Bosshard von Vision Landwirtschaft leicht provozierend.

Zu grosse Mengen Importfutter

Der intensive Anbau mit schweren Traktoren, mit Kunstdünger und Pestiziden, bedrohe die natürlichen Lebensräume und die Artenvielfalt. Der Import von täglich 4000 Tonnen Futtermitteln habe gigantische Ausmasse angenommen. «Die zweite Schweiz liegt in Südamerika», meinte Bosshard zum fragwürdigen Import von Soja aus Brasilien. «Brot und Blumen gehören zusammen», lautet sein Aufruf an die Aargauer Bauern.

Nahrung für das Herz

Den Blumenpreis in der Bauernrunde hätte der grüne Grossrat Ruedi Weber locker gewonnen. Auf dem Trolerhof in Menziken pflegt er neben der Mutterkuhhaltung 39 Prozent Ökoflächen. Die 220 Pflanzenarten auf seinem Hof sind «Nahrung für das Herz. Blumen und Tiere habe ich furchtbar gern», bekannte er vor rund 80 Bäuerinnen und Bauern im vollen Mühlbergsaal des Naturamas.

«Die Vielfalt war schon da, als ich kam», relativierte Grünbauer Weber seine Leistung für die Natur. Roman Abt vom Rütihof in Bünzen, dem grössten Biohof im Land, strebte 10 Prozent Ökoausgleich an, «jetzt sind wir bereits bei 26 Prozent», stellte er fest. «Als Bauer bin ich auch Unternehmer und muss die Qualität laufend optimieren», heisst sein Credo. Statt bei der Ausbildung der Bauern die Ökologie zu belächeln, müsse man «die Leute für die Umwelt begeistern. Freude, Ertrag und Gewinn kommen von selbst, wenn die Biobauern alles richtig machen», ist Abt felsenfest überzeugt.

Die Bauern wollen produzieren

Alle Bauern sehen sich als Unternehmer, die sich nach dem Markt richten müssen. «Der Konsument entscheidet, was produziert wird», lautete ein Kernsatz des Abends. Am Schluss muss sich der Aufwand für Getreide oder Tierzucht lohnen, ebenso für den Ökoausgleich. «Darum optimiert ein guter Bauer den Betrieb ständig», sagte Biobauer Alois Huber, Präsident des Bauernvereins Aargau und Pächter auf dem Schlosshof bei der Wildegg.

Wie alle Berufskollegen betonte auch Felix Gautschi aus Gontenschwil, er sei mit Herzblut Bauer, «aber ich bin kein Landschaftsgärtner». Die neue Agrarpolitik sei ungerecht, sagte der Schweinezüchter und Ackerbauer. Ökologie in Ehren, «aber wir Bauern wollen produzieren», argumentierte Präsident Andreas Hitz vom Milchverband Mittelland. Wenn seine Turbo-Kühe der Rasse Holstein viel Milch gäben, brauche er dadurch für die gleiche Jahresleistung weniger Tiere.

Moderatorin Bea Stalder vom Naturama legte den Finger auf wunde Punkte wie qualitativ schlechte Ökoflächen oder den «Selbstbetrug mit der Selbstversorgung». Dieser verberge sich hinter den grossen Mengen importierter Futtermittel.

Naturama in Aarau Ausstellung «Wir essen die Welt», bis zum 9. Februar 2014.