Dass die SVP die grüne Regierungsrätin Susanne Hochuli lobt, ist äusserst selten. Doch es kommt vor: «Es ist erfreulich, dass nun auch Frau Hochuli eingesteht, dass es fast unmöglich ist, Eritreer zu integrieren», sagt Martina Bircher, SVP-Sozialvorsteherin in Aarburg. Bircher will Hochuli zudem «per Mail dafür danken, dass Sie den Mut hatte, die Existenz von Parallelgesellschaften anzusprechen».

Susanne Hochuli: «Eritreer gehen gern dorthin, wo schon andere Eritreer sind. Dann besteht die Gefahr, dass sie sich abkapseln.»

Die Grüne Aargauer Regierungsrätin Susanne Hochuli fordert mehr Geld für die Integration von Eritreern. Sie befürchtet, dass diese sich ansonsten in Asyl-Ghettos zurückziehen.

Auslöser für das Lob ist ein Interview von Hochuli in der «Schweizer Illustrierten». Dort sagte sie unter anderem: «Mit dem heutigen System können wir diese Eritreer nicht integrieren.»

Sobald diese ihren Wohnsitz frei wählen könnten, würden sie dorthin ziehen, wo schon Landsleute leben. So etwa nach Aarburg, wo heute 160 anerkannte Flüchtlinge aus Eritrea leben. «Dort entsteht eine Parallelgesellschaft, die sich abschottet und die man kaum erreichen kann», so Hochuli.

Asylbewerber ziehen in eine Unterkunft in Aarburg ein – in der Gemeinde leben 160 anerkannte Flüchtlinge aus Eritrea.

Asylbewerber ziehen in eine Unterkunft in Aarburg ein – in der Gemeinde leben 160 anerkannte Flüchtlinge aus Eritrea.

Für die Gemeinden sei es eine Belastung, wenn immer mehr Eritreer zuziehen: «Es gibt dort tatsächlich Probleme. Etwa in den Schulen, weil die Flüchtlinge oft erst alphabetisiert und angeleitet werden müssen, wie wichtig Ausbildung ist.»

Zudem fänden die Eritreer ohne intensive Integrationsmassnahmen nur schwer eine Arbeit. Mit negativen Folgen, wie Hochuli ausführte: «Manche von ihnen macht die Sozialhilfe langfristig lethargisch, verbunden mit einer Anspruchshaltung.»

«Keine neuen Eritreer aufnehmen»

Um diese Probleme zu lösen, fordert sie mehr Bundesgeld für die Integration der Flüchtlinge – die heutigen 6000 Franken würden bei weitem nicht reichen. «Es braucht mindestens viermal so viel Geld.»

Martina Bircher sieht dies ähnlich: «Ich bin dafür, dass jene Eritreer, die schon in der Schweiz sind und eine Aufenthaltsbewilligung haben, möglichst gut integriert werden.»

Dafür brauche es sicher mehr Geld vom Bund, dennoch sei die Aufgabe sehr schwierig. «Es gibt kaum noch Jobs für derart schlecht qualifizierte Menschen», erklärt sie. Und künftig werde sich diese Tendenz noch verstärken, deshalb befürchtet die SVP-Gemeinderätin, «dass trotz aller Bemühungen viele Eritreer in der Sozialhilfe bleiben werden».

Wenn es um neue Flüchtlinge aus Eritrea geht, ist Bircher gar nicht auf Hochulis Linie. «Da unterstütze ich die Forderungen der Kantone Luzern und Schwyz, keine weiteren Asylbewerber aus Eritrea aufzunehmen und dadurch die Attraktivität der Schweiz für diese Flüchtlinge zu senken», macht sie klar. Bircher fragt: «Wenn wir schon jene Eritreer nicht integrieren können, die heute bereits im Land sind, wie soll uns dies denn mit den Tausenden gelingen, die noch kommen werden?»

Kritik von Netzwerk-Asyl-Präsidentin

Patrizia Bertschi, Präsidentin des Vereins Netzwerk Asyl Aargau, bezeichnet die Aussagen von Hochuli über Parallelgesellschaften als Schwarzmalerei. «Ich teile die Meinung, dass es nicht gut ist, wenn eine Volksgruppe unter sich bleibt», sagt Bertschi. Das gelte nicht nur für Eritreer, sondern auch, «wenn sich türkisch- oder albanischstämmige Leute nicht mischen, wie das auch bei den Italienern der Fall war». Bertschi sagt, ihre tägliche Arbeit zeige, dass viele Eritreer und auch Flüchtlinge aus anderen Ländern in der Region wohnen möchten, die sie kennen. «In der Region Baden eine zahlbare Wohnung zu finden, ist jedoch sehr schwierig. Also ziehen sie dorthin, wo sie eine Wohnung finden, die sie bezahlen können.»

Zu den Problemen bei der Integration hält sie fest: «Integration ist eng mit Arbeit verknüpft: Keine Arbeit heisst auch kein Zugang zur Sprache und zu anderen Leuten.» Sie kritisiert, Menschen aus dem Asylbereich würden keine Integrationsmöglichkeiten erhalten. Und sie gibt zu bedenken: «Je länger das Verfahren dauert, umso schwieriger ist es, den Weg in einen Arbeitsprozess zu finden.»

Bertschi weiss um die verbreitete Abhängigkeit der Eritreer von Sozialhilfe. Dass daraus eine apathische Anspruchshaltung entstehen könne, betreffe nicht nur Eritreer, sondern sei ein allgemeines Phänomen. Bertschi ergänzt: «Wer noch nie in der Schweiz gearbeitet hat, hat es noch schwerer, Arbeit zu finden.»

Patrizia Bertschi unterstützt Hochulis Forderung nach mehr Bundesgeld, doch das reiche nicht. «Es braucht auch mehr Gelder und mehr Integrationsprogramme seitens des Kantons. Es braucht gezieltere Unterstützung bei der Arbeitsintegration. Die Ressourcen der Flüchtlinge müssen besser genutzt werden. Es braucht auch Praktikumsplätze, damit die Leute unseren Arbeitsalltag kennen lernen. Und all das braucht es von Anfang an.