Es ist bereits dunkel in Bali, als wir Erich Lüscher (68) über Skype erreichen. Der Reinacher lebt seit 1999 mit seiner zweiten Ehefrau Wiji auf der indonesischen Urlaubsinsel, 1200 Kilometer östlich der Hauptstadt Jakarta entfernt. Lüscher warnt zu Beginn unseres Gesprächs, dass er keine stabile Verbindung garantieren könne: «Und falls plötzlich ein Gewitter kommt, werden Sie mich gar nicht mehr sehen. Sie müssten es dann in rund zehn Minuten erneut versuchen.» Doch wir haben Glück: An diesem Abend bleibt es im Norden Balis, wo der ausgewanderte Aargauer heute lebt, trocken.

Die Geschichte, wie Erich seine zweite Ehefrau Wiji kennen lernte, würde wohl ein ganzes Buch füllen. Deshalb die Kurzfassung: Nach der Trennung von seiner ersten Frau in der Schweiz war Lüscher als internationaler Verkaufsleiter viel in Asien unterwegs. In Kuala Lumpur, der Hauptstadt von Malaysia, traf er während einer Zahnbehandlung erstmals auf Wiji, die in jener Praxis als Zahnarztgehilfin arbeitete. In den nächsten Monaten ging Lüscher häufiger zum Zahnarzt, um sich ihr anzunähern. Einige Flirtversuche später traf Amors Pfeil auch Wijis Herz: 1996 wurden die beiden ein Paar. Drei Jahre später wanderte Lüscher zusammen mit ihr nach Bali aus, kaufte sich drei Hektaren Land und mietete ein Haus.

Herr Lüscher, was war Ihr Plan, als Sie 1999 für viel Geld 30'000 Quadratmeter Land auf Bali erwarben?

Ich wollte mit meiner Frau ein grosses Ferienresort als zusätzliche Einnahmequelle eröffnen. Die gläubigen Muslime in der Region waren jedoch überhaupt nicht begeistert von unseren Plänen.

Weshalb?

Sie befürchteten halbnackte Touristinnen und demonstrierten mit Gewalt gegen das geplante Resort. Die Gläubigen beschädigten in der Nacht mehrmals unseren Zaun. Irgendwann verlor ich die Geduld und den Glauben an das Projekt.

Enttäuscht begrub Lüscher seinen Traum und zog mit Wiji 2004 in die Provinz Kayu Putih im Norden Balis. Auf seinen drei Hektaren Land blieb der Aargauer noch lange sitzen. Erst vor drei Jahren und ausgerechnet an seinem 65. Geburtstag fand er einen Abnehmer. Seither ist Lüscher alle Geldsorgen los.

Haben Sie sich den Traum eines eigenen Ferienresorts noch erfüllt?

Nein, wir haben uns hier niedergelassen und geniessen jetzt einfach das Leben. Pura vida! Bei den Bauarbeiten unseres Hauses war ich vom Spatenstich bis zur Übergabe mit dabei. Und ich habe zusätzlich einen Pool, einen Bungalow und einen Aussichtspunkt gebaut. Letzterer liegt 450 Meter über dem Meeresspiegel. Von dort oben sieht man über den ganzen Norden Balis, das ist einfach traumhaft.

War es kein Problem, eine Baugenehmigung zu erhalten?

Eine Genehmigung? Sehen Sie, das ist in Bali eine unkomplizierte Sache. In Indonesien gibt es nicht solche unnötige Bürokratieverfahren wie in der Schweiz. Hier wird gebaut. In der Schweiz muss man zuerst gegen Einsprachen ankämpfen, bevor man beginnen kann.

Erich Lüscher erzählt ausführlich von seinem «zweiten Leben» in Asien. Aber auch auf die Zeit im Aargau blickt er gerne zurück. Er sinniert über seine Kindheit in Reinach, seine Zeit an der Elektroingenieur-Schule in Windisch und sein Ferienhaus im Tessin. Wenn man seinen ausschweifenden Erzählungen von früher lauscht, könnte man ihn, als Unwissender, schnell einmal als Heimwehschweizer betiteln. Aber Heimweh hat Erich Lüscher ganz und gar nicht. Sein Haus im Tessin behält er nur für den Fall eines Bürgerkriegs in Indonesien. Und wenn dieses Worst-Case-Szenario nicht eintrifft, will er bis zu seinem Ableben mit seiner Wiji auf Bali bleiben.

Sehnen Sie denn gar nichts von Ihrem früheren Leben in der Schweiz zurück?

Nein. Bitte Verstehen Sie mich nicht falsch, ich komme wegen meiner Kinder, Enkel und Verwandten gerne ins Tessin und in den Aargau zurück. Aber ansonsten habe ich hier in Bali alles: Freiheit, eine wundervolle Natur, tolle Menschen. Und das Beste: Hier brauche ich im Winter keine Heizung.

Vermissen Sie nicht einmal den geordneten Strassenverkehr in der Schweiz? In Bali ist es ziemlich gefährlich, mit dem Auto oder Motorrad unterwegs zu sein.

Ich habe schon Zehntausende Kilometer mit meinem Toyota-Minibus zurückgelegt, und ich lebe noch. Aber Sie haben schon recht: Man kann hier nicht mit dem Beifahrer schwatzen oder aus dem Fenster schauen, sondern man muss sich voll und ganz auf die Strasse konzentrieren. Ein pingeliger Schweizer Verkehrspolizist würde nach Bali wohl mit einem Herzinfarkt in ein Spital eingeliefert werden.