Im November veröffentlichte die Fachstelle für Rassismusbekämpfung des Bundes einen Bericht über Massnahmen gegen Antisemitismus in der Schweiz. Das Papier schlug hohe Wellen. Einerseits betont die Fachstelle, die Terrorgefahr gegen jüdische Einrichtungen sei besonders gross, andererseits stiehlt sich der Bund aus der Verantwortung. Zahlen will er nämlich nichts an die nötigen Sicherheitsvorkehrungen. Vorgeschlagen wird, die Juden sollten doch eine Stiftung gründen und so selbst für ihre Sicherheit aufkommen.

Der Präsident des Schweizerischen Israelitischen Gemeindebundes (SIG), Herbert Winter, sagte dazu: «Für uns ist dieser Vorschlag inakzeptabel.» Juden würden überall auf der Welt von Terroristen angegriffen, weil sie Juden sind. Diese Gefahr sei auch in der Schweiz real, wie der Bericht festhalte. «Und nun sollen wir weiterhin selber für unsere Sicherheit aufkommen. Das ist Aufgabe des Staates», sagte Winter im November.

Der Generalsekretär des SIG, Jonathan Kreutner, sagt heute: «Das Positive daran ist, dass das Thema generell ernst genommen wird und sich jetzt auch Politiker für die Sache einsetzen.» Im Dezember reichte zum Beispiel Nationalrätin Yvonne Feri im Parlament eine Motion zur Sicherheit von Minderheiten vor terroristischer und extremistischer Gewalt ein. Diese Woche hat die Aargauer CVP-Präsidentin Marianne Binder im Grossen Rat einen Vorstoss eingereicht. Kreutner sagt, er begrüsse es, dass nun auch im Aargau der Schutz jüdischer Einrichtungen ein Thema sei: «Es ist wichtig und richtig, dass das auch auf kantonaler Ebene behandelt wird.»

«Vorsehen besser als Nachsehen»

Binder will vom Regierungsrat wissen, ob der Schutz besonders gefährdeter Menschen und Objekte gegen Terroranschläge im Aargau gewährleistet ist. Das betreffe nicht nur jüdische Einrichtungen. Weiter fragt Binder aber, wieso ausgerechnet jüdische Organisationen selbst für ihren Schutz aufkommen müssen, während die Sicherheit anderer Institutionen in der Schweiz von der öffentlichen Hand finanziert wird. Binder sagt, sie finde das ethisch äusserst fragwürdig.

Konkret gehe es darum, ob die jüdischen Einrichtungen im Aargau Bundesgelder für ihre Sicherheit beanspruchen könnten. «Generell meine ich, dass man angesichts der momentanen Bedrohungen durch fundamentalistische Gewaltakte in Zukunft mehr in die Sicherheit investieren muss. Vorsehen ist schliesslich immer besser als Nachsehen», so Binder.

Im vergangenen Jahr feierte die SIG 150 Jahre Gleichberechtigung der Juden in der Schweiz. Nach einer langen Geschichte der Restriktion und Verfolgungen waren Endingen und Lengnau jahrzehntelang die einzigen beiden Orte in der Schweiz, in denen sich Juden niederlassen durften – bis sie mit der Revision der Bundesverfassung 1866 die Niederlassungsfreiheit erhielten.

Jules Bloch, Präsident der Kultusgemeinde Endingen, sagt, die beiden Synagogen im Surbtal bräuchten heute keinen besonders aufwendigen Schutz mehr. Die meisten Schweizer Juden leben heute in den grossen Städten Zürich, Basel oder Genf. Die Surbtaler Kultusgemeinde wird immer kleiner. Die Gottesdienste finden im jüdischen Altersheim Margoa in Lengnau statt. Trotzdem patrouilliert die Kantonspolizei regelmässig bei den Synagogen im Surbtal.

Teure Bewachung in Baden

Die Israelitische Kultusgemeinde Baden (IKB) ist mit Abstand die grösste im Kanton. Ihr Präsident Josef Bollag erklärt: «Die IKB hat eine eigene Sicherheitsfirma gegründet, die von den Behörden anerkannt ist. Diese Firma bewacht die Synagoge in Baden und wer hier ein- und ausgeht.»

Zu den Gottesdienstzeiten würden zudem abwechselnd die Kantons- und die Stadtpolizei die Synagoge bewachen. «Wir haben guten Kontakt mit der Polizei. Das funktioniert sehr gut», sagt Bollag. «Eigentlich müsste die Synagoge ein offenes Haus sein, aber das ist schon seit 30 Jahren nicht mehr möglich.» Es habe schon reale Gefahrensituationen gegeben. Deshalb beuge die IKB lieber vor, zum Beispiel mit einem neuen Zaun. Das werde nicht überall geschätzt, etwa von den Nachbarn der Synagoge.

Bollag lässt sich davon nicht beirren. Ein Drittel der Jahresausgaben braucht die Kultusgemeinde, die im Kanton Aargau als privater Verein eingetragen ist, allein für ihre Sicherheit. «Wir würden es sehr begrüssen, wenn der Kanton einen finanziellen Beitrag an unsere Sicherheit leisten könnte», sagt Bollag. Und es müsse eigentlich möglich sein, dass dafür auch Bundesgelder zur Verfügung stünden. Schliesslich würden sich Bund und Kantone laut der Bundesverfassung den Schutz und die Sicherheit der Schweizer Bevölkerung je nach Zuständigkeiten teilen.