Prozess

Er wollte nur seinen Bruder beschützen: Barbesitzer abgestochen

Wegen 300 Franken: Barbesitzer abgestochen

Wegen 300 Franken: Barbesitzer abgestochen

Im Februar wollen zwei Brüder 300 Franken Schulden eintreiben. Es kommt zur Schlägerei mit dem Barbesitzer und der jüngere Bruder sticht zwei Mal mit dem Messer zu. Nun wurden die beiden Brüder verurteilt.

Er habe nur verhindern wollen, dass sein Bruder ins Gefängnis müsse, sagt Valon *. Genützt hat es nicht viel: Jetzt muss nicht nur Valons Bruder Kushtrim * ins Gefängnis – sondern auch er selbst. Wegen 300 Franken.

Rückblende: Rothrist, 3. Februar 2014, ein kalter Montag. In der «Billard Lounge» beginnen ein paar Männer den Feierabend mit einem Kartenspiel. Kurz nach 17 Uhr öffnet sich die Tür zum Lokal.

Valon (21) und sein Bruder Kushtrim (30) treten ein. Barbesitzer Mergim * sitzt auch am Tisch, steht auf, um die zwei neuen Gäste zu begrüssen. Er muss sie nicht fragen, was sie wollen – er weiss es bereits: Schulden eintreiben. 300 Franken.

Kushtrim hatte ihn deswegen schon angerufen, und Valon war deswegen auch schon bei ihm. Jetzt, so scheint es, will Kushtrim sein Geld wirklich zurück. Während der Einvernahme hatte Valon zu Protokoll gegeben: «Ich kenne meinen Bruder sehr gut. Wenn er sein Geld nicht erhält, wird er sehr wütend.»

Die zwei Brüder gehen «sogleich auf ihr Opfer zu», heisst es in der Anklageschrift. Valon hat ein Messer in der Hand, Klinge acht Zentimeter, stellt sich hinter Barbesitzer Mergim, Kushtrim vor ihn. Jetzt geht es schnell.

Faust ins Gesicht, Mergim geht zu Boden. Mergim wehrt sich, Kusthrim geht zu Boden. Valon will Mergim von seinem Bruder wegziehen, hat zu wenig Kraft; versucht es noch einmal, wird von anderen Gästen zurückgehalten.

Mergim, der Schuldner, schlägt auf seinen Gläubiger ein – und Valon sticht zu. Zweimal, «mit voller Kraft in die linke Schulter». Die Brüder rennen aus der Bar, steigen ins Auto. Was sie nicht wissen: Eine Überwachungskamera in der Nähe filmt sie dabei, wie sie zur «Billard Lounge» fahren, und wie sie wenige Minuten und zwei Messerstiche später wegfahren. Kurz darauf trifft die Polizei ein, die anderen Gäste hatten sie alarmiert. Der Barbesitzer wird ins Spital gebracht.

Am Bezirksgericht Zofingen sitzt Valon regungslos auf seinem Stuhl, Brille und Igelfrisur, legeres Kurzarmhemd, spindeldürrer Körper. Unter dem Tisch die gefesselten Füsse, auf dem Tisch regungslos die gefalteten Hände.

Ruhig sagt er: «Ich war nur der Chauffeur.» Er habe seinen älteren Bruder nur zur Bar fahren, dort nur einen Kaffee trinken wollen. Ja, er habe gewusst, dass Kushtrim wegen der 300 Franken dorthin wolle, und er habe «eine schlechtes Gefühl gehabt», dass es zu einem Streit oder gar einer Schlägerei kommen könnte.

Das Messer habe er deshalb zum Schutz an sich genommen. «Ich wollte damit niemanden verletzen oder töten.» Er habe aus Panik zugestochen, weil sein Bruder hilflos unter Mergim gelegen habe; er habe gerufen: «Hört auf! Hört auf!» – «Ich wollte doch nur, dass mein Bruder nicht ins Gefängnis gehen muss.»

Ein Tisch neben Valon sitzt Kushtrim, Lederschuhe und Dreitagebart, elegantes Langarmhemd, kräftiger Körper. Die Beine lässt er unruhig hin und her schwenken, die Füsse nervös wippen.

Ungeduldig sagt er: «Es ist richtig, was Valon ausgesagt hat, aber das mit dem Geld war kein Problem, wir gingen nicht deshalb dahin, das Problem entstand erst bei der Begrüssung.» Mergim habe ihn als «Schwulen» bezeichnet – «das ist bei uns Albanern eine schwere Beleidigung», erklärt er.

Das habe er nicht dulden können, darum habe er Mergim gestossen, er ihn geschlagen. Dass sein Bruder mit einem Messer zugestochen haben soll, habe er nicht bemerkt, das müsse passiert sein, als sie bereits wieder weg waren.

Für die Richter ist klar: Beide sind schuldig der schweren Körperverletzung. Kushtrim wird zudem wegen Wucher, Hehlerei, Beschimpfung und Vergehen gegen das Waffengesetz verurteilt. Er muss 4,5 Jahre ins Gefängnis, sein Bruder Valon 4 Jahre. Obwohl er doch just das verhindern wollte.

*Alle Namen geändert

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